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BASEL/ Große Bühne: BLAUBARTS GEHEIMNIS – Ballett Basel

24.06.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne – Ballett Basel: Blaubarts Geheimnis– Vorstellung vom 23.06.2014

 Der „andere“ Blaubart

 Zum Ende der Spielzeit gerät dem Ballett Basel eine Aufführung von Stefan Thoss’ genialem „Blaubart“, die ihresgleichen sucht. Die Aufführung ist auch deshalb „bemerkernswert“, weil jetzt diejenigen Tänzerinnen und Tänzer, welche nicht an der Premiere eingesetzt waren, zum Zug kommen. Dank dem geschickten Händchen von Ballettdirektor Richard Wherlock spielt es jedoch keine Rolle, mit welcher Besetzung man den Abend erlebt: beide sind grossartig!

 Im ersten Teil des Abends, den „Präludien“, begeistern die Paare Kihako Narisawa/Armando Braswell, Tana Rosas Suné/Cédric Anselme-Mathieu sowie Lydia Caruso/Ruochen Wang. Mit unglaublicher Intensität und Leidenschaft gelingen die unterschiedlichen Geschichten dieser Paare. Alles geschieht mit lautloser Leichtigkeit – obschon Thoss’ Choreographie von den Aufführenden mehr als nur alles abverlangt. Den Solopart im Präludium 7 meistert Alba Carbonell Castillo mit Bravour. Auch die verschiedenen Ensembles gelingen perfekt. Absolute Harmonie und Synchronität – dort, wo diese eben verlangt wird – bei den Tänzerinnen und Tänzern bei den verschiedenen Formationen. Alles hat sich im Laufe der Zeit wunderbar eingespielt. Aus den „Präludien“ geht dann am Schluss eben das Paar hervor, welches im Mittelpunkt des zweiten Teils des Abends steht: Blaubart und Judith.

 Armando Braswells Blaubart ist dämonisch-erotisch, leidenschaftlich, kraftvoll. Die Rolle scheint dem amerikanischen Tänzer auf den Leib geschrieben. Er tanzt jede Bewegung vollends aus und stellt seine immense Sprunggewalt und Virtuosität unter Beweis. Armando Braswell geht voll in der Musik auf, scheint darin zu versinken, mit ihr eins zu werden. Präzise tanzt er jede Nuance aus.

 Blaubarts „alter Ego“ wird durch Jeremy Nedd verkörpert – einem Tänzer mit fast schon unheimlich faszinierender Bühnenpräsenz. Streckt er Beine und Arme, scheinen diese nicht mehr aufhören wollen zu wachsen. Der schlanke, grazile Tänzer lässt sich wie Braswell voll und ganz in die Musik ein und begeistert mit gewaltiger Sprungkraft. Durch die intensive Gestaltung dieser beiden Ausnahmetänzer gerät ein besonders eindringliches Gesamtbild von Blaubarts Persönlichkeit und deren Abgründen. Und eben diesen Abgründen stellt sich Judith, eine junge Frau, welche den innerlich zerissenen Blaubart bedingungslos liebt, zu ihm steht und so den Bann der Übermacht von Mutter Blaubart zu brechen vermag. Sol Bilbao Lucuix verleiht Judith sensible Züge, welche mit wachsendem Selbstbewusstsein, mit dem sie dann am Schluss die Mutter besiegen kann, gepaart sind. Sol Bilbao Lucuix’ Tanz ist federleicht, fast schwebend aber dennoch präsent und durch exzellente Technik geprägt. Zart, aber nicht zerbrechlich ist ihre Mimik – man kauft ihr die echte Liebe zu Blaubart jederzeit ab. Ihre Gegenspielerin, Blaubarts Mutter umgarnt und beobachtet lauernd ihren Sohn mit seiner neuen Gemahlin wie eine Spinne. Debora Maiques Marin gelingt die Darstellung dieser dämonischen Rolle eindringlich. Nebst der starken darstellerischen Leistung startet sie sich auch als virtuose, brillante Tänzerin durch.

 Im Orchestergraben hat Thomas Herzog die Stabführung von Giuliano Betta übernommen. Auch unter Herzog gerät dem Sinfonieorchester Basel ein intensives musikalisches Erlebnis. Die angemessenen Tempi ermöglichen den Tänzerinnen und Tänzern eine besonders starke Interpretation der Musik von Henryk Gorecki und Philipp Glass, ohne dass dabei der akustische Genuss auf der Strecke bleibt. Brillant am Flügel: Christina Bauer.

 Mit „Blaubarts Geheimnis“  begeistert das Ballett Basel erneut mit Vielseitigkeit und seiner Fähigkeit sich auf verschiedenste choreographische Sprachen einzulassen. Stefan Thoss gehört sicher zu den kniffligsten unserer Zeit – er stellte mit seinem Blaubart unsere Compagnie vor die wohl anspruchsvollste Aufgabe in dieser Spielzeit. Mit grosser Hingabe meisterte unser Ballett diese Herausforderung mit absoluter Bravour. Zur grossen Freude aller wird Stefan Thoss in der kommenden Saison wieder für die Basler Compagnie choreographieren. Wir freuen uns drauf – und auf all die anderen Produktionen des Ballett Basel natürlich auch!

Michael Hug

 

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