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BASEL/ Foyer Große Bühne: FÖHN. EIN ZYKLISCHES WETTERSPIEL. Vertonte Kopfschmerzen. Uraufführung

17.09.2014 | KRITIKEN, Oper

Basel: Theater Basel – Foyer Grosse Bühne – „Föhn. Ein zyklisches Wetterspiel  – Uraufführung, Premiere vom 16.09.2014

Vertonte Kopfschmerzen

Das Wetter – immer wieder Inspirationsquelle von Komponisten. Man denke nur an Wagners Winter- und Gewitterstürme im Ring oder an Rossinis traditionelle Gewitter, welche sich zu eigentlichen Hits entwickelten und somit in kaum einer Rossini-Oper fehlen durften. Ein meteorologisch-musikalisches Novum schaffen heuer Christian Zehnder (Konzept, Inszenierung, Raum, Ko-Komposition), Fortunat Frölich und Urs Widmer mit ihrem Musiktheater „Föhn“, welches noch vor der Hofmann-Premiere auf der Grossen Bühne die neue Theatersaison einläutet. Eingangs stellt sich natürlich die Frage, ob nun wirklich jede Wetterstimmung musikalisch vertont werden soll – und dann erst noch der Föhn, der ja bekanntlich die Hauptschuld für unsere Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit und miesepetrige Laune – kurz: das gesamte Elend der Welt – trägt. Der Föhn ist aber auch der Todbringer für die Menschen, wenn seine Winde Feuerfunken auf Häuser und Felder wehen und so grossflächige Brände entfachen. Und auch eben dieser Föhn beschert uns nicht selten eine wunderbare klare Aussicht aus dem Mittelland auf die Berge. Um diesen Plot entsteht ein zyklisches musiktheatralisches Wetterspiel um den Text des im April 2014 verstorbenen Schweizer Meisterschriftstellers Urs Widmer und der Musik von Komponist Fortunat Frölich und Co-Komponist Christian Zehnder. Im Foyer des Theaters steht ein riesiger Berg, der Mannsberg, umgeben von einem Gleis. An den Berg gelehnt und schlafend die Bäuerin und ihr Mann. Auf einem Wagen mit Fernrohr wird der auf einer Schreibmaschine tippende Mythos/Erzähler auf den Schienen um den Berg gerollt. Er philosophiert über den Föhn, einer Metapher für die unausweichliche Naturgewalt und den Tod, dem wir ebenfalls nicht entgehen können. Etwas pragmatischer sieht das Bauernpaar den Föhn. Beide sind vom Leben arg gezeichnet. Er nach vorne gekrümmt vom ewigen Buckeln von Heuballen, sie ins hohle Kreuz gebogen vom mühseligen Schleppen von Körben und Zeinen. Die beiden haben sich nicht nur in der Beziehung sondern auch körperlich auseinander gelebt. Aufgrund seiner Haltung sieht der Bauer lediglich noch die Schuhe seiner Frau und sie – sie sieht ihren Gatten wegen ihres ewigen Blickes in den Himmel überhaupt nicht mehr. Beide mögen sie den Föhn nicht – diesen Verursacher von Kopf- und sonstigen Schmerzen und den Verwirrer der Sinne. Die männliche Dorfgemeinschaft wird ebenfalls arg vom Föhn gebeutelt. Sie bemächtigt sich der Föhnfrau mit der verführerischen Stimme. Es bleibt ihnen jedoch nichts ausser – Luft. Natur und Mensch – das ist der inhaltliche Bogen, den das Stück spannt. Der Mensch, selbst einer ihrer Teile, versucht, die Gesetze der Natur zu sprengen und ihr die Regeln aufzuzwingen, was bis zu einem gewissen Punkt auch (teilweise) gelingen mag. Der Tod – ebenfalls ein natürliches Phänomen – ist der Moment, in welchem die Natur in jedem Menschenleben wieder in ihre alten Rechte tritt. Fortunat Frölich gelingt zusammen mit Christian Zehnder eine stimmungsvolle musikalische Partitur, welche die verschiedenen Wetterstimmungen gekonnt widerspiegelt. Besonders faszinierend gelingen dem Komponisten die Wiedergabe der Klangwelten auf der einsamen Alm um den Mannsberg zu Beginn. Aus dem linden Lüftchen entwickelt sich sich im Verlaufe des anderthalbstündigen Abends ein todbringender Föhnsturm, der seinesgleichen sucht. Der Föhnchor (Leitung: Fritz Näf) meistert beeindruckend seinen anspruchsvollen Part aus Sprech- und herkömmlichem Gesang. Das Ensemble Phoenix Basel unter der Leitung von Erik Ona performt kraftvolle orchestrale Naturgewalt. Hevorzuheben dabei sind die Blechbläser sowie Schlagzeug und Pauke. Ein gesangliches Highlight bietet Susanne Elmark als Föhnfrau. Sie meistert ihren mörderischen Koloraturpart mit verführerischer Frische. Carina Braunschmidt und Martin Hug geben als verschrobenes, kauziges Bauernpaar den Kontrapunkt zum Mythos/Erzähler Hans Rudolf Twerenbold. In der Darstellung gefällig, wäre bei den sprechenden Rollen eine deutlichere Diktion wünschenswert. Das Bauernpaar spricht in einer Art schwer definierbarem (Schweizer) Dialekt, was für das Verständnis des Textes – mal von den grobschlächtigen Momenten – wenig förderlich ist. Urs Widmers literarisches Werk liest sich nicht leicht und flüssig, wie dasjenige von Konsalik; es fordert dem Leser einiges ab. Wenn man die Texte nur hört, wird es gerade nochmals ein Zacken anspruchsvoller für den Betrachter. Mühsam wird es dann, wenn der Zuhörer die Texte rein akustisch nicht oder nur schwer verstehen kann. Und das ist am Premierenabend der Fall. So mancher Besucher blickt da auf die Uhr und/oder wartet auf den nächsten musikalischen oder bühnentechnischen Effekt. Trotz vieler guter Effekte (Licht: Markus Küry) beginnt sich alles in die Länge zu ziehen. Am Schluss bleibt dann doch ein Anflug von Kopf- und Rückenschmerzen. Für letztere ist allerdings nicht der Föhn, sondern die eher harte Sitzgelegenheit verantwortlich.

Peter Heuberger

 

                                                                                                          Michael Hug

 

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