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ATHEN/ Griechisches Nationaltheater: DER MENSCHENFEIND von Moliere

01.04.2019 | Allgemein, Theater


Foto: Griechisches Nationaltheater Athen

Griechisches Nationaltheater, Athen

„Der Menschenfeind“ von Moliere

Besuchte Vorstellung am 30. März 2019

Die Geschichte vom Idealisten Alceste, der sich von den Intrigen und Heucheleien des höfischen Lebens fern hält und die adlige Gesellschaft mit Verachtung straft, lässt sich ohne weiteres überzeugend in die Gegenwart transferieren. Molieres „Menschenfeind“ ist schliesslich einer, der seiner Mitwelt den Spiegel vorhält und dabei gleichzeitig wegen seiner Liebe zu Celimene auch in diese verstrickt ist. Darin liegt, wenn man so sagen darf, ein modern gebliebenes Spannungsverhältnis begründet. Der Regisseur Yannis Houvardas ist einer, der für seine zeitgenössischen Zugriffe auf klassische Texte bekannt ist. Man ist darum in Athen neugierig, seine Sicht auf Molieres Komödie zu sehen.

Bereits das Setting von Eva Manidaki und die Kostüme von Ioanna Tsami zeigen, dass wir uns in der Gegenwart befinden. Das Publikum blickt, genauer gesagt, auf einen edel ausgestatteten Raum der Unterhaltung, auf die Partyzone der betuchten Gesellschaft. Man begreift schnell, dass sich Alcestes Kritik in dieser Lesart gegen die Auswüchse gegenwärtigen Reichtums, gegen selbstvergessene Rituale der stets Vergnügungssüchtigen richtet. Der Menschenfeind fällt in dieser Umgebung auf, weil er eben nicht mitfeiert und seine Bewegungen nicht die Geschmeidigkeit der anderen aufweisen. Dass ihm Houvardas eine Kamera in die Hand gibt, unterstreicht zusätzlich seinen Beobachterstatus in diesem Gesellschaftsspiel um Einfluss, Geld und Lust. Daneben wird auch die Inkonsequenz der Figur anschaulich, wenn er nämlich mit Celimene turtelt und deren offenkundige moralische Schwächen geflissentlich verdrängt. Der Regisseur zeichnet innerhalb der gut abgestimmten Choreographie einer gesellschaftlichen Gruppe unter Beobachtung das Bild eines durchaus zwiespältigen, zum Besserwissertum neigenden Charakters: Alceste observiert eine Gesellschaft, von der er nicht loskommen kann. Er ist kompromisslos in seinen Reden, aber nicht im Begehren. Die Frage, die uns eindringlich vor Augen geführt wird, ist, ob man Liebe resp. Zuneigung anderer ohne Kompromisse gewinnen kann, ja ob ein Leben ohne Kompromisse überhaupt möglich ist.

Yannis Houvardas hat für seine Auslegung der Komödie ein vorzügliches Ensemble zur Verfügung. Angeführt wird dieses von Michail Marmarinos als Alceste, Christos Loulis als dessen Freund Philinte und Alkistis Poulopoulou als Celimene. Sie fechten so geschickt mit Worten wie sie gekonnt ihre Körper als Waffe oder zumindest als Ausdruck persönlicher Haltung einsetzen. Es ist ein Vergnügen, diesem Treiben zuzusehen.

Daneben erfreuen ebenso mit ihrem Spiel: Dimitris Papanikolaou als Oronte, Konstantinos Avarikiotis als Acaste, Laertis Malkotsis als Clitandre, Elena Topalidou als Eliante, Emily Koliandri als Arsinoe und Giannis Voyiatzis als wundersam-komischer Du Bois. Grigoris Eleftheriou sorgt für die Live-Musik auf der Bühne.

Am Ende der Aufführung gibt es viel Beifall und einige Bravorufe für das Ensemble.

Ingo Starz

 

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