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BADEN-BADEN – Sommerfestspiele: PIQUE DAME

12.07.2015 | Allgemein, Oper

Baden-Baden: SOMMERFESTSPIELE / „PIQUE DAME“ 09./11.07.2015

MIKHAIL VEKUA(Hermann)IRINA CHURILOVA(Lisa)@Andrea Kremper

Mikhail Vekua, Irina Churilova. Foto: Andrea Kremper

 Bereits 1998 gastierte die Kirov-Oper St. Petersburg unter der Leitung von Valery Gergiev mit „Pique Dame“ (Peter I. Tschaikowsky) im Festspielhaus, nun 17 Jahre später, knapp 125 Jahre nach der U.A. verlieh das neue Mariinsky-Theater St. Petersburg mit einer Neuinszenierung dieser Oper, den Sommerfestspielen 2015 einen glanzvollen Auftakt.

Das renommierte Opernhaus reiste mit 30 Technikern und sieben 40-Tonnern an die Oos, hatte jede Menge Säulen, Interieur sowie eine dem heimischen Bühnenboden gleichende Unterkonstruktion im Gepäck.

 Somit verbleibe ich sogleich bei den prachtvollen, optischen Eindrücken der Gestaltung des Bühnenraums (Alexander Orlov): jene riesigen Säulen bildeten den Hintergrund, wurden teils wie von Geisterhand lautlos gegeneinander bewegt, verbunden mit Querbalken, boten sie zudem optimale Einsichten mit freiem Blick in antike Galerien. Variierte Zwischenwände, duftige Vorhänge sowie ein stimmiges Lichtdesign (Alexander Sivaev) schufen zusätzliche Atmosphäre für die intimeren Räumlichkeiten dieser ambitionierten Produktion.

 Eine großartige Inszenierung (Alexei Stepanyuk), so lebendig durch ihre vielen liebevollen Details wirkend, welche geradezu in cineastischer Abfolge vor dem Auge vorüber ziehen. Dazu trugen natürlich auch die Opulenz und prachtvolle Optik der phantasievollen Kostüme (Irina Cherednikova) des 18. Jahrhunderts bei, einem Farbspektakel für die Sinne. Gekonnt,  in absoluter Kenntnis der russischen Mentalität, vermittelte der feinfühlige Regisseur die Aspekte der stückbezogenen, lebendigen Bühnenrealität. Ausgezeichnet verband er symbolische Augenblicke sowie die starke Gegensätzlichkeit zwischen der luxuriösen Dekadenz und der düsteren, kargen Welt Hermanns. Der Experte, Kenner der russischen Seele ließ Bilder von immenser Prädikation erstehen, auch außerhalb der genial ausgeleuchteten, personellen Konflikte.

 Fast professionell schritten die Kindersoldaten zum spielerischen Appell, wann und wo zuvor durfte man so wundervolle, präzise Mädchen- und Knabenstimmen (Kinderchor der RF – und TV-Gesellschaft St. Petersburg) in derart reiner Vokalise erleben?

 Nebelverhangen, scherenschnittartig lösten sich die Figuren im Salon der jungen Fürstinnen mit Konzertflügel und Harfe bestückt, zum Musizieren und Spielen der Damen. Unter die Haut ging die Gewitterszene: der traumatisierte Hermann allein unter Blitzen, der begleitende Chor unsichtbar. Reizvoll die Pantomime der goldlivrierten Diener vor der „Pastorale“ sowie deren folgender, entzückender Ablauf zur lieblichen Stimme der anmutigen Cloé (Anna Denisova). Gespenstig , hexenhaft das Gefolge der Gräfin, mit Adleraugen Verdächtiges zu erspähen. Imposant das Boudoir der 90-Jährigen, mit Kamin und männlicher, erotischer Statue im Halbschatten. Intensiv dargestellt  dazu die Schlüsselszene, der schicksalshaften, folgeschweren  Begegnung Hermanns mit der in Vorahnung des Todes sinnierenden Gräfin, welche ihm nur Hohn und Verachtung entgegen schleudert.  Düster die Stimmung am Ufer der Newa, farbenfroh das finale Spielzimmer mit der gekonnt choreographisch (Ilya Ustyantsev), umgesetzten Männerrunde. Ergreifend der finale Suizid Hermanns. Unvergessliche Szenen einer starken  Produktion, um nur einige besonders prägnante, imposante Beispiele zu nennen.

 Hier schufen Könner der Materie ein bildgewaltiges Opus von faszinierender Aussage, ohne Reizüberflutung, ein gelungener Mittelweg zwischen staubig, konventioneller Oper und modernem, banalem Regietheater. Bravo!

 Unzählige Male erlebte ich meine Tschaikowsky-Lieblingsoper vielerorts, doch kann ich mich nicht erinnern, diese Musik in derart vollkommener Präzision wahrgenommen zu haben, Valery Gergiev entlockte dem Orchester des Mariinsky Theaters ein elementares Klangbild der Superlative. Mir erschien diese orchestrale Begleitung in ihrer Vollkommenheit, wie vom Geist der Schönheit beflügelt. Was sollte man mehr bewundern, die Präzision des Instrumentariums? Oder die dramaturgisch, gestalteten, ausmusizierten Szenen, der große Atem der orchestralen Begleitung, das Auftrumpfen der Gewalten (Gewittermusik) ohne jegliche überdimensionierten Fortereruptionen, die energischen Zwischentöne, die elegisch-zarten Momente, die stilistischen Facetten? Einfach mitreißend, klangschön musizierte das bestens disponierte Mariinsky-Orchester, setzte überzeugende, genüssliche Akzente und subtile Nuancierungen – dem lässt sich nichts hinzu fügen!

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Ensemble. Foto: Andrea Kremper

 Die Partie des Hermann gehört zweifellos zu den Extrembeispielen im Tenorbereich und wird oft von Sängern unterschätzt. Mit respektabler Präsenz warf sich Mikhail Vekua in die anspruchsvolle Rolle. Seine zu Beginn lyrisch anmutende Stimme mit ansprechendem Timbre, beeindruckte besonders in den strahlkräftigen Höhen. Im Mittelbereich verlor jedoch die Stimme zunehmend an substanzieller Aussage, vermochte aber dennoch mit innigen Passagen im Lisa-Duett zu punkten. Darstellerisch wirkte Vekua teils unbeteiligt. Der Hermann des zweiten Abends Maxim Aksenov vermochte zwar mit ungemein schauspielerischen Qualitäten zu überzeugen, seine sehr schön timbrierte Tenorstimme war jedoch den kräftezehrenden Höhenattacken weniger gewachsen.

Nun lag es mir bisher fern, Sänger namentlich gegeneinander auszuspielen, brennt es mir dennoch auf  der Zunge den  kürzlich in Innsbruck vernommenen Sänger mit den beiden Herren zu vergleichen. Allein aus der Tatsache heraus, den wohl optimalen (in meinen Ohren) und vermutlich derzeit besten Rollenvertreter erlebt zu haben. Herr Gergiev wäre  gut beraten, sich seinen Landsmann Zurab Zurabishvili zu Gemüte zu führen?

 Krankheitsbedingt musste Irina Churilova in beiden Vorstellungen den Part der Lisa übernehmen. Darstellerisch hingebungsvoll charakterisierte die Sopranistin ein respektables Rollenportrait. Aufblühend, geprägt von hoher Musikalität vernahm man diese jugendlich-dramatische Stimme als adäquates Klangideal.

Zum melancholischen Bekenntnis der Polina, im Duett mit Lisa sowie als Daphnis glänzten mit volltönenden dunklen Stimmen und klangvollem Höhenpotenzial die beiden Damen Yekaterina Sergeyeva und Yekaterina Krapivina. Bewegend, vokal hingegen mit reifen Mitteln verkörperte Elena Vitman die alte Gräfin, im Vollbesitz einer kraftvollen, intakten Mezzostimme punktete dagegen in intensiverer Darstellung Maria Maksakova.

 Voluminös, kernig mit ansprechenden baritonalen Komponenten versehen,  vermittelte Roman Burdenko die Ballade des Tomski um die verhängnisvollen Spielkarten sowie der zwielichtigen Vergangenheit der Gräfin, außerdem entzückte er mit graziösen Sprüngen als Plutus.

Beschwörend, obertonreich bat der Bariton Alexei Markov um Lisas Vertrauen, weniger markant warb dagegen der zweite Fürst Jelezki Vladislav Sulimsky um deren Gunst.

Mit frischen Stimmen waren die weniger tragenden Rollen besetzt: Lyudmila Dudinova (Mascha), Y. Krapivina/E. Vitman (Gouvernante), Alexander Trofimov (Tschekalinski), Yuri Vlasov (Surin), Mikhail Latyshev (Tschaplizki), Nikolai Kamensky (Narumow), Andrei Zorin (Zeremonienmeister), natürlich auch der hervorragend disponierte, agile, nuancierte Chor des Mariinsky und ganz besonders die Formation der Herren im elegischen Finalchor ergänzten das ausgezeichnete Ensemble.

 Unerklärlich die wenig euphorische Resonanz des Publikums in beiden Vorstellungen, je knapp sieben Minuten, kurzer wenig heftiger Applaus mit sparsamen Bravos durchsetzt.

 Gerhard Hoffmann

 

 

 

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