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BADEN-BADEN/ Festspiele: NEW YORK CITY-BALLET – Mehr Technik als Herz

19.03.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Festspiele Baden-Baden

„NEW YORK CITY BALLET“ 17.3.2012 – Mehr Technik als Herz:


Lauren King, Jonathan Stafford, Ana Sophia Scheller. Foto: Kolnik

 Nach 32 Jahren kehrte das New York City Ballet erstmals wieder für ein Gastspiel auf deutschem Boden zurück und locket deshalb viele Tanz-Liebhaber für drei Aufführungen ins Baden-Badener Festspielhaus (vorausgegangen waren zwei Vorstellungen in Ludwigshafen). Zu sehen bekam das Publikum mit ca. 60 Tänzern etwa zwei Drittel der Kompanie – in einem Programm, das sich auf Arbeiten von George Balanchine und Jerome Robbins, den beiden Gründungs-Choreographen, konzentrierte. Wie der seit Balanchines Tod im Jahr 1983 amtierende Direktor Peter Martins äußerte, wäre gerne noch ein zweites Programm mit zeitgenössischen Kreationen gezeigt worden, doch scheitere dies an mangelnden Sponsoren.

Mit Arbeiten von Balanchine und Robbins wurde jedenfalls der sichere Weg eingegangen, breite Publikumserwartungen zu erfüllen und in der Auswahl der Choreographien dennoch eine gewisse Bandbreite abzudecken.

Das 1956 entstandene‘,’serif'“>DIVERTIMENTO NR.15“ zu Mozarts gleichnamiger Komposition erwies sich als idealer aufwärmender Einstieg, auch als Einblick in die Wurzeln des Kompaniestils, jener puren Neoklassik, die Balanchine aus der Reduzierung und Neuerfindung der Tradition der russischen Schule geschaffen hat. Vor typischem tiefblauem Hintergrund bildet das Ensemble in klassisch weiß/cremefarbenen Tutus bzw. Ganzkörper-Trikots jene geometrische Form, die ganz aus der Musik und jedem ihrer Takte heraus in der Verkettung von geordneten Attituden allerlei Art entwickelt wird. Ganz im Sinne ihres Schöpfers vermischen sich acht solistisch hervorgehobene Damen (5) und Herren (3) derart mit den als Gruppe ergänzenden acht Tänzerinnen, dass wiederum der Eindruck entsteht, dass hier kein Corps de ballet, sondern allesamt Solisten tanzen. Letztlich hat hier jeder eine gleichberechtigte Funktion und es fällt in der Tat keiner der Beteiligten besonders auf, aber auch keiner ab.

Dass es doch etwas anderes bedurfte, um das Publikum aus der Reserve zu locken, dafür waren die nach der ersten Pause folgenden „DANCES AT A GATHERING“ von Jerome Robbins aus dem Jahr 1969 instinktiv richtig angesetzt. In fast einer ganzen, aber äußerst schnell vergehenden Stunde hat der West Side Story-Initiator diverse Chopin Etuden, Mazurkas und Walzer als Stimmungsfolie für ein beliebiges Zusammentreffen von fünf Frauen und fünf Männern aneinander gereiht ( sehr einfühlsam gespielt von Susan Walters ). Vor diesmal leicht bewölktem Himmel entfaltet sich da ein überwiegend heiterer, aber auch nachdenklicher Reigen aus wechselnden Begegnungen in verschiedenen Größen-Gruppierungen. Die Tänzer sind ausschließlich durch die Farbe ihres Kostüms identifiziert und auch als solche rollenmäßig bezeichnet. Als Ganzes ist das ein Parade-Beispiel, wie sich die strenge Neo-Klassik unter Einbezug latent mitschwingender Gefühle aus dem starren Korsett befreit und bei aller noch  vorhandenen strukturellen Linie durch die Integration ungewohnter, ja alltäglicher Bewegungen entwickelt hat. Da schlendern die Beteiligten auch mal ganz locker über die Bühne, stehen mit auf dem Rücken verschränkten Händen da, berühren den Boden mit der Hand und machen betonte Laufschritte  oder gar einen Handstand.

Wer das Stück 2003/2004 beim Stuttgarter Ballett sehen konnte, suchte allerdings vergeblich nach individuell tänzerischen Persönlichkeiten. Dennoch ragten drei Künstler, als welche Balanchine die Tänzer vorrangig präsentiert und verstanden wissen wollte, aus dieser Solistenschar heraus: Sterling Hyltin in Apricot mit einer Prise sprühenden Humors,  Amar Ramsar in Grün durch Charme und wärmende Ausstrahlung sowie Gonzalo Garcia in Braun aufgrund hervorragender Sprung- und Drehtechnik. Im ganzen gesehen tanzen die Amerikaner das motorischer, kühler, mehr auf Tempo bedacht und mit weniger Herz als es in Stuttgart zu erleben war.

Temperament und viel gute Laune verbreiteten nach der zweiten Pause Ashley Bouder und Joaquin De Luz in der 1964 entstandenen neapolitanischen „TARANTELLA“ zur etwas konventionell folkloristische Anleihen aufgreifenden Musik des Amerikaners Louis Morreau Gottschalk. Ein Paar in volkstümlichem Tutu bzw. mit rotem Kopftuch macht sich einen Spaß, indem er bis zum Schluss vergeblich versucht sie zu erhaschen. Schläge aufs Tambourin treiben das gewaltige Tempo, das die beiden in überschäumenden Drehungen aufgreifen, noch zusätzlich an. In seiner mehr sportiven denn filigranen Art der Präsentation passten die beiden Solisten perfekt zusammen.

Die 1972 für das Strawinsky-Festival geschaffene „SYMPHONY IN THREE MOVEMENTS“ zur gleichnamigen Komposition des mehrere Jahrzehnte mit Balanchine freundschaftlich verbunden gewesenen neobarocken Meisters zeigt uns denn die Kompanie in einer schon mehr dem Heute angenäherten Form des athletisch geprägten Tanzes, mit rasanten und heftigen Akzenten wie signalartig ausgebreiteten Armen, wozu natürlich auch die heute noch „stachlig modern“ wirkende Musik beiträgt. Der unerbittlich voran treibende Rhythmus zeigt die hier mit ca. 40 Tänzern in großer Besetzung antretende  Kompanie als durchgehend  Klarheit und Übersichtlichkeit wahrendes Ensemble, so dass z.B. die phasenweise messerartig auf- und nieder klappenden Körper eine besondere Sogkraft erzeugen. Auch die nunmehr in schwarz-weißen Ballettsaal-Trikots auftretenden Tänzer weisen bereits weit weg von der kristallinen Atmosphäre der früheren Choreographien. Nur drei Mädchen stechen durch verschiedene Pink-Töne heraus. Eine von ihnen,  Abi Stafford  findet sich im langsamen zweiten Satz mit Jared Angle zu einem Pas de deux zusammen, dessen kühle Strenge viel Innenspannung erzeugt.

Mag aus europäischer, ja deutscher Sicht, etwas mehr an Ausdrucks-Wahrhaftigkeit statt der absoluten Perfektion erwünscht sein – mit diesem letzten Stück hat die Kompanie am eindrücklichsten gezeigt, wofür sie mit ihrem ganz eigenen Stil auch heute noch steht

Zu einem solch exzeptionellen Gastspiel gehörte verdientermaßen auch die musikalische Direkt-Begleitung anstatt der Konserve. Diese Aufgabe oblag der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung des stellvertretenden musikalischen Direktors der Kompanie, Andrews Sill. Mit den komplizierten Taktwechseln Strawinskys tat sie sich überraschenderweise leichter als mit den eingängigeren melodischen Phrasen Mozarts, war den Tänzern aber durchweg ein sicherer Begleiter.

Auch wenn die große, evtl. zu erwarten gewesene Publikums-Euphorie ausblieb, reichte es zu dennoch etlichen Vorhängen und Ovationen.

Ganz sicher ist, dass bis zum nächsten Gastspiel nicht wieder so viel Zeit vergehen darf.

 Udo Klebes

 

 

 

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