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AZOREN – WO GOTT SCHLUMMERT UND WANDERER INS TRÄUMEN GERATEN

Azoren – wo Gott schlummert und Wanderer ins Träumen geraten, 08.08.2012

„Na ilha o (deus do) tempo dorme entre pedras e flores“. So heißt ein Stück der bekannten portugiesischen Band „Madredeus“. Es ist den Azoren gewidmet und lautet in etwa: „Die Insel, wo (der Gott) der Zeit schlummert zwischen Steinen und Blumen“.


Azoren, Hortensien in lila. Foto: Ursula Wiegand

Mit soviel Poesie pur kann eigentlich nur Flores gemeint sein, die westlichste der neun Azoreninseln. Blumen (flores) sprießen dort allüberall, Hortensien zu Abertausenden, in blau, weiß, rot und lila. Sie begrenzen Wiesen und Felder, wuchern am Wegesrand und wachsen den Wanderern manchmal fast über den Kopf. Die ganze Insel ein schwimmendes Paradies.


Flores, wandern zwischen Hortensienbüschen. Foto: Ursula Wiegand

Aber eines mit spannenden Wanderwegen. Gut ausgeschilderte, mittelschwierige Pfade führen oberhalb der zerklüfteten Ost- und Westküste entlang. Mal fühlen wir uns wie im Dschungel, mal schauen wir von den Miradouros (Aussichtspunkten) begeistert auf den Atlantik. Hinter jeder Wegbiegung warten neue Bilder.


Flores, Wegweiser, Westküsten-Wanderung. Foto: Ursula Wiegand

Im Westen berührt der Weg die Dörfer Fajãzinha und Mosteiro. Freundlich blicken die Menschen. Einer öffnet seinen Laden und macht für uns „Café solo“ (Espresso) oder „Galao“ (Milchkaffee). Ein Genuss am westlichsten Rand Europas. Nur das Bad unterm Wasserfall und spektakuläre Sonnenuntergänge können das toppen.

Gepflegt wirken die Dorfkirchen, überraschen mit leuchtenden Farben und liebevoller Ausstattung. Nahebei stehen die schlichten Heilig-Geist-Kapellen, die Impérios, die nirgendwo fehlen. Zumeist sind es weiße Bauten, auf den Inseln Faial und Terceiro auch bunte, gekennzeichnet durch eine weiße Taube auf einem Stab oder auf dem Dach.

 
Flores, Heilig-Geist-Kapelle. Foto: Ursula Wiegand

An der Wand sind Krone und Zepter abgebildet, die Insignien für den „Imperador“, den Herrscher bei den „Festas do Espirito Santo“, den Heilig-Geist-Festen. Die sind der Höhepunkt des Jahres, und nur dann stehen die Kapellen offen.

Diese Feiern gehen zurück auf Königin Isabella von Aragon (1282-1336), die sie als Armenspeisung initiierte. Die Franziskaner brachten sie auf die Azoren. Nun sind es fromme Volksfeste mit Umzügen und Blasmusik.

Der Imperador, angetan mit Zepter und Krone, muss den Ablauf planen und dafür sorgen, dass alle satt werden. Nach altem Brauch kochen die Frauen die „Sopa do Espirito Santo“, die Heilig-Geist-Suppe, backen auch Brot und Kuchen. Und alle bitten den Heiligen Geist, er möge sie vor den Vulkanen beschützen.


Corvo, Wanderung in der Caldeira. Foto: Ursula Wiegand

Denn einige sind noch aktiv, und ihre Gewalt zeigen die Caldeiras, riesige Krater mit steilen Wänden. Auf Corvo, nördlich von Flores, erscheint diese Mulde mit den zwei Seen allerdings harmlos. Längst hat die Vegetation gesiegt, friedlich grasen die Kühe. Hier könnte Gott ruhig schlafen.


São Miguel, hier brodelt die Erde. Foto: Ursula Wiegand

Im Gebiet von Furnas auf der Hauptinsel São Miguel eher nicht. Heiße Dämpfe entsteigen dem Boden, in Erdlöchern blubbert siedend heißes Wasser. In diese Löcher versenken Männer Töpfe, gefüllt mit Fleisch, Würstchen, Kartoffeln und Gemüse. Nach einigen Stunden ist der „Cozido“ (Eintopf) gar und wird in den Restaurants den Gästen serviert.

Ist solches eher ein Gag, so wurde es am Westzipfel der Insel Faial bitterer Ernst. Ab 1957 bebte dort die Erde 13 Monate lang. Der Vulkan Capelinhos entstieg dem Ozean, schleuderte Gestein empor und begrub das Dorf Capelo unter seiner Asche. Nur der Leuchtturm trotzte dem Inferno und bewacht nun eine Mondlandschaft. Eine Gänsehaut-Gegend, aber mit fröhlich Badenden zwischen den Lavazungen am Meer.

Faial, Yachthafen von Horta mit Pico. Foto: Ursula Wiegand

Fröhlich ist auch die Stimmung im Südosten, am Yachthafen von Horta. Ab 1900 kreuzten sich dort die Telegraphenkabel zwischen Europa und Nordamerika. Nun pausieren hier die „Blauwassersegler“ auf dem langen Törn zwischen den Kontinenten. Stolz malen sie die Schiffssilhouette mit ihren Namen auf die Kaimauer und die steinernen Stege.


Faial, Yachthafen Horta, Schiff vom ASV-Stuttgart. Foto: Ursula Wiegand

Auch Segler aus Eckernförde und vom ASV Stuttgart haben sich dort verewigt. Im rappelvollen „Peter’s Café Sport“ hängen bunte Wimpel aus aller Welt.

Weit vorher stoppten hier die Fregatten mit Schätzen aus der Neuen Welt. Reich versilberte und vergoldete Schnitzaltäre in stattliche Kirchen künden von diesen Glanzzeiten. Große Kachelbilder (Azulejos) schmücken die Wände, nicht nur auf Faial. Doch draußen lugt schon der Pico durch die Bootsmasten. Mit seinen 2.351 Metern ist er der höchste Berg Portugals und Ziel vieler Wanderer.


Hortensien, Atlantik und Pico. Foto: Ursula Wiegand

Pico heißt auch die Insel, auf der er wie ein König thront, oft mit Wolkenkappe oder einem weißen Wolkenschal. Ständig ändert er sein Aussehen. Wer ihn bezwingen will, erklimmt die ersten 1.000 Meter per Taxi, muss sich vor dem Aufstieg an einem Büdchen anmelden und hoffen, dass unterwegs kein Nebel aufkommt.


Pico, Weinanbau, seit 2004 UNESCO-Welterbe. Foto: Ursula Wiegand

Aus seinem Lavagestein hat man im Tal Häuser gebaut und Mäuerchen, die die Verdelho-Reben vor rauen Winden schützen. Der Weinanbau hat dort eine 500jährige Tradition und zählt seit 2004 zum UNESCO-Welterbe. Selbst an den Zarenhof wurde Pico-Wein geliefert und begleitet nun unsere Abendessen. „Fisch oder Fleisch“, fragt dann der Wirt und legt große Schwertfischscheiben auf den Grill.

Früher war Pico eine wichtige Walfang-Station. Das restaurierte Walfänger-Museum in Lajes erinnert an jene Zeiten und den gefahrvollen Job der Männer. Inzwischen setzt man auf „Whale-Watching“, doch oft stehlen die Delphine den schwarzen Riesen die Schau. Verspielt umkreisen sie unser Motorboot, springen mal hier, mal dort munter empor.

Fünf Inseln lernen wir auf unserer 2-wöchigen Wikinger-Wanderreise kennen, und jede besitzt ihren eigenen Charme. Und welche ist die schönste? Für Romantiker ist es wohl Flores, für Pico-Fans vielleicht São Jorge.


Fähre nach São Jorge, Pico im Blick. Foto: Ursula Wiegand

Schon auf der Fahrt mit der Fähre setzt sich der Vulkankegel bestens in Szene. Auf der Insel wird er unser Model: Pico über Palmen, zwischen Zweigen, hinter Kühen, mit Windmühlen und Hortensien. Auch beim Bad im Naturschwimmbecken haben wir ihn im Blick.

Nach solch ruhigen Tagen erscheint uns Ponta Delgada auf São Miguel schon quirlig. Ruhiger geht es in Vila Franca do Campo zu, und beim Spaziergang hinauf zur Wallfahrtskapelle Nossa Senhora da Paz, der Friedensmadonna, sind wir quasi unter uns. Niemand stört uns beim Betrachten der Kachelbilder auf jeder Stufe.


São Miguel, Vila Franca, Wallfahrtskapelle Nossa Senhora da Paz. Foto: Ursula Wiegand

Als letztes Highlight der „Königsblick“ in den Krater bei Sete Cidades. Vom unteren Rand schaute 1901 Dom Carlos I begeistert auf den Lagoa Verde und den Lagoa Azul, den grünen und blauen See.


São Miguel, Königsblick auf Lagoa Verde und Lagoa Azul. Foto: Ursula Wiegand

Um die rankt sich die Sage von einer Prinzessin, die sich in einen Hirten verliebte. Auf Geheiß ihres Vaters mussten sich die beiden trennen. Beim letzten Treffen strömten die Tränen, grüne aus seinen grünen, blaue aus ihren blauen Augen. Doch unsere Augen strahlen – wir haben uns in die Azoren verliebt.

Infos: „Ein Hoch auf die Azoren“ heißen zwei Wikinger-Wanderreisen. Die 2-zweiwöchige Reise kostet ab 1.898 Euro, die 3-wöchige mit der Insel Terceira 2.648 Euro, jeweils pro Person im DZ. Auskunft und Buchung unter Tel. 0049-(0)2331-9046 und www.wikinger.de .

Lektüre: Reiseführer Azoren, Michael-Müller-Verlag, 544 Seiten, 20,90 Euro (D). Eine neue Ausgabe ist für Januar 2013 geplant.

Dumont: „Wandern auf den Azoren“, 144 Seiten 12,95 Euro D

 

 

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