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BADEN-BADEN/ Festspielhaus: „YANNICK NÈZET-SÈGUIN – ROTTERDAM PHILHARMONIC ORCHESTRA“  –


Yannick Nezet Seguin. Copyright: Bon Bruyn

Baden-Baden: „YANNICK NÈZET-SÈGUIN – ROTTERDAM

                         PHILHARMONIC ORCHESTRA“  –  22.02.2020

Knapp 3 Wochen nach der Version der renommierten Münchner Philharmoniker von Gustav Mahlers „Fünften Symphonie“  bot mir das Festspielhaus einen willkommenen Kontrast zum Gastspiel des Rotterdam Philharmonic Orchestra unter der Leitung seines ehemaligen Chefdirigenten und gegenwärtigen Ehren-Stabführers Yannick Nézet-Séguin. Zu einer wahren „Ochsen-Tour“ ließ sich das Orchester hinreißen und absolvierte innerhalb knapp einer Woche Gastspiele in vier Städten mit dreimal „Die Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss sowie zwei Konzerten mit Mahlers Fünfter Symphonie.

Zirkumstanziell des Faktums versuchte ich meine Kautel zu ignorieren, ließ mich überraschen und wurde vom Gehörten geradezu fasziniert, nein regelrecht überwältigt, denn  ohne jegliches Qualitäts-Defizit wurde auf sehr hohem Niveau musiziert. Yannik Nézet-Séguin verlieh seinem Mahler eine gewisse Spontanität welche der Partitur eine fließende natürliche Dynamik verlieh, betonte auf ganz besondere Weise den so wichtigen Schleier des Mahler´schen Weltschmerzes.

Verheißungsvoll eröffneten die dimensionierten Blechfraktionen des Rotterdam Philharmonic Orchestra den Trauermarsch und ließen die Komplexität des niederländischen Klangkörpers erahnen. Virtuos leiteten die dunklen Celli und weichen Violinen die Marschrhythmik ein, zunehmend hellte sich die düstere Stimmung in weichen Empfindungen der Holzbläser auf. Zu grellen Trompetenmotiven und schwirrenden Streichern erhob sich das erste Trio, leitete zum Funebral-Marsch des nächsten Trios über zu dessen disharmonisch-groteskem Höhepunkt, gab in leiser Zurücknahme einer Coda Raum welche in einem Auflösungsfeld verlosch.

Irritierten mich zu Beginn die Piano-Forte-Kontraste die breiten Tempi des Dirigenten sehr, dachte ich im Verlauf der Worte des Hans Sachs Der Vogel, der heut´ sang, dem war der Schnabel hold gewachsen und zerstreuten zunehmend meine anfängliche Skepsis. Zur bewegenden Klage eines Menschen gegen ein unbarmherziges Schicksal aufzubegehren erhob sich der zweite Satz in musikalischer Vehemenz. Ein weit gesponnenes zerklüftetes Motiv geisterte beängstigend durch beiden Themen welche Nézet-Séguin schroff formulierte, ließ jedoch in emotionaler Intensität den herrlichen Streicherklang des niederländischen Orchesters aufleuchten und schenkte den ausdrucksstarken Frequenzen die ruhige Motivation, um sodann die jähen Ausbrüche in diffuser Phonetik zu entladen.

Der ambivalente zwischen forciertem Elan und gebrochener Reminiszenz (Walzer, Ländler, Horn-Episoden) changierende dritte Satz beinhaltet das dimensionierte Scherzo mit seinen beiden Trios und der bereits angedeuteten Burleske der Neunten Symphonie. Schwelgerisch, anmutig, graziös in harmonischem Miteinander präsentierte der temperamentvoll agiernde Dirigent mit seinem in allen Gruppen prächtig aufspielenden RPO einen Instrumental-Sound zum Niederknien. Dem großartigen, ausufernd ungemein polyphon komponierten Werk begegneten Musiker und Leiter mit einer umwerfenden Emotionalität, Klarheit und Klangbalance, welche auf absolutem gegenseitigem Vertrauen basierte.

Der grenzenlosen Familiarität wurde man ebenso während der sehr bewegenden Momente des Adagietto gewahr. Dieses Höchstmaß an Vertrautheit nicht nur mit der Partitur, beherrschte diesen Part dessen träumerisches Schwelgen von transparenter Harmonie zwischen Harfe und Streichern eingeleitet, Mahlers Grundgedanken so vortrefflich widerspiegelten. Ohne jegliche Larmoyanz zelebrierte der Dirigent die innige existenzielle Liebesbezeugung an seine Frau Alma auf berührend unübertroffene Weise.

Zum kecken Horn-Ruf erhob sich das Rondo verstärkt von Celli vereinten sich in einer Reihe energischer Themen die angeregt animierten Instrumente zu hingestreuten Motiven. Es schien als wollten sie die doppelte Identität zur Basis sämtlicher Themen des Finalsatzes in befreiender Überwindung von Trauer und Resignation hinauszögern. In kraftvoll-erfrischend figuraler Entwicklung, hoher gestalterischer Kompetenz führte Nézet-Séguin sein hinreißend muszierendes Orchester mit kontrapunktischem Elan in Superlative dem gipfelnden furiosen Final-Klimax dieser grandiosen Symphonie entgegen.

Ein begeisterter Aufschrei des Publikums, spontane Standing Ovation, Bravochöre und prasselnder Applaus für die akribisch-intensive Interpretation.

Gerhard Hoffmann

 

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