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BAD WILDBAD / Festival „Rossini in Wildbad“: UN AVVERTIMENTO AI GELOSI

BAD WILDBAD
Festival „Rossini in Wildbad“:
UN AVVERTIMENTO AI GELOSI
von MANUEL GARCÍA
20:. Juli 025

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass Vincenzo Foppas Warnhinweis vor Eifersucht dem Gesangslehrer Manuel García als Vorlage für eine Salonoper diente: „Un avvertimento ai gelosi“, 1831 komponiert, verarbeitet das Libretto zu 90 Minuten unbeschwerter Unterhaltung mit einem Schuss Moral. Denn die Kreuzung aus „Don Pasquale“ und „Nozze di Figaro“ macht klar: Wer mit klammernder Eifersucht eine Beziehung sichern oder gar retten will, erreicht genau das Gegenteil. Eine Lektion für die Studenten, die der berühmte Tenor – der Conte Almaviva der Uraufführung von Rossinis „Barbiere di Siviglia“ – damals unterrichtete und für die er das Öperchen schrieb; aber auch eine zeitlose Erkenntnis der Beziehungs-Psychologie. Gut für junge Sängerinnen und Sänger auch heute, und das nicht nur aus stimmhygienischen Gründen.

Die Kostüme von Olesja Maurer unterstreichen folglich den Bezug zur Gegenwart in Jochen Schönlebers quirliger Inszenierung dieses musikalischen Lehrstücks, die für Stipendiaten der „Accademia di alto perfezionamento dell’Opera Carlo Felice“ – also eine Art Opernstudio des Genueser Hauses – entstanden ist und nun im entzückenden Kurtheater in Bad Wildbad drei Mal über die Bühne geht. Auch beim Festival „Rossini in Wildbad“ spielt ein pädagogischer Aspekt eine Rolle: Die Darsteller nehmen an der Akademie BelCanto teil, die seit 2004 die Kunst des traditionellen Belcanto vermitteln will. Gemeint ist damit wohl die Art zu singen, wie sie zu Rossinis Zeiten vermutet wird und aus verschiedenen Gesangsschulen – eine davon schrieb auch Manuel García – rekonstruiert werden kann.

„Belcanto“ wird, seit es die Oper gibt, unterschiedlich gedeutet. Aber einige Grundprinzipien sind durchgängig feststellbar. Sie betreffen unter anderem eine abgerundete, flexible Tongebung, gleichmäßige Führung der Stimme durch alle Register, Kontrolle der Tonemission und der Färbung des Klangs und vor allem eine sicher beherrschte Tiefenatmung.

In den letzten Jahrzehnten hat sich gesangstechnisch viel entwickelt: Rossini und seine Zeitgenossen werden heute stilistisch kompetenter gesungen als vor zwei Generationen. Und Jochen Schönleber kann mit Stolz auf eine respektable Liste von Sängern verweisen, die in Bad Wildbad ihre Karrieren begonnen oder gefestigt haben.

Legt man diesen – zugegeben sehr hohen – Standard an die jungen Stimmen in Bad Wildbad an, bleibt doch der Eindruck, da gebe es trotz jahrelanger Studien noch einiges zu lernen. Der häufig praktizierte italienische „Belcanto“ modernen Zuschnitts setzt auf einen brillant-präsenten, kräftig fokussierten Ton. Der Preis ist mangelnde Flexibilität und wenig Farbe. Das Legato klingt nicht entspannt; oft können Töne nicht zurückgenommen werden, ohne die Stütze auf dem Atem zu verlieren.

Ein Beispiel ist Willingerd Giménez: Der Bariton verkündet in seiner Eröffnungscavatina „É una cosa da scioccone“ die misogyne Philosophie des ältlichen Ehemanns der Bäuerin Sandrina mit schnell vibrierenden, harten Tönen. Der Eiferer wittert ständig irgendwelche Nebenbuhler und macht seine junge Frau erst damit interessant für andere Männer. Sandrina nutzt ihre Attraktivität aus, um ihm mit fingierten Techtelmechteln eine Lektion zu erteilen. Das eine entspinnt sich mit dem Grundbesitzer Graf Ripaverde: Ein eitler, von sich selbst überzeugter Macho, dem Samuele di Leo einen kraftvollen Tenor leiht. Seine Arie „Nel vagheggiar quel viso“ ist ein tönendes Zeichen seiner Potenz. Sollten die zärtlichen Herzenstöne im Mittelteil bloßes Mittel zum Zweck sein, fehlt ihnen die verräterische musikalische Färbung; sollten sie echt sein, ist der Mangel eines flexiblen Übergangs ins Piano umso drückender. Auch in den Ensembles präsentiert di Leo vor allem Strahlkraft.

Dabei hat García entsprechend den Konventionen der Zeit, aber wohl auch mit Bedacht auf den Lerneffekt für seine Zöglinge die Kultur der Ensembles sorgfältig ausgearbeitet: zwei Duette, je ein Terzett, Quartett und Sextett geben den Sängern den Raum, aufeinander zu reagieren und untereinander die Balance von Klang und Ausdruck zu entwickeln. Martina Saviano hat sich als Sandrina in zwei Duetten zu bewähren, bevor sie kurz vor dem Finale in einer nächtlichen Täuschungsszene den balzenden Grafen mit seiner beiseitegeschobenen Verlobten Ernesta zusammenbringt. Saviano genießt den Vorteil eines hellen und fein polierten Timbres, mit dem sie die kecke, gewitzte Seite ihrer Figur strahlen lassen kann. Auch die Verzierungen sind mit Geschick gebildet. Allerdings scheint ihnen – vor allem im Legato bemerkbar – das Fundament eines tiefen Atems ebenso abzugehen wie den lyrischen Momenten der letzten Arie.

Deutlicher werden die Probleme mit einer korrekten Stütze bei Ernesto de Nittis. Seine komische Figur des Schreibers des Grafen bietet von verhuschter Ängstlichkeit bis zu exaltiertem Poeten-Pathos reiche Möglichkeiten, als Darsteller, aber auch mit stimmlicher Gestik zu gefallen: Er soll im Auftrag des Grafen dessen Objekt der Begierde ausspionieren, findet sich aber in Konkurrenz mit seinem Herrn, als sein taktisches Anhimmeln unversehens in echtes Bewundern der schönen Sandrina umschlägt. Im zweiten Teil hat de Nittis im Quartett die köstliche Szene eines kleinen Beckmessers, als er den Gott der Dichter beschwört („Discendi, oh biondo Apollo“), um ein Gedicht „in neuem Ton“ zu kreieren. Dabei bleibt sein Bariton hart und eindimensional; um seine pathetische Anrufung Apolls und seine komische Verzweiflung über den Verlust seines Poems vokal auszudrücken, lässt der Sänger die Stimme vom Atem gleiten.

Bleiben noch zwei kleinere Rollen: Eleonora Marras zieht als gräfliche Verlobte Ernesta vor allem mit ihrer Arie „Chi serba nel petto“ die Sympathie auf sich; Davide Zaccherini verkörpert als Gärtner Menico die Rolle kluger Spielmacher, ähnlich wie Alidoro in „La Cenerentola“ oder Alfonso in „Cosí fan tutte“. In Schönlebers Inszenierung darf er auch die Stromleitung für das Bühnenlicht ein- und ausstecken und sich so als Regisseur mit ins Spiel bringen. Mattia Torriglia am Flügel begleitet nicht nur, sondern spielt auch eine Ouvertüre, die Garcías Gabe, einfache und wirkungsvolle Melodien zu erfinden, mit Esprit präsentiert.

Werner Häußner

 

 

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