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ATHEN/ Onassis Stegi: ELENIT von Euripides Laskaridis. Wiedersehen mit einer anarchischen Welt

Onassis Stegi, Athen 

Elenit 

Besuchte Vorstellung am 16. Februar 2023

Wiedersehen mit einer anarchischen Welt

tzh

Euripides Laskaridis hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere hingelegt. Von der Ausbildung her ein Schauspieler, war die Arbeit mit dem Regisseur und Performer Dimitris Papaioannou prägend für ihn. Seit 2015 schafft Laskaridis eigenwillige, klangvolle Bühnenwelten, die von skurillen Figuren belebt werden. Durch Bewegung ausgelöster Sound, die Sensibilität für Materialien, der Einsatz ungewöhnlicher, ‚magisch‘ anmutender Effekte – das alles findet sich bei diesem Künstler und gemahnt an dessen Zusammenarbeit mit Papaioannou in früheren Jahren. Das Figurenrepertoire, der Erzählrhythmus und der Humor unterscheiden ihn freilich von seinem Vorbild. Laskaridis‘ Schöpfungen zeigen in ihren besten Momenten einen anarchischen Frohsinn, der sich etwa aus dem  gleichzeitigen Auftreten von Ungleichzeitigem speist. Das 2019 herausgekommene Bühnenwerk „Elenit“ ist ein solches anarchisch, tragikomisches Spektakel. Es wurde bereits vielerorts gezeigt und kehrt nun für wenige Vorstellungen auf die Hauptbühne von Onassis Stegi zurück. Eine Wiederbesichtigung.

Da ist sie wieder, die zerzauste, scheinbar aus der Aufklärung gefallene Frauenfigur, die sich gerne lesend gibt. Von Euripides Laskaridis verkörpert scheint diese alle anderen Figuren buchstäblich zu imaginieren. Zumindest aber steht die anrührend skurille Frauenfigur im Zentrum, umgeben von einem Krieger, einer Alice im Wunderland oder einem Dinosaurier. Das Unheimliche beherrscht die Szene. Komische Handlungen stehen neben Entäusserung von Gewalt, der schon mal Beine oder ein Kopf zum Opfer fallen. Zärtlich und wild, verrückt und nachdenklich geht es in diesem Figurenkosmos zu. Und selbst ein revolutionärer Akt mit Roger Fahne hat Platz in einem Geschehen, dass von einer elektroakustisch verzerrten, fast immer unverständlichen Sprache begleitet wird. Auch wegen dieser akustischen Erfahrung mag einem die Bühnenwelt wie ein Zerrspiegel unserer Realität oder besser unserer verborgenen Sehnsüchte und Ängste erscheinen. Die Dramaturgie weist allerdings gewisse Schwächen auf, bisweilen gerät der Rhythmus ins Stocken, überzeugen einzelne Szenen weniger. Die 100-minütige Aufführung weist ein paar Längen auf und es wird, ganz ehrlich gesagt, nicht wirklich klar, warum das Bühnenwerk als Tanz geführt wird (manche Schauspielinszenierung weist mehr tänzerische Bewegung auf). Der Charme von Laskaridis und seiner Truppe – insgesamt stehen zehn AkteurInnen auf der Bühne, eine Art DJ eingeschlossen – macht den Abend aber in jedem Fall zu einer interessanten Erfahrung, einer unheimlich-heiteren Begegnung mit einer monströsen Welt.

Das Publikum reagiert mit erheblicher Begeisterung auf das Bühnengeschehen. 

Ingo Starz (Athen)

 

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