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BADEN / Stadttheater: JESUS CHRIST SUPERSTAR

10.08.2013 | Allgemein, Oper

 
Fotos: Christian Husar

BADEN / Stadttheater:
JESUS CHRIST SUPERSTAR von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice
Premiere: 10. August 2013  

Seit einigen Jahren verlängert Baden seine (um eine Operette gekürzte) Sommersaison durch eine zusätzliche Musical-Premiere, die im August allerdings wieder im Stadttheater und nicht mehr in der Sommerarena stattfindet. Vielleicht, weil Musical-Lautstärken zu „nächtlicher Ruhestörung“ führen könnten…

Unter den „Oldies“, die man bei solchen Gelegenheiten auf den Spielplan setzt, ist man diesmal bei „Jesus Christ Superstar“,  dem abendfüllenden Erstling von Andrew Lloyd Webber gelandet, damals noch zusammen mit Tim Rice geschaffen, den er später, nach der Trennung, nie völlig gleichwertig ersetzen konnte. Mit diesem Musical, das sie „Rock Oper“ nannten, sind sie 1971 schlagartig berühmt geworden. Jesus, der den Hippies schon Haartracht, wallende Gewänder und Sanftmut geliefert hatte, kam hier nun als Hippie-Rocker auf der Bühne.

Das war damals genau die richtige Zeit dafür. Jesus als leblose christliche Ikone wurde auch hierzulande in Frage gestellt – in diesem Jahr 1971 schickte auch Wolfgang Teuschl den „Jesus und seine Hawara“ in die Tiefen des Wiener Dialekts, und Adolf Holl fragte nach „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (Wanderprediger ohne Heiligenschein), was ihn schließlich sein Priesteramt kostete. Wenn Webber / Rice aus Jesus einen „Superstar“ machten und zu Rock-Klängen über die Bühne jagten, schlug das zeitgeistig punktgenau ein, ergab einen herrlichen Bürgerschreck, Schocker und logischerweise Erfolg. Heute? Heute hat Baden damit sein sommerliches Pop-Oberammergau, zumal in einer so braven Inszenierung.

Natürlich macht Robert Herzl äußerlich nichts wirklich falsch. An der Ausstattung von Pantelis Dessyllas beispielsweise ist wirklich gescheit, dass er das Orchester in zwei hohe Holzverschläge links und rechts auf die Hinterbühne setzt – der Krach, den zumal dieses Werk in den meisten Szenen (es gibt ein paar „stille“ Momente, aber nur ein paar) programmatisch machen muss, würde sonst die Sänger (trotz Gesichtsmikrophone, trotz gelegentlicher Zusatzmikrophone) vermutlich untergehen lassen: So kann Franz Josef Breznik loslegen lassen, und man hört sie. Auf Englisch, und nicht durchwegs in bestem Englisch. Aber diese Geschichte von Jesus’ letzten Tagen ist im christlichen Abendland Allgemeingut: Da weiß jeder, was los ist, auch wenn er akustisch nichts versteht.

Pantelis Dessyllas hat ein Riesentor hinten in die Mitte gebaut, durch das man immer wirkungsvoll einziehen kann, und den verlorenen Bühnenraum durch das überdeckte Orchester und bekletterbare Podeste vor den Seitenlogen wett gemacht. So zieht er das Geschehen nach vorne, zumal die Tanzszenen (Choreografie Michael Kropf), und es müsste demgemäß alles in bester Ordnung sein.

Aber ganz geht die brave Umsetzung des doch großteils so frech gemeinten Werks nicht auf, und auch wenn es nur zwei knappe Spielstunden sind, zieht sich das Ganze. Zumal, wenn in Gestalt von Darius Merstein-MacLeod kein jugendlicher Superstar auf der Bühne steht, sondern ein verdienter Operettenkünstler, der einem Kammersänger viel näher ist als einem glaubhaften Rock-Jesus. Chris Murray als Judas fetzt einigermaßen kompetent herum, ist auch der einzige der Besetzung, der mit der Besonderheit des hier verlangten Gesangsstils – die bewusst immer wieder kippende, kreischende Stimme – zurecht kommt: Die anderen kriegen es nicht wirklich hin. Thomas Markus darf die genuine Musical-Szene des spottenden Herodes in Boxershorts einigermaßen amüsant gestalten – so wie hier wäre ein bisschen mehr Mut und Pepp angesagt gewesen. Erwin Windegger ist ein so seriöser Pontius Pilatus, als spielte er im Drama. Die hübsche Maria Magdalena der Karin Seyfried bleibt blass. Der Rest, ob Solisten, ob Chor, selbst Tänzer (außer sie dürfen im „echten“ Musical-Stil agieren, der ist allerdings nur zweimal, bei der Szene des Herodes und der letzten des Judas, gefragt) sind schlicht lebende Dekoration ohne Ausdruckskraft.

Kurz, es ist Robert Herzl nicht wirklich gelungen, der Sache Leben einzuhauchen, eine Art fahler Temperamentlosigkeit liegt über dem Ganzen. Andererseits – wie sagen die Engländer? „It makes no sense flogging a dead horse.” Dass dieser „Jesus” in Superstar-Version heute noch wirklich und wahrhaftig zu revitalisieren ist, müsste erst bewiesen werden. Das Ganze schmeckt hier jedenfalls gewaltig schal und gestrig.

Renate Wagner

 

 

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