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BAYREUTH: SIEGFRIED – denken verboten

14.08.2014 | KRITIKEN, Oper

BAYREUTHER FESTSPIELE – SIEGFRIED. 13. August 2014

Denken verboten

 Die auf den Vorhang projizierten Warnhinweise im Bayreuther Festspielhaus zeigen drei Piktogramme: Telefonieren verboten, fotografieren verboten und filmen verboten. Nach diesem Siegfried, dem dritten Abend im Ring 2014, gehört eigentlich auch noch ein durchgestrichenes Hirn dazu: Denken verboten!

 Denn wie Frank Castorf hier das alteingesessene Festspielpublikum auf den Arm nimmt, lässt sich nur dann einigermaßen ertragen, wenn man nicht nachdenken muss über Logik der Handlung, über dramaturgische Abläufe und über den Sinn des Ganzen. Denn dann hat das handwerklich geschickt gemachte Werk durchaus seine Reize. Dann passt auch wieder das Bühnenbild von Aleksandar Denić, der die Schmiedeszene im schon bekannten Wohnwagen Mimes spielen lässt, angesiedelt vor dem berühmten Mount Rushmore in den USA, nur mit dem Unterschied, dass nicht vier amerikanische Präsidenten in den Fels gehauen wurden, sondern die vier Hauptprotagonisten des Kommunismus Marx. Lenin, Stalin und Mao (der übrigens von der Physiognomie her sehr Gorbatschow ähnelt). Und damit ist Castorf in seiner DDR-Vergangenheit angekommen. Viele ostdeutsche Versatzstücke und Andeutungen kommen ins Spiel, als Österreicher bekommt man wahrscheinlich nur einen Bruchteil mit, wie es wohl den zahlreichen japanischen Besuchern ergangen ist?

 Der Riese Fafner entpuppt sich als Zuhälter im Kreis seiner Miezen, sein „Ich lieg und besitz“ passt so gar nicht zu diesem Bild, am Berliner Alexanderplatz wird er schließlich von Siegfrieds Kalaschnikow hingemetzelt. Dauernd geht es in der Handlung hin und her (wobei die Videos endlich mit Maß und Ziel und Sinn eingesetzt werden), aus den US-Bergen hin ins Zentrum Berlins, ein cowboyhafter Wanderer wird zum deutschen Lebemann, dem die Nutte Erda einen Blowjob verpasst. Dass die Schmiedeszene ein richtiges Schwert Nothung hervorbringt, verwundert sogar schon. Dass Mime ein Intellektueller ist, der mit dem Naturburschen Siegfried so seine Mühe hat, das kennt man ja! Aber Nachdenken darüber, was das gleiche Tattoo auf Wotans Brust und auf Alberichs Handrücken bedeutet, sollte man lieber nicht – siehe oben!

 Geht man in die Pause hört man intellektuell angehauchte Unterhaltungen, die zum Inhalt haben, was denn der Regisseur eigentlich gemeint hat, wenn der von Siegfried am Strick nach Hause gebrachte Bär/Mann (der später schwarz geschminkt wird – ja, es geht um das schwarze Öl) pausenlos Bücher von rechts nach links trägt und dann wieder retour! Dann spürt man, dass Castorf sein Ziel der kompletten Publikumsverarschung erreicht hat. Ich sage nämlich einmal, das geschieht nur deswegen, damit auf der Bühne eine Mords-Action herrscht. Positiv: in der Personenführung klappt es nach dem Rampentheater der Walküre diesmal wesentlich besser. Bewundernswert, wie die Bühne auch vertikal voll ausgenutzt wird. Die 15 Meter Höhendifferenz wird von Siegfried wohl ein dutzendmal überwunden. Aber auch seine Sängerkollegen, die nicht über so eine durchtrainierte Figur verfügen wie Lance Ryan, müssen rauf und runter – Chapeau!

 Eine Extralob gibt es für die Lichtregie Rainer Caspers, besonders die Effekte im 3. Akt begeisterten. Und witzig durfte es auch sein: Etwa wenn die Felsreliefs von Lenin und Stalin plötzlich lebendig werden oder wenn gerade im poetischsten Moment, dem Liebesduett Brünnhilde/Siegfried drei Krokodile (im Vorjahr waren es noch zwei) am Alexanderplatz auftauchen und den Waldvogel, der vorher schon die Unschuld des Titelhelden geraubt hatte, zu verspeisen beginnen. Aber Siegfried rettet den Vogel aus dem Maul und sorgt damit für die erste Eifersuchtsszene mit seiner neuen Geliebten.

 Ja, die Charaktere sind gut gezeichnet, aber im Grunde nimmt Castorf Richard Wagner nicht Ernst! Und das ist sein Fehler und seine Stärke zugleich! In diesem Zusammenhang ein kleiner Schwenk zum Gedruckten. Opernprogrammhefte zu lesen ist ja meist eine anstrengende Sache. Wann soll man es tun? Vorher? Keine Zeit. In der Pause? Auch nicht ideal. Zu Hause? Da findet man es nicht mehr und wenn, dann sind meist langatmige philosophische Artikel durchzuackern. Nicht so bei dem Programm des heurigen Bayreuther Ringes, denn schon die Kurzinhaltsangaben von Regieassistent Patric Seibert (der im übrigen auch in diversen Statistenrollen auf der Bühne zu sehen ist) amüsieren. Ein Beispiel gefällig? Aus der Inhaltsangabe für Siegfried: „mime, unter dem nicht unbegründeten verdacht stehend, ein intellektueller zu sein, verzweifelt an den früchten seiner erziehungsmethoden. siegfried ist ein rüpel. auch der versuch dauerhaftes kriegsspielzeug zu schmieden, misslingt. nothungs trümmer bleiben hart wie kruppstahl. wotan, der es in seinem fremdfinanzierten heim nicht mehr aushält, besucht mime während einer wanderung. deutsche abendunterhaltung: ein wissensquiz“. Und dann gibt es noch die Hinweise auf den Franzosen Vladimir Jankelevitch und sein Werk „Die Ironie“ aus dem Jahr 1964. Und hier sollte man doch noch einmal nachhaken, vielleicht „versteht“ man dann Castorfs Ring-Deutung besser.

 Kommen wir nun zum Musikalischen und auch in dieser Hinsicht, bot der Siegfried nicht nur uneingeschränkte Freude. Denn gerade beim dritten Teil der Tetralogie vermeint man zu bemerken, dass die Arbeiten Castorfs und Kirill Petrenkos eher nebenbei abliefen, als dass sie gegenseitig befruchtend wirkten. Gewiss, das Orchester spielt auch diesmal hervorragend, doch vermeinte man einige Wackler zu hören. Gleiches gilt für die Solisten, da sind dann schon das eine oder andere Mal gewissen Intonationsprobleme hörbar, da kommt der eine oder andere Spitzenton ohne Verbindung zum Körper rausgeschossen, aber will man es den Sängern ankreiden, bei dem Pensum, das sie zu absolvieren haben?

 Positiv überrascht wurde ich vom Titelhelden, der offenbar gewisse Probleme mit dem Publikum am Grünen Hügel hat, wie er in Zeitungsinterviews bekundete. Vielleicht bezog er die Buhrufe nach Ende der Vorstellungen in der ersten Serie auf sich, aber es schien mir diesmal doch sehr klar, dass damit ausschließlich das Regieteam gemeint war. Immer wieder ist es für mich unbegreiflich, wie man diese Partie „durchdrücken“ kann, und Lance Ryan findet sogar herrlich lyrische Momente und seine Gestaltung als gar nicht strahlender Held, sondern eher rüpelhafter Zeitgenosse hat schon was. Das beste Beispiel liefert er in der Schlussszene als er im Moment Brünnhildes höchster Erregung zur Speisekarte greift und das Hauptgericht aussuchen will. Nicht ganz so überzeugend wie in der Walküre, aber dennoch auf hohem Niveau agierte Catherine Foster als Brünnhhilde. Wo findet man heute eine Sängerin für diese Partie mit so wenig Vibrato? Auch bei seinem Finaltag überzeugte mich Wolfgang Koch als Wanderer/Wotan. Wunderbar italienisch angehaucht sein Bariton, große Klasse! Burkhard Ulrich heimste als Mime Riesenapplaus ein, was aber mehr seiner darstellerischen Klasse als seinem Gesang (oft reines parlando) zuzuschreiben war.

 Oleg Bryjak als Alberich und Sorin Coliban als Fafner boten solide sängerische Leistungen, mit ihnen wäre im Szenischem noch einiges herauszuholen. Nadine Weissmanns abwechselnd brünette/blonde Erda zog nicht nur mit ihrem (blendend) nuttigem Aussehen die Blicke auf sich, sondern betörte auch mit profunder Altstimme. Ob Mirella Hagen durch die Tatsache, dass sie ein riesiges Revueglitterkostüm als Waldvogel tragen musste und in den Handlungsablauf aktiv einbezogen war, von ihrem Gesang abgelenkt war? Keine Ahnung, aber irgendwie schien sie zwischen nervös und unsicher unterwegs zu sein. Aber ich denke, das wird sich mit zunehmender Routine geben.

 Ein Buhorkan für die Regie nach dem letzten Ton, das bei Erscheinen der Sängerschar in Jubel überging.

 Ernst Kopica

 

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