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BAYREUTH/ Festspiele: DIE WALKÜRE – Farb- und Musikrausch in Bayreuth.

Bayreuther Festspiele: Die Walküre, 2. Aufführung am 03.08.2021

Farb- und Musikrausch in Bayreuth

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Copyright: Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath

Kurz vor dem Einlass kam an diesem Dienstagnachmittag ein Gewitter über den Grünen Hügel und entlud sich mit Blitzen, Donner und heftigem Regen. Die Besucher rannten, um ein trockenes Obdach unter Schirmen und Vordächern zu ergattern. Und Richard Wagner wollte es so, dass es drinnen mit dem Vorspiel zur Walküre genauso weiterging. Rasant sausten die Quint- und Sextolen der Kontrabässe auf und ab und gaben dem realen Wetter den passenden musikalischen Ausdruck. Dabei führte Pietari Inkinen das Festspielorchester nicht übertrieben hektisch, sondern in wohlbedachtem Tempo. Sein Einstand bei den Bayreuther Festspielen gelang wegen seines durchgehend klugen Dirigats. Zusammen mit der internationalen Solistenriege und der Aktionskunst des Hermann Nitsch war diese Walküre ein hörenswertes und sehenswertes Erlebnis.

Als konzertante Aufführung wurde diese Walküre angekündigt, (fast) halbszenisch würde sie der Verfasser bezeichnen. Angenehm war, dass die Sängerinnen und Sänger frei sangen und mit einem Talar in Einheitskostümen gekleidet waren. Das gab den Darstellern die Möglichkeit, unabhängig von Personenregie, Kostümzwängen und Regievorgaben ihren Sangespartien Leben und Leiden einzuhauchen. Dies geschah dezent und ganz aus dem Moment heraus. Die einheitlichen und zeitlosen Gewänder verliehen den Personen und dem Werk zudem eine überzeitliche Bedeutung.

Als Bühnenbild dienten im Hintergrund der Sängerrampe eine Umrahmung an drei Seiten und der weiße Boden. Hermann Nitsch ließ diese weißen Leinwände eimervoll begießen, beschütten und verstreichen. Der berühmte Vertreter des Wiener Aktionismus inszenierte die Farbausschüttungen und choreographierte die Malerinnen und Maler per Knopf im Ohr. So entstand im Laufe der Aufzüge jeweils ein Kunstwerk voll triefender knalliger Farben, deren Nuancen auf die Handlung und deren Musik abgestimmt war. Es entstanden immer wieder neue optische Eindrücke, die sich ständig wandelten und durch das Verlaufen vor allem der senkrecht verlaufenden Schüttungen an den Seiten immer neue Bilder entwickelten. Besonders eindrücklich passierte dies am Ende des ersten Aufzugs, als sich Sieglinde und Siegmund endgültig erkannten, und sich die Bühne plötzlich in ein leuchtendes Rot verwandelte. Ebenfalls der Feuerzauber war ein rot-oranges Meer und der Feuerring um Brünnhildes Felsen wurde so angedeutet. In diesen Momenten sorgte die Farborgie für einen regelrechten Sog. Die minimalistischen Darstellungen im Bühnenbild (eine Kreuzigungsszene im zweiten Aufzug und das Hochhalten einer Monstranz im dritten Akt) waren da eher ablenkend. Auch der dreifach wiederholte Ablauf der Bemalung in den drei Aufzügen sorgte spätestens im dritten Akt bei manchen Zuschauern für Unmut. Insgesamt aber war diese Form der Inszenierung eine neue Erfahrung, die das Werk um eine weitere Dimension bereicherte.

Sängerisch lag die Walküre auf hohem Niveau. Klaus Florian Vogt sang den Siegmund mutig und kraftvoll. In der Höhe strahlte hell seine Tenorstimme, resolut und markant gelangen ihm die tiefen Stellen. Die Monologe des ersten Aufzugs waren vorbildlich in Linienführung, Textverständlichkeit und Rollencharakteristik. Der Hunding von Dmitry Belosselskiy war nicht sehr finster und blieb hinter den Erwartungen zurück, zu oft wackelte sein tiefes Register. Lise Davidsen als Sieglinde überzeugte am meisten und erhielt verdientermaßen am Ende den größten Beifallssturm. Ihre Leistung war von warmen Tönen voll, schon ihre erste Phrase „Ein fremder Mann, ihn soll ich fragen“ zeigte auf, wozu sie fähig war. Eindrucksvoll zeichnete sie die Linien ihrer Partie, schier endlos schien ihr Atem und mühelos gelangen ihre Bravourstellen („Oh hehrstes Wunder“!). Mit dem lang ansteigenden Crescendo von „Auf mich blickt er“ zum Höhepunkt „bis zum Heft haftet es drin“ zeigte sie die ganze Wucht in ihrer Stimme.

Tomasz Konieczny sprang kurzfristig für Günther Groissböck für die Bayreuther Serie ein. Koniecznys Wotan war ein gewohnt markiger, gleichzeitig liebender Vater für Brünnhilde. Aufgrund der zuweilen zurückhaltenden Dynamik des Orchesters hat auch er seine gewaltige Stimmkraft drosseln müssen, was der Textverständlichkeit etwas abträglich war. Christa Mayer gab der Fricka die nötige stimmliche und charakterliche Tiefe, ihr nahm man die Empörung ihrem Ehemann Wotan gegenüber uneingeschränkt ab. Als Schwertleite war sie zudem Teil der Walküren, die in voller Fraustärke und ausgewogen abgestimmt eine überzeugende Leistung abgaben (Kelly God, Brit-Tone Müllertz, Stephanie Houtzeel, Daniela Köhler, Nana Dzidziguri, Marie Henriette Reinhold, Simone Schröder). Iréne Theorin sang erstmals in Bayreuth die Brünnhilde. Als international erfolgreiche (Wagner-)Sopranistin sang sie ihre Rolle in erprobter Weise mit dem nötigen Engagement. Am meisten bleibt die Todesverkündigungsszene des zweiten Aktes im Gedächtnis. Ihre Rollengestaltung zusammen mit der Klaus Florian Vogts ging unter die Haut. In diesem Moment hielten auch die Farbmischer und Malerinnen und Maler inne und die „flatsch“-Geräusche der Farbeimer verstummten.

Das Bayreuther Festspielorchester klang an diesem Abend vielleicht für manche Bayreuth-Erfahrene ungewohnt zurückhaltend. Der leichte Missmut, der am Premierenabend der Serie dem Dirigenten entgegenkam, war bei der zweiten Aufführung nicht zu hören, dennoch war der Applaus am Ende hörbar gedämpft. Für den Verfasser dieser Zeilen aber unverständlich: Pietari Inkinen gab der Walküre den emotionalen Raum, der ihr geboten werden muss und führte das hervorragend disponierte und aufspielende Orchester mit viel Gefühl für die langen Phrasen, hoch differenziert in den Instrumentengruppen sowie vor allem sängerfreundlich. Dies geschah zugunsten des Werkes und der Textverständlichkeit. Manche Stellen, über die oft aufgrund des Effekts hinweggegangen wird, waren hier kristallklar und in ihrem Detailreichtum wahrnehmbar (z.B. das Ende von „Winterstürme wichen dem Wonnemond“). Der junge Finne hat Erfahrung mit Festspielorchestern, er leitete bis 2019 das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Dort zeigte er mit Ausschnitten aus „Siegfried“ sein Wagner-Können. Auf den Ring im nächsten Jahr unter seiner Leitung kann man sich freuen.

07.08.2021/Fabian Kropf

 

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