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BAD WILDBAD / Festival „Rossini in Wildbad“: LA CENERENTOLA

BAD WILDBAD / Festival „Rossini in Wildbad“:
LA CENERENTOLA
22. Juli  2025

Augsburg, Bonn, Düsseldorf, Detmold, Frankfurt, Hagen, Köln, Weimar: Die „Cenerentola“-Welle rollt in den letzten Spielzeiten, hat einige bemerkenswerte Inszenierungen in deutsche Opernhäuser gespült und eine Reihe von Sänger-Entdeckungen ermöglicht. Nun zieht Bad Wildbad nach und präsentiert beim Rossini-Festival eine festspielwürdige Version.

Dass die dreieinhalb Stunden nahezu ungekürzter Musik so rasant und kurzweilig vorüberziehen (nur die Einleitung des zweiten Akts und die Arie der Clorinda fehlen), ist vor allem den Sängern zu verdanken: Intendant Jochen Schönleber erweist sich ein weiteres Mal als Spürnase, die junge Talente zu finden und zu präsentieren versteht. In diesem Fall reiht sich Polina Anikina in die Reihe vielversprechender Mezzosoprane ein, die an anderen Häusern als Angelina Eindruck machten: Nataliia Kukhar in Düsseldorf, Svetlina Stoyanova in Essen, Lamia Beuque in Hagen.

Anikina führt vor, was es heißt, „Belcanto“ zu singen. Schon ihre Eröffnungscavatina „Una volta c’era un re“ entzückt mit ihrer sanften, runden Tonbildung und der wehmütigen Farbe. Auch in einem der empfindsamsten Liebesduette Rossinis, mit Ramiro („Un soave, non so che“), zeigt die Stimme einen von keinen Vibratowogen verunklarten Klang, ein geschmeidiges melodisches Legato und brillante, drucklos gebildete Verzierungen. Wenn Cenerentola darum bittet, zum Tanz mitgenommen zu werden, liegt die ganze Sehnsucht nach einer Stunde Glücks in der Stimme.

Anikinas Koloraturen sind enorm musikalisch, auch ihre Tiefe und die Mittellage sind elegant gebildet. Lediglich in der Höhe sollte die junge Sängerin aus Russland, die 2024 in Bad Wildbad schon mit der Isabella in der „Italiana in Algeri“ triumphierte, auf Atem und Position achten: Da schärft sich der Klang und nach Sprüngen über das Register spricht ihr weicher Mezzo einen Moment zu spröde an. Das sind Details, die momentan nicht ins Gewicht fallen, auf Dauer aber die Entwicklung der Stimme beeinträchtigen könnten.

Ein anderer Belcantist von Format, Patrick Kabongo, ist seit 2017 in Bad Wildbad regelmäßig zu Gast, so in der sensationellen Wiederentdeckung von Daniel François Esprit Aubers Liebestrank-Version „Le Philtre“ 2021 oder als Comte Ory im letzten Jahr. Sein Prinz Ramiro glänzt mit lockerer Virtuosität, souveräner Höhe und flexibler Artikulation. Nichts von der grellen Schärfe oder den quäkig in verfestigte Positionen gedrückten Tönen so mancher „Rossini“-Tenöre. Und ganz aus der Musik geschöpft das Rollenporträt eines Mannes, der seinen Zorn über die miese Behandlung der engelsgeduldigen Angelina kaum bändigen kann. Kein Wunder, dass die biestigen Zicken Clorinda (Ellada Koller) und Tisbe (Verena Kronbichler) als ungleich hoch gewachsenes Schwesternpaar keine Chance haben.

Woran mag es liegen, dass belcantistische Tugenden bei den tiefen Männerstimmen weniger gepflegt werden? Immerhin erweist sich Filippo Morace als ein Don Magnifico von imponierendem Format, der mit klar fokussiertem Bassbariton die amüsanten Seiten seiner Figur musikalisch beleuchtet, ohne auf abgeschmackte vokale Effekte angewiesen zu sein. Sein erster Auftritt in grauer Hemdhose, schäbigem Morgenmantel und Schlappen gelingt ohne Aufwand als echter coup de théâtre. Den Beginn des zweiten Aktes, als er sich ungeniert ausmalt, wie er seine Micro-Power ausleben will, sobald eine seiner Töchter auf dem Thron sitzt, gestaltet er als Erzkomödiant. Die zynischen Seiten dieses Möchtegern-Potentaten, die tragikomische Seite eines gescheiterten Erbbetrügers, die überzogenen Erwartungen und verborgenen Ängste dieses gebrochenen Charakters bleiben im sonnigen Witz leider unterbelichtet.

Vokal nicht sonderlich glücklich agiert Emmanuel Franco als Dandini. Er hat auch bei seinen früheren Auftritten in Bad Wildbad seit 2018 eher vokal robust und auf Volumen hin gezielt. Sein Auftritt in einer lächerlich übertriebenen Montur als geckenhafter Stutzer mit Sonnenbrille (humorvoll gestaltete Kostüme: Claudia Möbius) hat Klasse, aber: Warum muss er jeden Satz herausbrüllen, jede Haltenote mit maximaler Kraft dröhnen lassen? Zum Glück hat ihn wohl irgendjemand in den Ensembles soweit abgedämpft, dass er den präzisen und wunderbar aufeinander abgestimmten Klang nicht zerschießt.

Statt der Sorbetto-Arie „Vasto teatro è il mondo“ singt Dogukan Özkan die 1820 für den bravourösen Bass Gioachino Moncada nachkomponierte Arie des Alidoro „Lá del ciel nell’arcano profondo“. Özkan irritiert zunächst durch sein gutturales Timbre, aber die Stimme befreit sich im Lauf der Arie. Regisseur Jochen Schönleber lässt sie vor halb geschlossenem Vorhang vortragen und betont damit ihre kommentierend-transzendierende Funktion. Ihr solennes Bekenntnis zu einer Himmelsmacht hoch über der Welt, die den finalen Triumph der Güte garantiert, hat Rossini in feierlichen Ernst gekleidet, und Özkan singt diese, die Philosophie des Stücks verändernde Arie mit priesterlicher Emphase.

Dass am Ende nicht eine Person, sondern die Güte (bontá) triumphiert, macht Schönleber im Finale deutlich: Angelina lässt Alidoro auf ihrem Thron Platz nehmen. Der steht auf einem Stufenpodest, auf dem zu Beginn neben einem kleinen Kanonenofen Cenerentolas ihre Träume besingt. Die beiden eitlen Schwestern horten indes in zwei Kleiderschränken Mengen von Roben, die zuvor – während der Ouvertüre – von Lakaien in Einkaufstüten herbeigeschafft werden.

Das Bühnenbild, vom Regisseur selbst gestaltet, konzentriert sich auf wesentliche Elemente, wird aber im Hintergrund durchgehend von erläuternden – und im Lauf der Zeit überflüssigen – Videos ergänzt. Schönleber lässt die Solisten flüssig agieren, überfrachtet das Stück nicht, aber bereichert es mit köstlichen Details wie einer Weinprobe mit drei schlürfenden Prüfern, die den Auftritt des Wein-„Intendanten“ Magnifico flankieren.

In solchen Momenten lässt José Miguel Pérez-Sierra das Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau mitlachen, und federnde Rhythmen sorgen für Schwung und Brisanz. Die Ensembles stützt er sorgsam, lockt mitreißende Energie hervor. Aufgeweckte Bläser-Staccatoketten und vibrierende Streicher lassen Rossinis Musik leuchten. Dass so manche Stelle zu massiv wirkt, ist Pérez-Sierra nur zum Teil anzulasten: Das Kurtheater ist klein; das Orchester müsste sich sehr zurücknehmen, um die Finessen von Piano und Mezzoforte auszukosten. Aber in der Ouvertüre setzt der Dirigent die Grundlautstärke zu hoch an: Die Crescendi entwickeln keinen Sog und die Bläser spielen füllig statt trocken-spritzig. Summa summarum eine „Cenerentola“ auf superbem Niveau; ein Abend, der Rossinis köstlichen Humor, aber auch seine nachdenklichen Seiten zum Vorschein bringt.

Werner Häußner

 

 

 

 

 

 

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