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BADEN-BADEN/ Festspielhaus: „DIANA DAMRAU-MÜNCHNER PHILHARMONIKER – VALERY GERGIEV“


Diana Damrau, Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker. Copyright: Festspielhaus

Baden-Baden: „DIANA DAMRAU-MÜNCHNER PHILHARMONIKER – VALERY GERGIEV“  –  09.02.2020

Da mir die Entscheidung zwischen Mahler und Bruckner besonders schwer fiel, besuchte ich beide Konzerte in der AOF und im Festspielhaus. Nun widerfuhr mir dabei die namenlose Freude Diana Damrau neben den Münchner Philharmonikern unter der Leitung von Valery Gergiev erneut zu erleben,  deren Mini-Tournee nun an der Oos ihren gefeierten Abschluss fand.

Es bleibt mir nichts Anderes übrig als meine Euphorie vom Mittwoch in Frankfurt zu wiederholen. In schwebenden Sphären der Unendlichkeit jenseits dieser Welt entrückt, Silentiums-Atmosphären, Seelenruhe, Zärtlichkeit vereint in Todesbereitschaft, diese Worte wären wohl zutreffend für die inspirierten Gesänge „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss. Diese von dem genialen Komponisten in unvergleichlicher Meisterschaft vertonte kolorierte Alterslyrik verzichtete auf schwerfällige Ornamentik, der legendäre Tonschöpfer kehrte in den Instrumentationen zur Schlichtheit der melodischen Linie zurück. Die menschliche Stimme wurde in die Melos-Süße des Klangbildes integriert. Ein klassizistischer Hauch schien über dem Finalwerk des altersmüden Richard Strauss zu liegen.

Eine der kostbarsten Sopranstimmen der Gegenwart Diana Damrau adelte wiederum die Pretiosen. Das erste Lied der drei Hermann-Hesse-Gedichte Frühling erfuhr durch das helle Timbre der Sängerin eine lichte Tongebung, wunderbare Intonation, herrliche klangliche Dichte. Ohne Larmoyanz, in feinen Nuancen der Tonsprache schenkte Damrau in schlanker Führung ihres Vokal-Instruments September eine besonders eindringliche Aussage.

Auf die hohe Kunst Legato in Tönen zu changieren, melodische Entwicklungen aufzubauen versteht es sich Damrau aufs Vortrefflichste und zudem gleichsam silberne Fäden zu spinnen und mit dunkleren Farben der Stimme zu kombinieren, prägten die traumverlorene Strophe

Beim Schlafengehen. Die Eichendoff-Textur Im Abendrot interpretierte die an Persönlichkeit gereifte Künstlerin auf wunderbare ausdrucksvolle Weise. Innerlich bewegt in Emphase, auf schwebendem Atem gesungen, erfüllt von immenser musikalischer Subtilität, vernahm man den bewegenden Abschieds-Gesang nicht resignierend sondern mehr verhauchend, weltentrückt. Ich gewann  den Eindruck, dass die Stimme der Damrau heute noch mehr im musikalischen Melos zu feinstem Pianissimo sphärisch zu schweben schien.  Man wähnte sich der Welt abhanden gekommen und dem „alten Hasen“ kullerten vor Rührung die Tränen.

Ambivalent in weichen Pastellfarben orchestriert bettete Valery Gergiev mit den transparent aufspielenden Münchner Philharmonikern die Sängerin in die herrlich kolorierte Partitur. Solche Momente vollkommenen Glücks lassen sich nur mit der Rosenkavalier-Zeile: Ist´s ein Traum, kann nicht wirklich sein designieren.

Die Baden-Badener zeigten mehr Feingefühl, atemlose sekundäre Stille sodann gab es für die Begeisterung kein Halten mehr.

 Den Finalpunkt des elitären Konzertabends bildete nun jenes zweite Objekt meiner musikalischen Begierden die „Siebte Symphonie“ von Anton Bruckner. Schon mehrmals erlebte ich Valery Gergiev mit Bruckner, fieberte nun  seiner Interpretation der Siebten entgegen und war vom Ergebnis überaus überrascht und regelrecht beglückt.

In keiner Weise versuchte sich der Dirigent als Neuerer, sein Bruckner-Stil blieb stets der Partitur traditionell verpflichtet. In unglaublich akkuratem Aufbau führte Gergiev einfühlsam seine hervorragend aufspielenden und prächtig disponierten Münchner Philharmoniker in die breiten Paletten des Bruckner´schen Mysteriums und animierte den Orchesterapparat und ganz besonders dessen brillante Blechfraktionen zu atemberaubendem Klangrausch der überwältigenden Architektur des Allegro moderato.

Bewegend zog das Adagio vorüber, wurde allen Emotionen gerecht, war schließlich Bruckner vom Tode Richard Wagners sehr betroffen und schrieb diese Noten bar des traurigen Ereignisses. Im Adagio-Zentrum dessen Grundierung zwischen Tonika und Dominante basierte erschienen in Verknüpfung Dimensionen diverser Melodienvariationen. In formaler Transparenz, aufstrebend-voluminöser Instrumentalisierung verstand es Gergiev sensibel mit seinem vorzüglichen Orchester den Aufbau des Rondo und des Sonatensatzes akustisch derart plastisch zu demonstrieren, dass man ein gefühlvoll motiviertes Klangbild zu vernehmen glaubte, welches umso mehr, den phantastischen Kosmos der zum Himmel strebenden Melodik auf das Wunderbarste offenbarte.

Schemenhaft muteten die Mischklänge des Scherzos mit Miteinander der Violinen und tiefen Streicher an, der kalkuliert musizierenden Flöten im Überschwang und dennoch atmete das komplexe Musizieren den Hauch pneumatischer Fazilität. Immer wieder überraschte die symptomatische Qualität der Philharmoniker aufs Neue und präsentierte sich als genuiner Bewahrer und Verwalter des musikalischen Hochamtes der traditionsreichen Institution.

In alles überstrahlender Homogenität, in lebendigem Ausdruck setzte Gergiev die thematischen Tendenzen Bausteinen gleich zur überragenden Gesamtklang-Entwicklung und führte sein vehement konzentriert aufspielendes Instrumentarium nochmals zu orchestralem Pomp, zu individuell bedeutungsvoller Entfaltung des bewegten Finale.

65 Minuten berauschende symphonische Hochspannung wurde vom Publikum mit euphorischer Begeisterung gefeiert.

Gerhard Hoffmann

 

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