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ATHEN/ Griechische Nationaloper/ Alternative Bühne: STRELLA von Michalis Paraskakis/ Alexandra K.

Griechische Nationaloper / Alternative Bühne : Strella

Besuchte Vorstellung am 5. Februar 2023

Eine Übung in Sprechgesang

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Foto: Nationaloper/Alternative Bühne

Zeitgenössisches Musiktheater hat es schwer in Athen. Da Onassis Stegi sich vom seinem progressiven Musikprogramm verabschiedet hat und Megaro Mousikis kaum Mittel für derlei Aktivitäten zur Verfügung hat, kommt der Alternativen Bühne der Nationaloper grosse Bedeutung zu. In der Tat kommen dort ziemlich viele Auftragswerke zur Uraufführung, die wenigsten lassen sich aber als innovatives Musiktheater bezeichnen. Man hat nun mit einiger Spannung und gewissen Erwartungen eine Opernadaption des Films „Strella“ erwartet. Der im Jahr 2009 herausgekommene Film von Panos H. Koutras zählt zu den jüngeren Klassikern des griechischen Kinos. Die Produktion der Kammeroper hatte, das war zu hören, mit einigen Problemen zu kämpfen, was vor allem die Besetzung der Transgenderrollen betraf. Wie sich dies auf das Resultat auswirkt, kann man nur vermuten. Festzuhalten ist jedoch, dass das, was auf der Bühne zu sehen ist, enttäuscht. 

Koutras‘ Film erzählt die Geschichte von Yorgos, der aus dem Gefängnis entlassen auf die Transfrau Strella trifft und sich in sie verliebt. Er lebt sich in der Transgender- und Queerszene ein. Bei der Suche nach seinem Sohn erfährt er, dass dieser nach Athen gegangen sei und dort als Transgender lebe. Eine Vermutung treibt Yorgos um, die sich dann auch als wahr erweist: Strella ist der gesuchte Sohn. Diese an die Ödipustragödie angelehnte Geschichte findet sein Happy End bei einem Silvesterdinner, wo die bunte neue ‚Familie‘ von Strella und Yorgos zusammenkommt. 

Das Libretto von Alexandra K* folgt dem Handlungsablauf des Films und verknappt die Szenen. Strella wird gleichsam um die Figur Callas als alter ego ergänzt – denn Strella verehrt Maria Callas. Das ganze Gefüge wirkt gar skizzenhaft, weil es den einzelnen Figuren nur wenig Raum zur Entfaltung gibt. Dieses Manko könnte die Musik vielleicht ausgleichen, was aber nicht geschieht. Michalis Paraskakis ist andernorts als begabter, interessanter Komponist aufgefallen. Seine Entscheidung, die Akteure auf der Bühne mit einer Art Sprechgesang auszustatten und dem zehnköpfigen Orchester eher stimmungsbildende resp. illustrative Aufgaben zuzuschreiben, führt leider zu einem unbefriedigenden Ergebnis. Da nimmt man schnell mal die Einlagen von Anastasia Kotsali als Callas, Nina Naï als Drag-Queen und Ioanna Zam-Petrou als Mary – Opernarien („Sempre libera“ und „Vissi d’arte“) und griechische Songs – als Höhepunkte einer ansonsten musikalisch blassen Musiktheateraufführung wahr. Das im Bühnenhintergrund platzierte Orchester unter der Leitung von Konstantinos Terzakis spielt gut, gewinnt aber kaum Eigenleben. Die Schwäche der Kammeroper mag, so muss man fürchten, auch ein Result schwieriger Produktionsbedingungen sein. 

Die Inszenierung von Giorgos Koutlis in der Ausstattung von Eva Manidaki kommt leider nicht über eine routiniert arrangierte Szenenfolge hinaus. Immerhin werden dabei die verschiedenen Ebenen der Alternativen Bühne gut genutzt. Das getreppte bühnenbestimmende Oval, das an ein antikes Theaterrund erinnert, verweist auf die immanente Ödipusgeschichte. Die Kostüme von Ioanna Tsami machen die bunte Welt des Athener Undergrounds ein wenig greifbar. Richtig lebendig werden die Figuren unter Koutlis‘ Führung aber nicht. Die Transfrauen Ioanna Zam-Petrou als Mary und Victoria Tsitouridou-Maya als Wilma sowie Nina Naï als Drag-Queen entfachen noch am meisten Leben. Dionisos Tsantinis als Yorgos und Letta Kappa als Strella bleiben leider blass. Dies gilt auch für die Akteure in den kleineren Rollen. Man hat etwas das Gefühl, der Sprechgesang raube den Figuren ihre Emotionen. 

Das Publikum spendet am Schluss freundlichen Applaus. 

Ingo Starz (Athen)

 

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