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ATHEN/ Odeion des Herodes Attikus: NORMA

Belcanto auf der Plastikinsel

10.06.2019 | Allgemein, Oper


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Greek National Opera im Odeion des Herodes Attikus: NORMA

Besuchte Vorstellung am 9. Juni 2019

Belcanto auf der Plastikinsel

Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ erfreut sich in Griechenland erheblicher Beliebtheit. Bereits im 19. Jahrhunderts kam das Werk an verschiedenen Orten des heutigen Staatsgebiets zur Auffuehrung. Nach Athen gelangte die Oper im Jahr 1840. Die fraglos beruehmteste Auffuehrung von „Norma“ in Griechenland ereignete sich 1960 im antiken Theater von Epidauros. Dort konnte die griechische Nationaloper Maria Callas in der Titelrolle praesentieren. Es muss kaum erwaehnt werden, dass die Saengerin damals einen Triumph feiern konnte. Zuletzt war „Norma“ 2010 im Odeion des Herodes Attikus zu erleben, wo nun eine Neuproduktion im Rahmen des Athens & Epidauros Festivals stattfindet.

Der Regisseur und Buehnenbildner Carlus Padrissa vom spanischen Kuenstlerkollektiv La Fura dels Baus hat zusammen mit dem Kostuembildner Aitziber Sanz und dem Videokuenstler Marc Molinos Bellinis Oper in die Zukunft versetzt. Das Geschehen spielt im Jahr 2050 auf einer Plastikinsel, die das Resultat einer Umweltkatastrophe ist. Der heilige Baum der Druiden ist nun nurmehr aus Plastik und Norma bewahrt das Geheimnis der Erschaffung kuenstlichen Lebens inmitten einer zeugungsunfaehigen Welt. Dieser technoide Ansatz wird in der Inszenierung von La Fura dels Baus durch zahllose Projektionen, die auf dem roemischen Mauerwerk des Odeions erscheinen, unterstrichen. Man fuehlt sich bisweilen in eine Einfuehrungslektion der Life Sciences versetzt. Selbst die Kostueme verweisen auf einen technischen Hintergrund: Unter den Stoffen sind Leuchtdioden angebracht, welche die Protagonisten im Dunkel der Nacht gleichsam zu Gluehwuermchen machen. Der interpretatorische Ansatz von Carlus Padrissa ist alles andere als zwingend, man muss jedoch sagen, dass die erzeugten Bilderwelten ziemlich gut auf der grossen Buehne des Odeions funktionieren. Zudem versteht es der Spanier, den gesamten Raum auf interessante Weise zu nutzen. So treten Solisten von den Zuschauerraengen her auf, wo auch gelegentlich Choristen platziert werden. Das Lichtdesign von Eleftheria Deko zielt ebenfalls darauf, Buehne und Zuschauerraum eng zusammenzuschliessen. Interessant ist es auch anzuschauen, wie sich der Roemer Pollione auf einer ausgefahrenen Hebevorrichtung dem Heiligtum naehert. Das technische Moment ist also allgegenwaertig. Und es kann auch sehr poetisch daherkommen, etwa wenn ein Kahn langsam ueber den Buehnenboden gleitet. Da die Inszenierung viel fuer das Auge bietet und ueber ein gutes Raumgefuehl verfuegt, folgt man dem Geschehen mit einigem Wohlwollen.


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Das Orchester unter der Leitung von Georgios Balatsinos und der von Agathangelos Georgakatos einstudierte Chor bieten solide bis gute Leistungen. Etwas mehr Finesse in Spiel und Gesang waere freilich wuenschenswert. Die Italienerin Carmen Giannattasio bietet ein differenziertes Portraet der Norma. Mit schoenem, dramatischen Ton gestaltet sie die Rolle, nur ab und zu verlieren sich ihre Piani ein wenig im grossen Halbrund. Cellia Costea ist eine ueberzeugende Adalgisa mit charaktervoller, dunkler Tongebung. Die beiden Soprane verschmelzen zwar klanglich nicht wirklich in den beiden Duetten, das „Mira, o Norma“ gelingt jedoch eindruecklich. Arnold Rutkowski ist stimmlich und aeusserlich ein eleganter Pollione. Was er zum Besten gibt, verdient tatsaechlich die Bezeichnung Belcanto. Raymond Aceto singt klangschoen den Oroveso.

In den kleineren Rollen wissen Yannis Kalyvas als Flavio und Violetta Lousta als Clotilde zu gefallen. In einigen Momenten erweist sich die Akustik des Odeions als schwierig, was die Saengerinnen und Saenger dazu verleitet, ihre Stimmen zu forcieren. Openair-Auffuehrungen haben eben ihre eigenen Gesetze. Gesanglich bewegt sich diese Produktion jedenfalls auf erfreulich hohem Niveau.

Das Publikum spendet starken, mit vereinzelten Bravorufen versetzten Beifall.

Ingo Starz

 

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