
Barbara Dmytrasz
DIE RINGSTRASSE
Der ideale Begleiter durch das Herz von Wien
272 Seiten. Verlag, Amalthea Signum, 2025
Positives Geschichtsbewusstsein
Wir leben in einer Welt der geänderten Perspektiven. Was früher selbstverständliches (und positives) Geschichtsbewusstsein war, unterliegt heute kritischer und gelegentlich sogar abwertender Betrachtung. So ist es wohltuend, wenn einmal auf die Leistungen der Vergangenheit geblickt wird, ohne sie gewaltsam in Frage zu stellen. Wiener Themen eignen sich dazu besonders.
„Der Ring“ ist etwas, womit jeder Wiener lebt. Ob er in Burg und Oper geht, ob in eines der vielen Museen dort, ob er die Universität besucht oder im Rathaus zu tun hat, ob er in der Postsparkasse Geld abholt oder in der Urania einen Film ansieht – irgendwann wird es ihn auf den „Ring“ ziehen.
Das ist jener hufeisenförmige Prachtboulevard, mit dem man sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts endgültig von der Enge mittelalterlicher Stadtmauern befreite und sich an die damalige, von neuer Technologie beherrschte Moderne anschloß. Und natürlich ging es auch darum, der Kaiserstadt Wien entsprechende „Pracht“ zu verleihen.
Das Buch der Historikerin Barbara Dmytrasz, die u.a. mit einem Forschungsprojekt „für Geschichtsbewusstsein“ befasst ist, ist ein Führer durch die Ringstraße und eine breit angelegte Analyse zugleich. Die Autorin klappert aber nicht nur die wichtigsten Gebäude ab, sie positioniert sie auch in den historischen Zusammenhang. So stellt die Autorin nach den Basis-Voraussetzungen von Entstehung, Planung, stilistischen Überlegungen (Historismus voran!) und Finanzierung die Frage, wie viele militärische Überlegungen dahinter steckten, einen dermaßen breiten Straßenzug zu gestalten. Und tatsächlich, weil den öffentlichen Stellen die Ereignisse der Revolution von 1848 noch in den Knochen saßen, ging es natürlich auch darum. Die Autorin erklärt ausführlich, wo die kampfstrategischen Punkte des Rings (von denen wir keine Ahnung mehr haben) lagen.
Zudem umfasst die „Ringstraße“ im höheren Sinn, als das große Bauprojekt der Epoche, ja nicht nur Gebäude, die direkt daran lagen. Man hatte die Möglichkeit, auch in Richtung „stadtauswärts“ zu agieren. Wenn das Buch also die einzelnen Gebäude thematisch zusammen fasst, findet sich unter dem „kriegerischen“ Aspekt etwa auch die damals errichtete Rossauer Kaserne wie auch die Denkmäler von Militärs, von Radetzky bis Prinz Eugen und Erzherzog Karl auf dem Heldenplatz. (Dass der „Kaiserforum“-Plan von Otto Wagner nicht verwirklicht wurde, ist ein unersetzbarer Verlust.) Apropos Denkmäler – allein in dieser Hinsicht ist die Ringstraße und ihr Rundherum eine wahre Fundgrube.
Die Autorin fasst auf der „imperialen“ Seite, wo es um die Habsburgische Selbstdarstellung ging, die Hofburg und die Museen zusammen. Aber natürlich hat auch das jüdische Großbürgertum (man hat den Ring auch einen „jüdischen Boulevard“ genannt) und das stolze Wiener Bürgertum seine Zeichen hinterlassen – tatsächlich sind Rathaus, Universität, Parlament und ein Denkmal für jenen Bürgermeister Andreas von Liebenberg, der erst der Pest, dann 1683 den Türken widerstand, „bürgerliche“ Institutionen.
Die Geschichten rund um die „versenkte“ Staatsoper, um das Burgtheater, den Musikverein, um Künstlerhaus und Secession sind im vermutlich immer noch kulturaffinen Wien bekannt. Im übrigen klappert die Autorin die zahlreichen Palais des Rings ab (die meisten heute anderwärtig verwendet) und würdig auch jene Gebäude, wo die Moderne dem Historismus trotzte, ´etwa in dem trotzigen Secessionsstil nicht nur von Secession, sondern auch der Postsparkasse des großen Otto Wagner.
Kurz, wer es genau wissen will, nicht nur im Stil eines Reiseführers, sondern als Tiefenbohrung in die Geschichte und ihre Leistungen, der sollte zu diesem Buch über die Ringstraße greifen.
Renate Wagner

