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ARTHUR HONEGGER: LE ROI DAVID

29.05.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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ARTHUR HONEGGER: LE ROI DAVID – Ensemble Vocal de Lausanne, Mirare CD

Knackig, dichte Einspielung eines zu wenig beachteten Meisterwerks

Ursprünglich als Bühnendrama für mit abwechselnd gesprochenen Dialogen, Musik und Tänzen für das „Théâtre du Jorat“ (hölzernes Freilufttheater) im schweizerischen Mézières geschrieben, ist der in dieser Version eingespielte symphonische Psalm „Le Roi David“ von Arthur Honeggers, tatsächlich eines der aufregendsten Oratorien für Chor, Solisten und Orchester des 20. Jahrhunderts. Basierend auf René Morax gleichnamigen Bühnenstück, das wiederum vom Hindu-Theater inspiriert wurde, hat das Werk keine Geringeren als Ernest Ansermet und Igor Strawinsky als künstlerische Paten. Das macht sich auch in der „neoklassizistischen“ Besetzung des Orchester bemerkbar, die aus siebzehn Musikern besteht: Holz- und Blechbläser (2 Flöten- Oboe – 2 Klarinetten – Fagott – Horn – 2 Trompeten – Posaune), Kontrabass, Klavier, Harmonium, Celesta, Pauken und Schlagwerk. Gegenüber der mehr als vierstündigen Dauer der Erstaufführung wurden die Dialoge durch einen einem Erzähler anvertrauten Text ersetzt. In 27 Szenen wird die Geschichte des David erzählt, wobei die Hauptrolle dem Chor zukommt. Das Ensemble Vocal de Lausanne, 1961 von Michel Corboz gegründet, ist ein ganz ausgezeichneter Berufschor, der die Einflüsse von Bach und Händel bis zu jazzigen Anklängen der mit höchstem Raffinement komponierten Chorszenen (mit und ohne Solisten) mit lupenreiner Intonation, ausgewogenen Stimmgruppen transparent, in einem breiten Ausdrucksspektrum von schlicht bis hochdramatisch zu singen vermag. Der Chor singt in unterschiedlichen Besetzungen von einstimmig bis zu gemischten vierstimmigen Nummern, bisweilen getrennt in Frauen- und Männerchöre. Gesungen wird – comme il faut – in französischer Sprache.

Von den drei Solisten (Lucie Chartin – Sopran, Marianne Beate Killleand – Mezzo und Thomas Walker – Tenor) gefällt besonders Thomas Walker. Der aus Glasgow stammende außerordentliche Sänger, der ein wenig an Peter Pears erinnert,  wird demnächst an der Komischen Oper in Berlin die Titelrolle in der Juni-Premiere von Rameaus „Zoroastre“ sowie den Monosthatos in der Zauberflöte im Theater an der Wien unter der Leitung von René Jacobs interpretieren. 

Das Orchestre de la Suisse Romande hat in diesem Repertoire alle denklichen Heimvorteile, die es trefflich nutzen kann. Besonders Blech- und Holzbläser reüssieren virtuos und klangschön in der auch technisch ganz hervorragenden Studioaufnahme. Dirigent Daniel Reuss strafft das Seil zwischen den knappen diatonischen Elementen von großer Einfachheit, den aufrauschenden Lobpreisungen Gottes bis zu den an die Grenze der Atonalität gehenden Beschwörung der Hexe von Endor oder dem Tanz vor der Bundeslade. Dabei führt die ungemein expressive Athena Poullos als „Phytonisse“ dem allzu distant und kühl erzählenden Christophe Balissat vor, mit welcher Dramatik und Leidenschaft eine Geschichte in Worten vermessen werden kann. Insgesamt ist diese Neuerscheinung eine stimmungsvolle, modern und aufregend musizierte CD, die hoffentlich zu vermehrten Aufführungen dieses prächtigen Werks animiert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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