Athens Epidaurus Festival / Antikes Theater von Epidauros
Sophokles: Antigone
Premiere am 27. Juni 2025

Copyright: Tomas Daskalakis
Ulrich Rasche, Regisseur und Bühnenbildner, hat sich im vergangenen Jahrzehnt mit seinen Bühneninstallationen einen Namen gemacht. Man könnte auch von Sprech- und Bewegungsmaschinen reden: Drehende Scheiben, schreitende Schauspielerinnen und Schauspieler, streng rhythmisiertes Sprechen. Dass Rasche die Theaterkunst eines Einar Schleef bewundert, ist deutlich erkennbar. Sein Sinn für Choreografie erklärt sich durch sein grosses Interesse für das deutsche Tanztheater, das er in jungen Jahren in Bochum und Wuppertal erlebte. Und man versteht ganz gut, wenn man diese Prägungen in Betracht zieht, warum ihn die griechische Tragödien mit ihren Chören so sehr interessieren. Der Regisseur war bereits vor drei Jahren mit Aischylos‘ „Agamemnon“ zu Gast im antiken Theater von Epidauros. Damals war es eine Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater und dessen Ensemble stand auf der Bühne. Es handelte sich also um eine Aufführung in deutscher Sprache. Nun lud das Griechische Nationaltheater Athen Rasche ein, mit einem griechischen Ensemble zu arbeiten und im Rahmen des Athens Epidaurus Festival die Saison im antiken Theater zu eröffnen. Auf dem Programm steht nun Sophokles‘ „Antigone“, welche eine reiche Rezeptionsgeschichte in Deutschland aufweist, die bis in 17. Jahrhundert zurückreicht.
“Alles in dieser Tragödie ist konsequent; das öffentliche Gesetz des Staats und die innere Familienliebe und Pflicht gegen den Bruder stehen einander streitend gegenüber, das Familieninteresse hat das Weib, Antigone, die Wohlfahrt des Gemeinwesens Kreon, der Mann, zum Pathos.” Es war Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der dies schrieb, als er eine nähere Betrachtung der Sophokleischen Tragödie unternahm. Der von Hegel benannte Konflikt, macht die Handlung aus: Die Ödipustochter Antigone bestattet entgegen der Weisung des Königs Kreon ihren Bruder Polyneikes, der Krieg gegen seine Heimatstadt Theben führte. Sie wertet dabei die heilige Pflicht höher als das Gesetz des Stadtstaates. In der modernen Bühnenrezeption wird dieser Widerstreit oft deutlich zuungunsten von Kreon dargestellt, ja der Herrscher bisweilen als autoritär gekennzeichnet. Ulrich Rasche hat an der Pressekonferenz zur Neuinszenierung klar gemacht, dass er die Aufmerksamkeit mehr auf Kreon richten will und jedwede Schwarzweisszeichnung für Fehl am Platze hält. Er berief sich dabei auf den Text, welcher Kreons abwägende Gedanken entfaltet. Und Rasche wies in diesem Zusammenhang auch darauf hin, wie sehr in jüngster Zeit Diskussionen die Rolle des Staats debatieren, was er tun soll und darf. Gewinnt seine Inszenierung der „Antigone“ durch die erwähnte Perspektivverschiebung, die Fokusierung auf das Staatswesen neue Aktualität?
Zwei stelenartige Leuchtsäulen und ein rundes Podest, das sich als dreiteilig bewegbare Drehbühne entpuppt, markieren den Handlungsort Theben, den griechischen Stadtstaat. Der Chor tritt zu Beginn mit schleifenden, langsamen Bewegungen auf. Eine erschöpfte, zerrüttete Nachkriegsgesellschaft zeigt sich da. Dann erscheint Kreon auf der Bühne und bleibt dort bis zum Ende: das Zentrum eines fortwährenden Diskurses um die Zukunft des Staatswesens, um die Grenzen von göttlichem und staatlichem Recht. Der Chor in seinen schreitenden und wankenden Bewegungen agiert mal zusammen, driftet an anderer Stelle auseinander. Das lässt auf seine unklare, Unschlüssigkeit ausdrückende Verortung in manchen Teilen der Debatte schliessen. Alles ist hier auf Diskurs und die Suche nach Argumenten ausgerichtet. Der langsame Sprechfluss und die Pausensetzungen lassen die Wörter geradezu im Raum stehen, gleich Inschriften aufscheinen. Alles vollzieht sich während der zweieinhalbstündigen Aufführung in rhythmischem Gleichmass, das durch einen intensiven, musikalischen Sound (Musik: Alfred Brooks) verstärkt, etwas Zermürbendes, Unstetes, ja Gefährdetes ausdrückt. Das Ringen um eine Nachkriegsordnung, das sich in den Worten Kreons manifestiert, wird in der Choreografie der Körper und Sprechakte erfahrbar.
Ulrich Rasche hat die Figur der Ismene gestrichen, was den Konflikt zwischen Antigone und Kreon, den zwischen zwei Rechtssystemen radikalisiert. Beide Protagonisten haben gute Argumente zur Hand und beide geraten in ihrer verbalen Auseinandersetzung aus dem sachlich fundierten Takt. Kreon Sprechen nimmt autoritäre Züge an und Antigone schlägt heroische Töne an. Die Begegnung der beiden zeigt nach einem kurzen Moment der Annäherung zwei durch Gesetze Getrennte, beinahe Isolierte. In der Art und Weise, wie der Regisseur die Tragödie zur Darstellung bringt, wird der Position des Königs, dessen Einsatz für das Gemeinwesen mehr Gewicht zuteil. Dass Kreon der Opferbereitschaft Antigones nichts Versöhnung bringendes entgegensetzen kann, zeigt seine Schwäche und lässt ihn schliesslich scheitern. Und sein Verhalten zieht ihm Teiresias‘ Strafgericht zu – tatsächlich erscheint die Figur hier weniger als Seher denn als Stimme einer Religionsbehörde. Das darf wohl als subtile Kritik am Einfluss religiös begründeten Rechts im Staatswesen gelesen werden. Haimon, Kreons Sohn und Antigones Verlobter ist auf verlorenem Posten in diesem unerbittlichen Rechtsstreit. Er folgt gleichsam dem Gesetz der Liebe und stirbt wie seine Braut. Am Schluss liegt Kreon buchstäblich und von den Geschehnissen erschüttert am Boden. Und die Zukunft des Stadtstaats Theben bleibt im Ungewissen.

Copyright: Tomas Daskalakis
Alle Beteiligten tragen zum Gelingen dieser präsise rhythmisierten und choreografierten Aufführung bei. An erster Stelle ist Giorgos Gallos als Kreon zu nennen, das eigentliche Zentrum dieser „Antigone“. Eindrückliche Leistungen zeigen aber auch alle anderen: Kora Karvouni als Antigone, Dimitris Kapouranis als Haimon, Filareti Komninou als Teiresias und Thanos Tokakis als Wächter. Und natürlich müssen die Mitglieder des Chors, deren fabelhaftes, bewegtes Sprechen hervorgehoben und gelobt werden: Vassilis Boutsikos, Stratis Chatzistamatiou, Dimitris Kapouranis, Marios Kritikopoulos, Ioannis Mpastas, Giorgis Partalidis, Thanasis Raftopoulos, Gal Rompissa, Giannis Tsoumarakis und Giorgos Ziakas. Ausgezeichnet ist schliesslich auch der musikalische Part, live dargeboten von Nefeli Stamatogiannopoulou und Haris Pazaroulas am Kontrabass sowie von Nikos Papavranoussis und Evangelia Stavrou am Schlagwerk. Ulrich Rasche ist ein eindrückliches Gesamtkunstwerk gelungen, das viel Zeitgenossenschaft in sich trägt.
Das Publikum im sehr gut besuchten Theater von Epidauros spendet am Schluss starken, anhaltenden Beifall. Einzelne Bravorufe sind zu vernehmen.
Ingo Starz (Athen)

