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Bart Van Loo: BURGUND

23.04.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Bart Van Loo
BURGUND
Das verschwundene Reich
Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag
656 Seiten, C.H.Beck Verlag, 2020

Für historisch interessierte österreichische Leser wird Burgund immer ein besonderes Thema sein. Schließlich hat Maximilian I. dieses kulturträchtige, prächtige Land einst für die Familie Habsburg „erheiratet“ – und bis dahin wird die Geschichte dieser einstigen europäischen Macht von dem flämische Historiker Bart Van Loo in seinem Buch erzählt.  Er lässt die Ereignisse mit dem 16jährigen Karl enden, den er „letzten Burgunder“ nennt (was nur eine seiner vielen „Rollen“ war, der als Carlos I. König von Spanien, als Karl II. Herzog von Burgund und als Karl V. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs war).

Natürlich kennen wir die „Burgunder“ auch aus der Nibelungensage, dort sind sie allerdings in Worms am Rhein verankert. Und in der Folge lernt man, dass das, was sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung „Burgund“ nannte (und so mächtig war, dass man selbst ein Königreich werden wollte), als „Fleckerlteppich“ aus unzähligen Ländern und Grafschaften bestand, die hin und her geschachert wurden und sich doch in unruhigen Zeiten nicht hindern ließen, wirtschaftlich zu florieren. Alles an diesen Landstrichen schien begehrenswert, geerbt, erheiratet, erschachert oder erobert zu werden, ob Flandern oder Brabant, ob Geldern oder der Hennegau, ob Luxemburg oder Charlais, alle zur „Hoch“-Zeit Burgunds zusammen geschlossen, heute historische Begriffe, in die größeren Länder ringsum aufgegangen.

Und immer lag und stand Burgund, neuralgisch zwischen Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich positioniert, immer auch mit den Engländern befasst, die schließlich ihre Ansprüche in einem „Hundertjährigen Krieg“ auf den Kontinent trugen, im Zentrum der wildesten politischen Ereignisse, immer hat man es auch mit französischen Königen, machtgierigen Fürsten, aufständischen Städten und deutschen Begehrlichkeiten zu tun.

Nachdem sich germanische Stämme – und die Burgunder waren wie die Franken einer davon – um das Erbe des Weströmischen Reiches zankten (gerade, dass man Attilas Hunnen noch bei den Katalaunischen Feldern geschlagen hatte, so dass sie nicht Europa übernahmen), bildeten sich bunte Machtblöcke.

Seine wirklich eigene Geschichte bekam Burgund, als Philipp, vierter Sohn des französischen Valois-Königs Jean (genannt „der Gute“), der seinerseits Sohn einer burgundischen Herzogstochter war, 1368 mit dem Herzogtum Burgund belehnt wurde (und gleich die Erbin von Flandern heiratete). Er sorgte dafür, dass sein Reich sich vom französischen Seitenzweig zur eigenständigen Dynastie und zum selbständigen Marktfaktor hocharbeitete (und auch starken Einfluß auf die französische Politik nahm). Nicht umsonst nennt die Geschichte ihn „Philipp der Kühne“.

Es folgen eine Menge farbiger Gestalten, sein Sohn Johann Ohnefurcht, wie er genannt wurde, nicht so brillant wie der Vater, aber skrupellos und in den Wirren der Zeiten erfolgreich genug (er und seine Schwester wurden in einer spektakulären Doppelhochzeit – das schafften nicht nur die Habsburger – mit zwei Wittelsbacher-Sprößlingen verheiratet), wobei er, wie später auch sein Sohn, immer noch Zeit für künstlerische Interessen fand.

Ihm folgte sein Sohn Philipp „der Gute“, der zwischen England und Frankreich changierte und eine gewaltige Machtfülle vereinen konnte, und dann dessen Sohn Karl „der Kühne“, dem sein ewiger Wagemut nicht gut bekam und der auf dem Schlachtfeld starb. Dessen Tochter und einzige Erbin heiratete bekanntlich den österreichischen Erzherzog Maximilian, der später als Kaiser Maximilian I. (und mit Hilfe seiner Enkel aus der Ehe mit Maria von Burgund) den größten Machtzuwachs der Familie Habsburg arrangieren konnte.

Bart van Loo verfährt nicht trocken-analytisch, erzählt nicht sachlich, sondern  er erzählt blumig, die Fakten werden ausgeschmückt, menschlich, er lässt an großen Tafeln teilnehmen und an Turnieren, gibt anschauliche Porträts von Fürsten und ihren Taten, gewährt Einblick in Kriege und Verhandlungen, und versucht erfolgreich den Leser an der Hand zu nehmen und durch das schier undurchdringliche Dickicht der Ereignisse zu führen. Dabei ufert er sprachlich durchaus in die Gegenwart aus, wenn er Vergleiche mit Silicon Valley oder Public Relations anstellt…

Wenn man heute schlicht nach Belgien, in die Niederlande, nach Frankreich reist, kommen einem die Kunstschätze und Errungenschaften dessen, was einst „Burgund“ war, entgegen. In diesem Buch erfährt man viel über die Geschichte, die dahinter steckt – und dass ein Reich, das aus der Landkarte verschwunden ist, noch so viel hinterlassen hat. Zwei Farbbildteile reflektieren auch den erhaltenen künstlerischen Glanz in Architektur und Malerei – und wie Porträts die geschilderten historischen Persönlichkeiten lebendig machen können.

Renate Wagner

 

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