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BAYREUTH: DAS RHEINGOLD . „Einer, dem es gefiel“

11.08.2014 | KRITIKEN, Oper

BAYREUTHER FESTSPIELE – RHEINGOLD. 10. August 2014

Einer, dem es gefiel

 Eigentlich sollte man bei den Eintrittskarten zum „Ring“ bei den heurigen Bayreuther Festspielen einen Beipackzettel mitliefern, auf dem steht, dass der Besuch unter Umständen zu Nebenwirkungen wie Brechreiz oder Unwohlsein führen kann. Denn jedermanns Sache dürfte diese Inszenierung durch Frank Castorf wirklich nicht sein! Aber ich muss es vorweg schicken: wenn man sich vorurteilslos auf sie einlässt, dann amüsieren und begeistern diese 2 Stunden 20 Minuten Rheingold doch sehr. Was jenen Teil der Publikums betrifft, der unmittelbar nach dem Fallen des Vorhangs mit seinem „Buh“ lautstark sein Missfallen kundgeben wollte, da versteh ich einfach die Welt nicht mehr. In allen Feuilletons wurde schon im Vorjahr die Sichtweise des Regisseurs und seine Interpretation und seine Gags schon lang und breit erörtert, wenn man sich heuer eine Karte gekauft hatte, wusste man also gewiss, was einen erwartet und was man geboten bekommt. Man muss also schon masochistisch veranlagt sein, wenn man sich trotzdem auf so etwas einlässt, obwohl man was anderes (konservatives) lieber hätte. Apropos masochistisch: Die Temperaturen im Bayreuther Festspielhaus betrugen am Vorabend der Trilogie gefühlte 38 Grad Celsius, dennoch herrschte im Haus eine sehr konzentrierte angenehme Stimmung, lediglich die Sängerinnen wussten die Wohltat des Swimming Pools zu nützen.

 Und damit sind wir bereits beim Regiekonzept Castorfs, der das Rheingold in einem „Golden Motel“ irgendwo an der Route 66 spielen lässt. Die Rheintöchter gehen ihrem zweifelhaften Gewerbe nach, verführen den handelsreisenden Trapper Alberich, der ihnen aber das Gold abluchst, das als schwimmende Haut im Pool zu sehen ist. Wotan wird per Telefon von diesem Ereignis informiert und räkelt sich gerade nach einer Liebesnacht im Bett gemeinsam mit seiner Gattin Fricka und delektiert sich ebenso an Freia. Ein pistolenschwingender Donner und ein dandyhafter Froh sind mit von der Partie, die Riesen Fafner und Fasolt kommen aus der Ölbranche und fordern mit Baseballschlägern ihren Lohn ein: Die Fertigstellung von Walhall ist im TV zu sehen, Geld gibt es aber keines, auch Loge, der in schickem roten Anzug die Bühne betritt, kann an der Lage nichts ändern. Freia muss als Pfand bei den beiden „Schwarzen“ bleiben.

 Bis zu diesem Zeitpunkt weiß der Zuseher nicht, wo er zuerst hinsehen soll: Kameraleute filmen die Handlung mit, ein Videoscreen zieht die Aufmerksamkeit auf sich, viele Details überraschen, die Eindrücke überfrachten einen, ab und zu gelingt es, sich auf die Musik zu konzentrieren: ein Spektakel läuft ab und die Grundregel jedes Theatermachens wird eingehalten: Es ist keine Sekunde Fadesse zu spüren.

 Ein kleiner Durchhänger kommt bei dem Szene mit Mime und Alberich, aber im Finale geht es wieder flott zur Sache: Erda betört Wotan mit allen weiblichen Reizen, während Fafner Fasolt erschlägt treibt er es gerade hinter der Milchglastür mit ihr. Die Konföderiertenflagge wird eingeholt, die Regenbogenflagge gehisst, das Schlussbild wirkt wie „Somewhere over the rainbow“. Fulminant, schräg, an der Handlung vorbei und ihr doch folgend, schwer zu beschreiben, was hier abgelaufen ist, nur eines kann gesagt werden: Unterhaltung pur wird in jeder Sekunde geboten.

 Kommen wir zum Musikalischen: Besser kann man sich ein Rheingold eigentlich nicht vorstellen! Wie Kirill Petrenko das Festspielorchester führt und wie er bei allen schauspielerischen Anforderungen den Sängern jederzeit unter die Arme greift, ist bewundernswert. Daher gab es für ihn auch den größten Publikumsbeifall. Aber auch

der Wotan von Wolfgang Koch wusste einzunehmen: Prächtige Diktion, keine Mankos, so soll es sein. Und auch der neu ins Team geholte Alberich beeindruckte nachdrücklich. Ohne den wahren Grund zu wissen, warum Martin Winkler, der im Vorjahr diese Rolle verkörperte, ausscheiden musste, für Oleg Bryjak gibt es nur die besten Rezensionen: Eine Bühnenpräsenz sondergleichen, wortdeutlich und packend gab er den Schwarzalben. Beinahe schon gewohnt ist man die extraordinäre Leistung von Norbert Ernst, dessen Timbre immer dunkler wird und der Loge genau so sang, wie es sein soll. Aber auch die übrige Götterschar überzeugten: Markus Eiche, dessen Donner immer effektvoller und dramatischer wird, Lothar Odinius als interessanter Froh, Claudia Mahnke als Fricka abseits vom Mainstream der Wotansgattin, Elisabet Strid rundete als erotische Freia (im Latexoutfit) diese Runde ab. Extrabeifall durfte Nadine Weissmann als Erda einheimsen. Berechtigt, denn diese Altstimme passt perfekt zur Urmutter. Etwas ungewohnt das (dunkle) Timbre von Burkhard Ulrich als Mime, ideal besetzt die beiden Riesen: Walter Schwinghammer als verliebter Fasolt und Sorin Coliban als brutaler und drohender Fafner. Und auch an den drei Reintöchtern (Woglinde: Mirella Hagen, Wellgunde: Julia Rutigliano und Floßhilde: Okka von der Damerau) gab es nicht zu bemängeln.

 Die Drehbühne wurde von Aleksandar Denić in seinen Bühnenbildern ideal eingesetzt, einzig die Tatsache, dass die Video-Wall von meinem Ecksitz nicht immer einsehbar war, störte doch nicht unwesentlich. Ein Mittelding aus scheußlich bis interessant waren die Kostüme von Adriana Braga Peretzki.

 Man kann gespannt sein, ob Castorf diesem Rheingold an den drei weiteren Abenden adäquate Weiterführungen anbietet. Irgendwie ist man ja nach dem ersten Abend der Meinung, dass man vielleicht verarscht wurde von Regie und Inszenierung, aber ich muss sagen, lieber so verarscht werden, als von Bechtolf und ähnlichen Konsorten mit Fadesse gelangweilt. Schaun mer mal, wie es weitergeht!

Ernst Kopica

 

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