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BADEN-BADEN: DER ROSENKAVALIER

07.04.2015 | Allgemein, Oper

Osterfestspiele Baden-Baden: „DER ROSENKAVALIER“ 6.4.2o15 (Premiere 27.3.) – Glanzvolles und Fragwürdiges

 Unbenannt
Magdalena Kozena, Anja Harteros. Copyright: Monika Rittershaus

Am Abend zuvor saßen sie für Berlioz noch auf der Bühne, bei der szenischen Version von Strauss/Hofmannsthals Geniestreich waren sie wie gewöhnlich alle Opernorchester in den Graben verbannt. Und drückten der Aufführung dennoch den entscheidenden Stempel auf, ja sicherten ihr das große Format von Festspielen. Die Berliner Philharmoniker schafften im groß dimensionierten Baden-Badener Festspielhaus das seltene Ereignis einer Wiedergabe, die in keinem Moment zu laut, zu grell oder undurchsichtig geriet, und doch den ganzen Kosmos von sphärischen Feinzeichnungen bis zu aufbrausendem komödiantischem Tohuwabohu ohne Einbußen erfasste. Grundlage dafür bot zum einen der auch hier wieder sofort für sich einnehmende bronzen dunkle Grundklang des Orchesters, in dem sich alle Instrumentengruppen ideal mischen und zu einer Einheit zusammenfinden, und zum anderen das mit Lust am Detail wie auch am übergeordneten Zusammenhang feilende Dirigat von Sir Simon Rattle, der bei seinem Stück-Debut (wie übrigens auch das des Orchesters) auf Anhieb einen Zugang zu den subtilen Farbspielen von Richard Strauss gefunden zu haben scheint, mit denen der Komponist die Stimmungen einer vergangenen Epoche mit seiner Instrumentations-Finesse so magisch eingefangen hat. Den vielen nachdenklichen Momenten gewährte Rattle dabei ebenso den entsprechenden Raum wie er die Parlando-Dialoge möglichst flott voran trieb. Unterstützt durch die besondere Klangkultur des Orchesters entstanden Phrasen von edler Schönheit wie auch von stellenweise ganz neu beleuchteten Dissonanzen. Aufgrund der von viel Transparenz geprägten Wiedergabe traten nicht nur etliche sonst nicht auffallende Akzente hervor, auch für die Sänger wurde damit eine Basis geschaffen, die ihnen nie den Anlass zum Forcieren gab.

An deren Spitze stand Anja Harteros als eine Marschallin, die alleine schon durch ihre Erscheinung geadelt wird, und mit ihrem in allen Lagen gleichermaßen schön und rund durchgebildeten Sopran sowie geboten feiner Sprachbehandlung den poetischen Charme der Figur einzufangen vermochte und die Schlüsselstellen der „Silbernen Rosn“ und des „Hab mir gelobt“ mit Glanz und Sicherheit offenbarte. Als Charakter findet sie eine Mitte zwischen bescheidener Resignation und forscher Bestimmtheit.

Der als Baron Ochs international gefragte Peter Rose erfüllte die gefährlich zum Outrieren verleitende Rolle des vetterlichen Schwerenöters mit grundsolider, jederzeit zuverlässiger Bass-Kapazität und baritonalem Timbre im besten Sinne stimmig, ohne durch eine besondere Note hervor zu stechen. Er wahrt durchweg sein Dignité, wie ihn die Marschallin ermahnt. Gelegentliche Albernheiten dürften eher der Inszenierung geschuldet sein, doch dazu später.

Als Kontrahent um Sophies Gunst stellte Dirigenten-Gattin Magdalena Kozena ihren Mann und brachte dafür einiges an burschikosem Zuschnitt und deftigem Zugriff ein. Im lyrischen Bereich fühlt sich die Mezzosopranistin hörbar am wohlsten, da bleibt alles in klangschönem Rahmen und entsprechender Einfühlsamkeit. Sobald jedoch mehr Kraft, vor allem in der Höhe gefragt ist, verliert die eher kleine Stimme ihren Sitz, wird herb und unstet in der Führung. Dank des erwähnt sängerfreundlichen Dirigats konnte sie sich jedoch uneingeschränkt durchsetzen, die erwähnten Defizite bleiben aber unüberhörbar.

Für Anna Prohaska sind so große Räume wie das Festspielhaus auch grenzwertig, doch bewahrt ihr technisch bestens gebildeter und äußerst textverständlich artikulierender Sopran auch in den himmlischen Momenten der Sophie die Facon und die Rundung des Tons. Das aufbegehrende Mädel steht der jungen Wienerin aus einer Musikerfamilie, zumal in modischerem Gewand, sehr gut. Obwohl für den übereifrigen neureichen Faninal zu jung, gibt ihr Landsmann Clemens Unterreiner mit breit kerniger und höhenstabiler Bariton-Substanz eine überzeugende Visitenkarte seines Könnens ab. Irmgard Vilsmaier ist dagegen eine maßlose Verschwendung an die Duenna, zwar erfreulich wortdeutlich und spielerisch agil, aber mit nicht zu verleugnendem hochdramatischem vokalem Unterbau die Grenzen der Partie sprengend.

Festspiel-Luxus bietet Lawrence Brownlee als belcanto-geeichter Sänger mit schlanken Höhen und stilistischer Sicherheit für die tenorale Einlage. Eher Durchschnitt bestimmte das Niveau des weiteren Bagagi: Carole Wilson (Annina), Stefan Margita (Valzacchi), Thomas Michael Allen (Haushofmeister Marschallin + Wirt), Kevin Conners (Haushofmeister Faninal), John In Eichen (Polizeikommissar), Martin Snell (Notar) sowie viele junge angehende Sänger in den Kleinstpartien. Der nun komplettierte Philharmonia Chor Wien, ergänzt durch Mädchen des Cantus Juvenum Karlsruhe war stimmlich voll auf dem Posten und mehr oder weniger geschickt ins Geschehen einbezogen, womit wir bei der szenischen Seite des Projekts angekommen sind.

Brigitte Fassbaender, seit der Beendung ihrer Sängerlaufbahn vielfach in der Regie erfahren, hat den „Rosenkavalier“ bereits während ihrer Amtszeit als Intendantin des Tiroler Landestheaters Innsbruck auf die Bühne gebracht und blieb dabei weitgehend der Tradition verbunden. Ob sie die nun weit beachtetere Festspiel-Adresse oder das wesentlich größere Budget dazu verleitet hat, auf den Karren modischer Regie-Einfälle aufzuspringen, bleibe dahin gestellt, dennoch darf gesagt werden, dass das Ergebnis gelinde gesagt nicht nur eine Enttäuschung ist, sondern vor allem immer wieder zum Ärgernis darüber gerät, wie eine speziell mit diesem Stück als Interpretin ganz besonders vertraute Künstlerin so viele handwerkliche Schwächen zutage treten lässt und die wohl kaum zu bestreitende Komplexität des Stoffes immer wieder der Lächerlichkeit preisgibt. Was soll bei den Kostümen von Dietrich von Grebmer das Durcheinanderwürfeln verschiedener Epochen bis in die Gegenwart, wo Leopold in Jeans und Rollschuhen dem verletzten Ochs ein Glas Sekt nach dem anderen vorbeireicht oder das Stelldichein von Ochs und Mariandl im Beisl mit Pizzaschachteln beliefert? Was soll der zu frühe Auftritt Octavians zur Rosenüberreichung auf einem aus der Tiefe hochfahrenden Sockel? Warum bekommt Ochs von Octavian statt des Spadi-Stiches (Libretto!!!) einen Fausthieb auf die Nase verpasst? Warum tauscht das Intrigantenpaar mehrmals seine Geschlechts-Kostümierung? Fragen über Fragen, denen noch viele hinzuzufügen wären, auf die die Inszenierung aber keine auch nur irgendwie naheliegende Antworten zu geben vermag.

Erich Wonders bevorzugte Anwendung von mehreren hintereinander hängenden und durch Video-Zuspielungen ineinanderlaufende Bild-Imaginationen hätte ein ganz guter Ersatz für das weitgehend weggelassene Dekor sein können, wenn dadurch nicht unnötige und für den Zuschauer sichtbare Auf- und Abtritte entstanden wären und die eingeblendeten Motive (u.a. eine Fabrik, eine Krankenstation, ein leeres Schwimmbad und eine winterliche Berglandschaft zum Schluss) eine direkte Verbindung zum Stück zulassen würden.

Die erste Begegnung des jungen Paars ist seltsam distanziert in Szene gesetzt, stattdessen kippt der Klamauk vor allem im Beisl zu sehr ins Billige. Erst der gewohnt autoritäre Auftritt der Marschallin vermag diesen Zug wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Dass da statt des im ersten Akt noch gewöhnlich vorhanden gewesenen Mohamed am Ende etwas anderes kommen musste, war mit Sicherheit vorauszusehen. Immerhin hatte der finale Auftritt des Ensembles mit Chor, die dem selig vereinten Paar freudig zuwinken, worauf sich dieses unterm Fallen des Vorhanges in die Arme fällt, ungeachtet des komponierten Suchens und Findens von Sophies Taschentuch eine versöhnliche Geste.

Bei vielen, vor allem auch älteren Besuchern, die Frau Fassbaender noch live als Sängerin erlebt und speziell als Octavian verehrt haben, dürfte die Wertschätzung nach dieser Entgleisung um einiges gesunken sein.

So bitter die szenische Pille zu schlucken war (viele empörende Kommentare bereits in den Pausen), umso vehementer wurden die Solisten und ganz besonders das zuletzt auf die Bühne geholte Orchester mit jedem weiteren Vorhang noch stärker gefeiert.

Udo Klebes

 

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