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BASEL: DANCE LAB6 – Ballettpremiere

07.06.2014 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Ballett Basel: DanceLab 6: Premiere 6.6.2014

 Bereits zum sechsten Mal durften Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Basel ihre eigenen Choreographien unter der künstlerischen Leitung von Richard Wherlock zeigen. Und wiederum ist der Beweis erbracht, wie viel Talent hier in Basel versammelt ist.

 Einer der Höhepunkte des Abends ist bereits das erste Stück „Slowly morphing into one another“ von Sol Bilbao Lucuix. Zu beobachten ist die Reaktion einer Gruppe auf eine Veränderung des Raum um sie herum. Dieser Raum wird von einem transparenten Schleier, der mal von der Decke herunterpresst, mal den Raum seitlich verkleinert, ständig verengt, erweitert, verformt. Ein riesiger Mond scheint unerreichbar, doch endlich wird der Raum so eng, dass den Menschen nichts übrigbleibt, als darunter hervorzukriechen und sich damit zu befreien. Endlich kann man sich strecken, nach dem Mond greifen, ihn berühren. Dieses tänzerische Kleinod wird untermalt von der genialen Musik von Fabrizio di Salvo, dessen martialische Trommelklänge an Kampfübungen von Samuraikriegern erinnern, was durch die weiten Hosen der Tänzer und die schwerttanzartigen Bewegungen noch unterstrichen wird.

„Playground“ von Andrea Tortosa Vidal hingegen baut ganz auf die Individualität von Kindern auf einem Spielplatz. Jedes Kind ist in seine eigene Welt versunken, spielt für sich, redet nur mit sich selbst oder schweigt. Als Gruppe definieren sich die Kinder in Schuluniformen allerdings nur selten, auch Interaktionen zu zweit oder dritt werden eher vermieden. Auf einen Spielplatz wäre man ohne Programmheft wohl nicht gekommen, da helfen auch die elektronischen Beats von Janiv Oron nicht weiter.

„Follow me“ von Anthony Ramiandrisoa wird erst einmal slapstickartig anmoderiert, was aber nicht ganz in diesen Rahmen passt. Schilder mit „Schande über uns“ und „Unser Choreograph ist verrückt“ werden hochgehoben, was das Folgende wohl entschuldigen soll aber nicht kann: Ein wildes Potpourri an Regieeinfällen folgt, ein Poster von François Hollande wird abgerissen nur um ein Bild einer Atombomenexplosion freizulegen. Über den roten Teppich stöckelt ein metrosexuelles Rocker-Gruftie-Model in Federbolero auf High Heels, männliche und weibliche Möchtegern-Models versuchen, es ihm gleichzutun. Dorftänze werden von spanischer Gitarrenmusik (Gustavo Santaollala: „Iguazu/Deportation“) untermalt, ein Dorfbewohner lässt sich zum Thema „to be gay or not to be gay“ von Männchen und Weibchen küssen. Die Musik wechselt zu Blechtrommelgefeuer (Tambours du Bronx: „Requiem“), die Dorfbewohner liegen am Boden in den letzten Zuckungen, das Poster wechselt zu einem blutigen Christus am Kreuz und und und. Irgendwie ahnt man das Thema Krieg, Deportation, Massenerschiessung, aber zu viele Themen werden angeschnitten, um dem Chaos noch eine Richtung zu geben.

Mit „Splitt Fighter“ erzielt Javier Rodriguez Cobos zu Recht den Publikumserfolg des Abends: Zwei Geschwister kommen von der Schule nach Hause und spielen das 1991 erschienene populären Videospiel Street Fighter II. gegeneinander. Und auf der Bühne wird dieses berühmte Videospiel lebendig, mit den Original-Figuren wie Karate-Ryu, dem grünen Monster Blanka, dem Inder Dhalsim und der chinesische Agentin Chun Li, und alles vor der Basler Rheinkulisse! Die Kampfszenen von einem alten Videospiel mit all seinen typischen Bewegungen und Geräuschen nachzustellen und das alles mit Tanzschritten, ist eine Meisterleistung und lässt bei manchem Gamer wehmütige Erinnerungen wach werden. Vor allem als – wie damals im richtigen Leben – die Mutter dem Spass ein Ende macht.

In „In(sane)“ erzählt Julian Juarez Castan effektvoll zu der Musik von Händels Messias in fliessenden Bewegungen von der Einweisung einer Patientin in die Irrenanstalt, wo schliesslich drei Patienten und drei Wärter miteinander auskommen müssen, und es nicht immer klar ist, wer der Verrückte und wer der Gesunde ist. Was ist normal? Im Grunde egal, solange man nur man selber bleibt.

In „Divertissement“ von Armando Braswell tanzt sich ein Paar durch verschiedene Tanzstile, von klassischem Ballet über Tango bis zu Diskoschritten zu den unterschiedlichsten Musikrichtungen (u.a. Sonny Bono, Dean Martin, Niederflur). Running Gag ist dabei eine Banane, die das Paar ständig unterbricht und es schliesslich auch auf selbigen ausrutschen lässt. Durchaus „unterhaltend“ – wie der Titel verspricht – und hervorragend getanzt. Im Hintergrund läuft ein LSD-Trip mit rosa Wolken und Flamingos als Video – mehr Sinn kann man der Performance auch nicht abgewinnen.

„An homage (displays of affection and social dances)“ von Jeremy Nedd nimmt das offenbare Plagiat in Beyoncé Knowles Musikvideo „Countdown“ als Aufhänger für das Thema Original und Kopie, der Hinweis ist allerdings unnötig, weder die Kostüme noch die Musik erinnert entfernt an Beyoncé. Die Ausstattung ist ein gold-silberner Albtraum, in dem zwei Damen im Vordergrund und zwei im Hintergrund anscheinend für ein Musikvideo proben. Die eher langweilige Choreographie zu Bassbeats kann aber auch nicht durch Interaktionsversuche mit dem Publikum gerettet werden.

Alles in allem aber ein vergnüglicher Abend mit einigen unerwarteten Höhepunkten.

Alice Matheson

 

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