BASEL/ Theater/ Schauspielhaus: DIE MÖWE – Schauspiel von Anton Tschechow
16.10.2026 | Schauspiel
Basel – Schauspielhaus: «DIE MÖWE» – Anton Tschechow in einer Bearbeitung von Martin Crimp
Schweizer Erstaufführung: 14.10.2026

Antoinette Ullrich, Gala Othero Winter (Fotos: Ingo Höhn)
Möwen die Federn lassen – eine traurige Komödie
Der Saal ist voll von jungen Menschen, und das, obwohl das Stück gute 3,5 Stunden dauert. Ein Ziel, das Wunsch jedes Theaters ist, erreicht somit die Schweizer Erstaufführung Anton Tschechow`s «Möwe» (1895) in der Bearbeitung (2026) von Martin Crimp, übersetzt von Peter Hilton Fliegel schon bei der Premiere.
Eine durchgehende Handlung ist in dieser Bearbeitung zweitrangig. Vielmehr orientiert sich Crimp in der Fokussetzung an Konstantin Stanislawskis Durchbruchsinszenierung von 1898: Statt individuelle Geschichten, zwischenmenschliche Konflikte als Ausdruck grösserer Machtverhältnisse darzustellen. Dem folgend ist die Inszenierung von Jaz Woodcock-Stewart charakterisiert durch ein Aufeinandertreffen der Schauspielenden, die sich meist zu zweit damit beschäftigen, einander zu verstehen, sich zu erzählen und zu lieben. Im Zentrum stehen kommunikative Situationen in unterschiedlichen Settings rund um das Theater und seine Beteiligten (Dramaturgie: Kris Merken). Ob es die Premierenvorbereitung eines Theaters, ein Strandaufenthalt mit Wasserbecken oder die beengende Landschaft der Kindheit ist – die Bühne bleibt schlicht und überrascht nur auf subtile Art. Textliche Selbstreflexion über Kunst, Erfolg und Anerkennung sowie dynamische Bühnenelemente schaffen eine wortwörtliche Rundum-Sicht auf Theaterspiel, Produktion und Rezeption (Bühne: Rosie Elnile).
Die Szenenwechsel sind vornehmlich durch wechselnde Alltagsoutfits (Kostüme: Gaëlle Da Costa, Rosie Elnile) und soundcheckartige, jungelähnliche Toneinspielungen markiert (Komposition und Sounddesign: Josh Anio Grigg). Die Wirkung reicht von erstauntem Überraschen bis zu beengender Ungewissheit, verstärkt durch das Lichtdesign von Alex Fernandes.
Während Anerkennungssuche, Erfolg und Leistungsdruck die Charaktere stigmatisieren und den ersten Teil etwas in die Länge ziehen, werden nach der Pause in kleinen Momenten unerfüllte Hoffnungen und die Macht des Kunstdiskurses kurzweilig knisternd sichtbar.
Antoinette Ullrich spielt sehr natürlich eine jugendliche Nina, deren grosse Ziele in Verzweiflung enden und die mit Kostja eine einprägsame Liebesszene teilt. Gala Othero Winter verkörpert Kostja (ursprünglich Konstantin) präzise und nahbar und verleiht der Figur die Melancholie einer todbestimmten Möwe. Petruschka (ursprünglich ebenfalls eine Männerrolle) nun gespielt von Sabine Waibel) lässt nichts einer authentischen Alkoholikerin aus. Auch kräftiges Erbrechen gehört zu ihrer Partie. Solche Special-Effects locken sicherlich die Zuschauer*innen aus der Reserve, sind dennoch auf der Bühne etwas befremdlich. Linus Schütz als Alexej Trigorin bringt die Problematiken des Schriftstellerlebens zur Sprache und schlussendlich durch seinen Liebesexkurs Kostja zum Selbstmord. Jan Bluthardt gibt als Doktor den Ausgleichenden und Irina, Marie Löcker, sorgt für Hysterie und Drama.
Kurz, das gesamte Ensemble setzt den psychologischen Realismus des Stückes theatralisch gekonnt um und lässt der modernen Theatertendenz folgend, physisch keine Tabus aus.
Rechnen Sie nicht mit einer klassischen Theatervorstellung. Gehen Sie offen für neue Theaterimpulse hin und erleben Sie das teilweise noch junge Ensemble unter der Regie von Jaz Woodcock-Stewart, das gemeinsam Spannungen sucht, die zwischen nahestehenden Menschen entstehen, wenn stille Pausen sprechen, Tränen und Ängste Hoffnungen erzählen und Küsse schweigend aneinander vorbei lieben.
Aurora Rufer

