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BAD VILBEL: Triumph in Tönen – Julian Rachlin und das JSO verzaubern Bad Vilbel

Triumph in Tönen – Julian Rachlin und das JSO verzaubern Bad Vilbel

oki
Copyright @ David Vinokor

Die neu eröffnete VILCO Stadthalle in Bad Vilbel empfing an diesem Abend ein Orchester von internationalem Rang: das Jerusalem Symphony Orchestra (JSO) unter der Leitung von Julian Rachlin. Dieser Abend lotete nicht nur die klanglichen Möglichkeiten des neuen Saals aus, sondern ließ auch die große Tradition eines Orchesters aufleben, das eine zentrale Rolle in der israelischen Musikgeschichte spielt. Seit seiner Gründung im Jahr 1936 als Teil des Palestine Broadcasting Service hat das JSO maßgeblich zur kulturellen Entwicklung Israels beigetragen. Mit Persönlichkeiten wie Igor Strawinsky, Leonard Bernstein, Arthur Rubinstein und Yehudi Menuhin arbeitete es mit Musikern von Weltrang zusammen und genießt seither Anerkennung als kultureller Botschafter seines Landes. Seine regelmäßigen Tourneen führen es in renommierte Konzertsäle wie den Wiener Musikverein, die Carnegie Hall in New York oder die Kölner Philharmonie. Neben der klassischen Orchesterliteratur engagiert es sich für multireligiöse Musikprojekte und kulturellen Austausch.

Julian Rachlin, seit September 2023 Musikdirektor und Chefdirigent des JSO, hat sich zunächst als Geiger sowie Bratschist international einen Namen gemacht und in den letzten Jahren eine beeindruckende Karriere als Dirigent aufgebaut. Sein interpretatorischer Ansatz verbindet variable Dynamik mit leidenschaftlicher Expressivität – eine ideale Kombination für das anspruchsvolle Programm dieses Abends. Sein Mentor Mariss Jansons hat hörbare Spuren bei ihm hinterlassen, und so präsentierte sich Rachlin als formidabler Dirigent mit einer klaren, kraftvollen Handschrift.

Das klug gewählte Programm entfaltete sich als russischer Abend – von der brillanten Virtuosität Michail Glinkas über die emotionale Tiefe Rachmaninows bis zur schicksalhaften Wucht Tschaikowskys.

Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ljudmila“ eröffnete das Konzert mit einem furiosen Rausch. Die Streicher fegten mit messerscharfer Präzision durch die flirrenden Figuren, die Bläser setzten strahlende Akzente, unterstützt von der markanten Pauke. Das Orchester entfachte unter Rachlins energischer, doch stets kontrollierter Leitung ein wahres Feuerwerk der Klangfarben. Die Musik sprudelte mit unbändiger Lebendigkeit, schillernd und funkelnd – wie ein Kaleidoskop in rasender Bewegung. Dieser Auftakt elektrisierte den Saal und füllte den Raum mit jener prickelnden Vorfreude, die nur ein exzellent gespieltes Konzert hervorrufen kann.

Mit Sergei Rachmaninows zweitem Klavierkonzert betrat der junge Pianist Nuron Mukumi die Bühne. Der 1996 in Taschkent geborene Musiker, ausgebildet an der Menuhin School und der Hochschule für Musik Hannover, ist längst kein Geheimtipp mehr. Sein Spiel war von technischer Brillanz geprägt, vor allem aber von einer tief empfundenen Musikalität. Die schweren Akkorde zu Beginn des ersten Satzes ließ er nicht einfach nur donnern – sie atmeten, als würden sie aus der Tiefe einer melancholischen Seele emporsteigen. Sein Anschlag war geschmeidig, seine Phrasierung geschmackvoll, nie überzeichnet. Besonders im zweiten Satz, wenn das Klavier sich wie eine Stimme in ein Zwiegespräch mit den Holzbläsern mischt, bewies Mukumi eine außergewöhnliche kammermusikalische Sensibilität. Seine Melodien perlten sanft, schwebten schwerelos durch den Saal, während das Orchester unter Rachlins Leitung behutsam Raum für diese Intimität schuf. Die Übergänge gelangen mit feiner Agogik und atmender Dynamik. Im Finale schließlich entfaltete sich Mukumis ganze Virtuosität: energiegeladene Oktavenläufe, funkelnde Triller, ein furioses Crescendo – und doch blieb es mehr als ein Bravourstück. Hier entstand ein packender, emotional aufgeladener Dialog zwischen Solist und Orchester. Rachlin ließ sein Ensemble prachtvoll aufspielen und entlockte den Holzbläsern herausragende Soli. Nach dem letzten Akkord brandeten Ovationen auf – Mukumi bedankte sich mit zwei hingebungsvoll dargebotenen Zugaben.

Nach der Pause erklang Peter Tschaikowskys vierte Sinfonie – ein Werk von schicksalhafter Dramatik und eruptiver Wucht. Die berühmten Fanfaren der Blechbläser zu Beginn fuhren wie ein glühender Blitz in den Saal, gleißend und unbarmherzig. Rachlin nahm das Allegro mit fiebriger Intensität, ließ die Streicher brodeln, während die Holzbläser mit klagender Melancholie dagegenhielten. Die Musik wechselte zwischen Verzweiflung und Sehnsucht, Rachlin formte weite Bögen und ließ den emotionalen Schmerz dieser Musik mit atemberaubender Dichte aufleben.

Das Andantino klang wie ein bittersüßer Rückblick – ein Moment ergreifender Schönheit. Die Oboe sang mit dunkler Wärme, während die Streicher einen sanft schwebenden Klangteppich entfalteten. Hier bewies das JSO seine außergewöhnliche Fähigkeit, feinste klangliche Abstufungen herauszuarbeiten. Die Holzbläser – Klarinette, Flöte und Fagott – sorgten für leuchtende Farbnuancen, die sich ideal in das Gesamtbild einfügten.

Das Scherzo wurde zu einer Demonstration orchestraler Virtuosität: ein federndes, tänzerisches Spiel der Pizzicati, das sich über die gesamte Streichergruppe ausbreitete und wie funkelnde Regentropfen klang. Die Holzbläser antworteten mit flirrenden Girlanden, bis das Blech schließlich das Finale einleitete – ein wilder Strudel an Klangereignissen.

Dann entlud sich die ganze Kraft der Sinfonie: Der vierte Satz war ein Klangsturm, entfesselt und von unaufhaltsamem Drang nach vorn. Prasselnde Beckenschläge, ein furioser Orchesterklang – Tschaikowskys Musik geriet zum überbordenden Fest des Lebens. Rachlin trieb das Orchester bis an die Grenzen und ließ das Schicksalsmotiv in triumphaler Wucht aufglühen – bis das Finale schließlich in einem explosiven Feuerwerk aus Klang und Rhythmus kulminierte.

Einen Moment der Stille gab es nicht – stattdessen brach das Publikum in frenetischen Jubel aus. Die begeisterten Zuhörer standen auf und nicht enden wollender Applaus belohnte eine überragende Leistung. Das Jerusalem Symphony Orchestra hatte an diesem Abend nicht nur seine technische Brillanz bewiesen, sondern auch seine Fähigkeit, Musik mit pulsierendem Leben zu erfüllen. Julian Rachlin führte das Orchester mit sicherer Hand durch diese gewaltigen Klangwelten, forderte es und ließ es zugleich strahlen. Zwei hinreißende Zugaben krönten den Abend: Tschaikowskys Walzer aus „Dornröschen“ und der fünfte Ungarische Tanz von Johannes Brahms.

Welch ein Glück, dass Bad Vilbel mit dem neuen Konzertsaal die idealen Rahmenbedingungen geschaffen hat! Die VILCO-Stadthalle bietet mit rund 1000 Plätzen eine erstklassige Infrastruktur: großzügige Beinfreiheit, beste Sicht – und eine Akustik, die ihresgleichen sucht. Warm, sehr direkt am Ohr des Zuhörers und gleichzeitig erstaunlich transparent – kein Zweifel, dieser Saal setzt neue Maßstäbe im Großraum Frankfurt.

Es war ein triumphaler Abend – für das Orchester, für das Publikum und für die neue Stadthalle, die sich mit diesem Konzert als beeindruckender Konzertsaal empfahl.

Dirk Schauß, 16. März 2025

Konzert am 15. März mit dem Jerusalem Symphony Orchestra in Bad Vilbel

 

 

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