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BADEN-BADEN: DIE KLEINE MEERJUNGFRAU – „Zwei Welten“ Hamburg-Ballett

19.11.2013 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Festspiele Baden-Baden: „DIE KLEINE MEERJUNGFRAU“ (Hamburg Ballett) 17.11. 2013– Zwei Welten

Meerjungfrau_Bouchet_(c) Holger Badekow
Hélène Bouchet (Meerjungfrau) und Dario Franconi (Prinz) in Neumeiers Ballett. Copyright: Holger Badekow

 Anlässlich des 200. Geburtstages des dänischen Dichters Hans Christian Andersen im Jahr 2005 hat John Neumeier für das Königlich Dänische Ballett eine Choreographie zur wohl berühmtesten Schöpfung Andersens, der Kleinen Meerjungfrau“ geschaffen und zwei Jahre später auch mit seiner Hamburger Compagnie einstudiert. Mit einer wie von ihm gewohnt wieder etwas überarbeiteten Fassung gastierte das Ensemble im Rahmen seiner regelmäßigen Herbsttour damit im Baden-Badener Festspielhaus. Die Kartennachfrage ist inzwischen so groß, dass der Zuschauerraum mit seinen 2500 Plätzen mühelos an drei Abenden gefüllt werden kann.

Neumeiers Kreationen sind stets von komplexen Zusammenhängen getragen, da macht auch seine Version dieses Märchenstoffes keine Ausnahme. In diesem Fall begnügt er sich dementsprechend nicht mit einer eingleisigen Darstellung, fügt ihr vielmehr eine zweite, sich darin spiegelnde und dadurch psychologisch verdichtete Komponente hinzu. Den Ausgangspunkt bildet die Parallele zwischen einer wesentlichen biographischen Fußnote und dem Schicksal der dichterischen Figur: Andersen hatte sich in Edvard Collin, den Sohn seines Pflegevaters und Förderers verliebt. Genau in dem Jahr (1836) als er an der kleinen Meerjungfrau gearbeitet hatte, heiratete Edvard Henriette Thyberg. Wie das bedingungslos den Prinzen liebende Wasserwesen scheitert seine Sehnsucht an nicht erwiderter, einseitiger Liebe. Neumeiers Handlung setzt dort ein, wo der Dichter auf einer Seereise an Bord einem Hochzeitspaar begegnet, das Edvard und Henriette frappierend ähnelt. Die Erinnerungen übermannen ihn, eine Träne verwandelt sich ein Meer voller Phantasien, seine Sehnsüchte personifizieren sich in der Gestalt der Meerjungfrau.

Bereits hier, wo das reale Leben in die Unterwasserwelt übergeht, beginnt die szenische Faszination, mit der Neumeier in bewährter Personalunion als Choreograph, Regisseur, Bühnen-, Kostüm- und Lichtgestalter dem gesamten Ablauf einen Rahmen gibt: ein kleiner, erhöhter wie gerahmt erscheinender Bildausschnitt skizziert die Szene auf dem Schiff, wo sich der Dichter in seinem Erinnerungsschmerz über die Reling neigt und unter eine sich auf und ab bewegende geschwungene blaue Linie taucht, die die Meeresoberfläche und den Wellengang symbolisiert. Eine Gruppe von Tänzern deutet mit langsamen fließenden Bewegungen das Wasser an, schillernde Blautöne, die bereits in dem als Vorhang dienenden Aquarell ineinander vermischt sind, sorgen im Rahmen des phantasievollen Beleuchtungskonzepts für die entsprechende Stimmung. Aus der Unterwasser-Perspektive betrachtet, überquert auf der Meeresoberflächenlinie ein Miniatur-Dampfer die Bühne. Die weiteren Szenen an Deck sind durch ein paar Schornsteine skizziert, die nach ihrer Verwandlung durch den Meerhexer unter den Menschen lebende Meerjungfrau kämpft in einer ganz vorne an der Rampe eingelassenen Mini-Kammer gegen ihre Schwerfälligkeit. An die Stelle von platter realistischer Ausstattung tritt das Angedeutete, die Konzentration richtet sich verstärkt auf die expressive Körpersprache der Tänzer.

Des Dichters und des Wasserwesens Schicksal überlappt sich, wenn der Edvard gleichende Bräutigam einem ins Wasser bugsierten Golfball hinterher springt, von der für ihn vorerst unsichtbaren Meeresjungfrau vor einem vom Meerhexer entfachten Sturm (als Wille des Dichters) gerettet und schließlich geküsst wird. Doch seine Liebe gilt der ihn weckenden Prinzessin Helene, während des Wasserwesens Liebe so weit geht, dass es fest entschlossen ist, ein Mensch zu werden. Gewaltsam entledigt er sie ihres Schwanzes, für den Neumeier im japanischen Noh-Theater eine Lösung gefunden hatte: eine blaue dehnbare Hose, die dem menschlichen Körper eine andere Dimension gibt, unterstützt und durchs Wasser bewegt von drei Tänzern, die als schwarze Schatten tituliert sind.

Als die Meerjungfrau an mangelnder Bewegungsfähigkeit leidet und sich in der Rolle als Brautjungfer bei der Hochzeit des Prinzen erniedrigt fühlt, sehnt sie sich zurück in ihre Welt. Wie wir auch aus anderen Verarbeitungen des Märchenstoffes wissen, ermöglicht ihr dies nur die Opferung des Prinzen. Bei Neumeier reicht ihr der Meerhexer das Messer, doch wieder lässt es der in ihr verkörperte Dichterwille nicht zu, dass sie den Geliebten tötet.

In ihrem unendlichen Leid und Schmerz sind der Dichter und seine Kreation am Ende eins, auf der Suche nach einer neuen Welt verhelfen sie sich gegenseitig zur Unsterblichkeit. Die Bewegungen der beiden nun barfuss Tanzenden decken sich in schönster Synchronität. Bis dahin hat Neumeier die Darsteller mit viel psychologischer Expressivität miteinander verwoben, sie auf klassischer (Spitzen-) Basis mit vielfältigen Errungenschaften des modernen Tanzes und Tanztheaters charakterisiert.

Die an diesem dritten Abend eingesetzte Alternativ-Besetzung zeigte sich ausgeglichen, ohne irgendwo herauszuragen oder auf der anderen Seite zu wünschen übrig zu lassen. Hélène Bouchet in der Titelrolle glänzte auf stille Art, mit viel Sensibilität, wo es um ihre bedingungslose Liebe geht, aber auch Kraft und Selbstbewusstsein, wo sie Grenzen überschreiten will und gegen ihr Schicksal ankämpft. Jugendliches Wesen und doch schon sehr gereiftes Gestaltungsvermögen geben dem Part sowohl Glaubwürdigkeit als auch das nötige Gewicht.

Carolina Agüero ist da als ihre prinzessliche Kontrahentin eine vergleichsweise blasse Tänzerin, doch mag das auch an der am wenigsten konturierten Hauptrolle liegen. Sicher im Umgang mit Neumeiers Anforderungen zeigt sich die Argentinierin allemal.

Wiederum rollenbedingt gelingt Alexandre Riabko  als Meerhexer die stärkste Bühnenvereinnahmung, zumal allein schon die ebenfalls dem japanischen Theater entstammende, mit viel aufgespritzter Farbe erzielte Spezialmaske eines Glatzköpfigen für die entsprechend bedrohliche Autorität und Macht sorgt. Darüber hinaus strotzt der aus Kiew stammende Publikumsfavorit der Compagnie an kraftvoller Virtuosität und körperlicher Hochspannung.

Zarter besaitet, aber trotz seiner Jugend steht der italo-amerikanische Gruppentänzer Sasha Riva als Dichter in Anzug und Zylinder seinen Mann, mischt sich mit Einfühlungsvermögen unters Geschehen und hat mit der Meerjungfrau als projizierte, übertragene Leidengenossin die ausdrucksstärksten Momente.

Der Solist Dario Franconi entspricht dagegen so ganz dem Bild des smarten Lovers, des schönen Prinzen und hat dazuhin noch Gelegenheit die mehr klassisch elegante Seite von Neumeiers Stil mit Leichtigkeit und schöner Balance zur Geltung kommen zu lassen.

Das Ensemble ist mit zahlreichen Aufgaben aus den beiden gegensätzlichen Welten betraut – zum einen der Gestaltung der Unterwasserwelt mit magischen Schatten in teils fast punkartigen in Türkis schillernden Gewändern, dann aber auch in traditioneller Matrosenkluft und schließlich als Hochzeitsgesellschaft inkl. Brautjungfern in schicken Haute Couture-Kreationen.

Die Vervollkommnung des Ganzen liefert die in Neumeiers Auftrag eigens dafür erdachte Komposition der Lettin Lera Auerbach, eine ganz eigenständig geprägte Musik für großes, aber sehr differenziert aufgefächert eingesetztes Orchestrer, bei der man sich dennoch immer wieder ertappt, z.B. Schostakowitsch, Mahler oder auch Weill zu hören. Besonders aufhorchen lässt ein sogenanntes Theremin, bei dem Töne nicht durch Berührung sondern  durch die Bewegung der Hände in einem elektromagnetischen Feld rund um das antennenartige Instrument entstehen und dadurch einen geheimnisvollen, allem Menschlichen fremden Klang aufweisen, wie er der Außenseiter-Funktion der kleinen Meerjungfrau entspricht. Faszinierend – wie so vieles an diesem komplexen Ballett, für das die Compagnie viel Jubel erntet und Neumeier bewährt mit stehenden Ovationen gefeiert wird.

  Udo Klebes

 

 

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