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ATHEN – Griechische Nationaloper/Alternative Bühne: LIEDERABEND ARIS ARGIRIS. Der griechische Schubert

Griechische Nationaloper, Athen / Alternative Bühne 

Liederabend Aris Argiris: Der griechische Schubert

Konzert am 8. April 2023

Der Göttervater kehrt heim

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Aris Argiris.

Liederabende sind bedauerlicherweise nicht allzu oft an der Griechischen Nationaloper zu erleben. Dabei bietet der Raum der Alternativen Bühne mit seinem intimen Charakter und seiner sehr guten Akustik beste Voraussetzungen für solche Darbietungen. Es ist sehr zu begrüssen, dass das Haus nun den in Deutschland lebenden Bariton Aris Argiris nach Athen eingeladen hat. Er feierte jüngst grosse Erfolge, insbesondere als Wotan in Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“. In Athen ist er leider ein zu seltener Gast, was wohl nicht nur am bescheidenen deutschen Repertoire des Opernhauses liegen mag. Nun aber ist er zusammen mit dem Pianisten Peter Bortfeldt angetreten, dem hiesigen Publikum den „griechischen“ Schubert nahezubringen. 

Das Liedschaffen von Franz Schubert widerspiegelt in vielfältiger Weise den literarischen und kulturellen Kontext von dessen Lebenszeit. Und dies waren Jahre die vielerorts von Interesse an klassischen Altertümern, von Philhellenismus geprägt waren. Zahlreiche Gedichte und Dramen legen davon Zeugnis ab. So überrascht es nicht, dass in Liedern Schuberts desöfteren von griechischen Mythen und Helden die Rede ist. Argiris und Bortfeldt haben gleich Archäologen die antiken Spuren im Liedwerk des Komponisten freigelegt. Sie haben gesucht und gefunden – und sie präsentieren ein klug zusammengestelltes Programm von fünfzehn Liedern. Unter den Verfassern der zugrundeliegenden Gedichte sind grosse Namen wie Goethe, Schiller oder Heine. Ausserdem erklingen Lieder auf Werke von Johann Mayrhofer, einem mit Schubert befreundeten klassischen Philologen. Allein der programmatische Charakter macht diesen Liederabend zu einem Ereignis.

Man hört bei jedem einzelnen Lied, das an diesem Abend dargeboten wird, dass Argiris und Bortfeldt ein sehr gut eingespieltes Team sind. Der Pianist spielt die Schubertwerke klangvoll und nuanciert. Und die ausgewählten Lieder bieten in der Tat auch einiges an erzählerischer Dramatik. Im ersten Teil sind es etwa die Lieder „Ganymed“, D. 544 und „Prometheus“, D. 674, welche als bemerkenswerte Miniaturdramen zu grossartiger Interpretation gelangen. Noch heroischer und dahinstürmender klingen im zweiten Teil des Konzerts das berühmte Atlas-Lied aus dem Zyklus „Schwanengesang“, D. 957 und „Amphiaraos“, D. 166. Franz Schubert gelingen hier ungemein dichte, dramatische Tonbilder. Und Aris Argiris lotet deren Spannungsgehalt trefflich aus. Mit seinem metallisch glänzenden Bariton gibt er den mythischen Helden eine prächtig-heroische Klanggestalt, die viele Zwischentöne kennt. Leiden, Hoffnung, Sehnen oder Anklage – Argiris‘ Darbietung entfaltet ein beeindruckendes Ausdrucksspektrum. Man ahnt, dass er ein toller Wotan sein muss. Von Zeus hört man an diesem Abend und man möchte nach dessen Ende sagen: Der Göttervater kehrt heim nach Griechenland und präsentiert ein aufregendes Kapitel des europäischen Philhellenismus. 

Das Publikum im vollbesetzten Saal ist begeistert und wird mit einer Zugabe belohnt. Man verlässt das wunderbare Konzert mit der Hoffnung, den Sänger bald wieder in Athen zu hören. 

Ingo Starz (Athen)

 

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