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Arne Karsten: DER UNTERGANG DER WELT VON GESTERN

19.04.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Arne Karsten:
DER UNTERGANG DER WELT VON GESTERN
Wien und die k.u.k.Monarchie 1911-1919
270 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2019

Nichts am Titel und Untertitel dieses Buches verrät, worum es Autor Arne Karsten auch und vordringlich geht: nämlich um die Person des Wiener Dichters Arthur Schnitzler, um seine Funktion als Zeitzeuge des Untergangs und Weltenumbruchs rund um den Ersten Weltkrieg – und um seine Beziehung zu Stephanie Bachrach, ein Schicksal, das extrem gerade durch Umstände der Zeit geprägt wurde. Rund um diese „Hauptdarsteller“ hat der Autor in großer Klarheit Zeit und Umwelt, Politik und Soziologie der Epoche analysiert.

Es begann damit, man erfährt es im Nachwort, dass Arne Karsten – als Wissenschaftler bisher meist in Italien und früheren Jahrhunderten daheim – sich aus der Universitätsbibliothek von Wuppertal (wo er am Historischen Seminar der Bergischen Universität lehrt) die Schnitzler-Tagebücher auslieh. Glück für ihn, dass er mit dem Band 1913 bis 1916 in einer der interessantesten Epochen dieses Dichterlebens landete. Wer diese Tagebücher kennt, der weiß, wie leicht man völlig in den Bann dieser Aufzeichnungen gerät.

Wenn der Autor dann sein Interesse auf die Jahr 1911 bis 1919 ausweitete (da steckt dann auch ein „Hundert-Jahr-Datum“ dahinter, nachdem der Erste Weltkrieg am Buch- und Medienmarkt abgefeiert ist), dann weil am 11. Mai 1911 erstmals Stephanie Bachrach in Schnitzlers Leben trat, strahlende 24 Jahre jung. Sie starb zwar (aus eigener Hand) schon am 15. Mai 1917 (ausgerechnet Schnitzlers Geburtstag), aber mittlerweile hat der Autor sein Zeitporträt auf die Unruhen nach dem Krieg ausgedehnt. Und was Schnitzler selbst betrifft, so befasst er sich über den gegebenen Zeitrahmen hinaus noch mit dessen literarischen Frauenfiguren, zumal er in „Fräulein Else“ viele Parallelen zum Leben dieser Stephi Bachrach findet.

Wer war sie also, geboren am 22.Mai 1887 in Wien? Der Autor selbst weiß, was die Schnitzler-Forschung schon lange festgestellt hat, dass über diese jüdische Bankierstochter, die von flirrendem intellektuellem Reiz gewesen sein muss, aus erster Hand nichts zu finden ist. Sie erscheint in den Werken ihres Verehrers Jakob Wassermann (der sie auch mit Schnitzler bekannt gemacht hat), sie ist die Heldin des Romans „Julia“, den ihr letzter Liebhaber Rudolf Urbantschitsch 1925 veröffentlicht hat, und sie tritt uns ungemein lebendig aus Schnitzlers Tagebüchern entgegen. Ein Bild ist also nur von außen, aus der Wahrnehmung der sie umgebenden Männer, zu zeichnen.

Die Welt, in die sie hineingeboren wurde, war die des Reichtums: Ihr Vater Julius Bachrach (1849-1912) stammte aus armen ostjüdischen Verhältnissen und brachte es in Wien durch Bankgeschäfte zum Millionär, der in einer prächtigen Villa in der Hasenauerstraße wohnte. Millionen hätte er seinen Töchtern Stephi und Mimi als Mitgift mitgegeben, sie wären die begehrten reichen jüdischen Bräute gewesen, hätte das Schicksal nicht anderes mit ihnen vorgehabt.

Aber „reich und schön“ war keinesfalls die Prämisse, um Stephi zu charakterisieren: Sie war gebildet, sie war klug, sie war als Musikerin (Geigerin) so gut, dass Schnitzler mit ihr musizierte (und das tat er nur auf höchstem Niveau, seine Frau beispielsweise war ihm dafür nie gut genug, nach den Standards, die seine Mutter gesetzt hatte und die er an seinen Sohn weitergab…). Stephi flanierte durch die Künstlerkreise, war im Salon Zuckerkandl gern gesehen – und war sehr oft bei Schnitzler.

Nun war dessen Frauenkonsum einst notorisch gewesen, und dass er sich (seine Ehe mit Olga Gussmann stand damals schon auf wackeligen Beinen) in Stephi verliebte, geht aus seinen Aufzeichnungen deutlich hervor, aber der Altersunterschied betrug ein Vierteljahrhundert, und möglicherweise ist Stephi, die andere Liebhaber hatte, gar nicht auf die Idee gekommen, eine sexuelle Beziehung mit dem „alten“ Dichter, der ihr ein so guter Gesprächspartner und Freund war, einzugehen. Es ist eine literarisch-biographische Pointe, dass Schnitzler 1912 das Stück „Das weite Land“ herausbrachte, das auch von der Beziehung eines älteren Mannes, Friedrich Hofreiter, zu einer jungen Frau, Erna, handelt – und jeder meinte, darin ein deutliches Porträt von Stephi zu finden, obwohl Schnitzler sie noch gar nicht gekannt hatte, als er das Stück schrieb…

Stephi jedenfalls war es, die in einer missgünstigen Umwelt (der Autor schildert Schnitzlers gespanntes Verhältnis zu seinen Dichterkollegen) jenes Wohlwollen und intelligentes Interesse an seinem Werk ausstrahlte, das Schnitzler so wohl tat und auch brauchte.

Stephis Schicksal erlebt man vor allem aus den Reflexionen in Schnitzlers Tagebuch: Am 14. Oktober 1912 (da kennt er Stephi seit eineinhalb Jahren als Repräsentantin eines Reichtums, von dem Schnitzler auch als Erfolgsautor nie auch nur träumen könnte) notierte er, dass Julius Bachrach in zwei Tagen sechs Millionen verloren hätte. Nicht einmal aus eigener Schuld – ein breiter Finanzkrach, Folge zahlreicher Krisen in Afrika und am Balkan, riß ihn in den Abgrund. Stephi war nicht nur von einem Tag zum anderen „arm“, einen Monat später war sie auch Halbwaise: Julius Bachrach, der Geld zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte, entzog sich einer Zukunft, die er nicht annehmen wollte, durch Selbstmord.

Wenn Stephi in der Folge mit den Schnitzlers nach Brioni reiste (wo dann auch ein anderer Zweig der Zuckerkandl-Familie auftritt, deren Sohn Victor für Schnitzler so wichtig wurde), auch in Venedig war sie mit dabei (ohne dass man weiß, wer dies finanzierte), war es mit der bitteren Armut der drei Bachrach-Frauen (die Mutter und zwei Töchter) nicht ganz so weit, aber Tatsache ist, dass keine von Stephis schöngeistigen Fähigkeiten für eine andere Tätigkeit gereicht hätte, als Schnitzler sie später in seinem Roman „Therese“ beschrieb: Es ist das letzte Werk Schnitzlers, dem sich Autor Arne Karsten am Ende seines Buches widmet, weil er auch hier das tragische Wetterleuchten eines Stephi-Schicksals sieht: die sozial Abgestürzten, die nicht nur ihren gesellschaftlichen Rang einbüßten, sondern nach und nach auch die Reputation in einer Welt, die an ihrem Formenkanon hing. Dass Schnitzler Stephi und ihrer Familie auch in deren Armut „treu“ blieb, war offenbar nicht die Regel (und ist auch durch die besonderen Gefühle erklärbar, die er für sie hegte).

Der Ausbruch des Krieges brachte Stephi eine „ehrenwerte“, wenn auch nicht lukrative Beschäftigung, die letztlich zu ihrem Untergang führte: Sie wurde Krankenschwester, was – der Autor belegt es aus Zeitzeugnissen – ein ungeheuer schwerer Beruf war, auf den eine junge Frau von hochkultivierter Erziehung und einst ebensolchem Lebensstils kaum vorbereitet war. Dennoch – so lange sie in Wien im Rothschild-Spital arbeitete, war sie daheim (und Schnitzler hatte nur mit ansehen müssen, dass sie – noch vor dem Krieg – eine Beziehung zu dem Journalisten und Juristen Rudolf Olden hatte). Als das Lazarett nach Lemberg verlegt wurde, begann für sie die berufliche und private Hölle – privat durch die Beziehung mit dem Arzt und Psychoanalytiker Rudolf Urbantschitsch, der verheiratet und Vater mehrerer Kinder war.

Stephi hatte es 1915 nur wenige Monate in Lemberg ausgehalten, kam nach Wien zurück – und nahm sich bald danach das Leben. Was niemanden zu wundern schien angesichts der Perspektivelosigkeit einer Existenz, der in jeder Hinsicht der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. So, wie Schnitzler es später an seiner „Fräulein Else“ schildern sollte, die sogar Stephis Todes-Mittel nehmen sollte: Veronal…

Die Geschichte von Stephanie Bachrach als menschlich-biographisches Gleichnis zu nehmen für eine Epoche, für die es nur ein Schritt zwischen letztem Glanz und ultimativem Absturz war, leuchtet ein. Ebenso die Wahl Schnitzlers als Zeitzeugen in seinen Tagebüchern.

Nun hat er ja die „Politik“ ungeheuer verabscheut, wie er es (auch in seinen Werken) oft formuliert hat. Tatsächlich ließ er sich bis nahe zum Ersten Weltkrieg kaum auf „äußere Ereignisse“ ein, zeichnete im Tagebuch nur Privates auf. Das änderte sich in einem Ausmaß, das ihn besonders geeignet macht, die Geschehnisse aus einer Einzelperspektive (die eines großbürgerlichen jüdischen Künstlers) zu betrachten: beobachtendes, kritisches, reflektierendes Denken ist ihm angeboren, er geht in keine Fallen (wo Propaganda wirkt, wird er sie stets mit Abscheu durchschauen), er ist immun gegen Ideologien. Er betrachtet, sucht zu verstehen und urteilt. Auch, wo er innerlich bewegt ist, tut er es letztlich mit kühlem Blick und klarem Kopf. Ein idealer Chronist. In dessen Werk das Thema „Krieg“ eine größere Rolle spielt, als normalerweise angenommen.

Die dritte Ebene von Arne Karstens Buch ist dann die „objektiv“ historische – was man so objektiv nennt, weil es so viele Facetten hat (hinter denen natürlich auch Interessen stehen). Für den österreichischen Leser, der an die unaufhörlichen Selbstbezichtigungen heimischer Autoren und Historiker gewöhnt ist, hat der Blick von außen etwas durchaus Spannendes. (Diese Tendenz zur pathetischen österreichischen Selbstzerfleischung gab es übrigens schon zu Schnitzlers Zeiten und hat ihn weidlich geärgert.) Einmal nicht ausschließlich das Habsburger-Reich für seine Probleme verantwortlich zu machen (es bleiben noch immer genug „Schuld“-Faktoren übrig), sondern auch die Interessen anderer zu beleuchten: Wie sehr der Druck aus Italien kam, wie sehr Serbien aggressive anti-österreichische Propaganda betrieb, wie sehr das Großmachtsstreben Englands an jeglicher Schwächung der Monarchie interessiert war. Auch die Spannungen zwischen Deutschland und Österreich wurden immer stärker, wobei Karsten die Szenen mit deutschen Touristen im dritten Akt von Schnitzlers „Das weite Land“ nicht nur als Lachnummer nimmt, sondern als tief eingesessene Animositäten interpretiert.

Dass Hass- und Lügenpropaganda auf allen Seiten ein integraler Bestandteil des „Krieges“ innerhalb des Krieges der Soldaten war, wird auch nicht verschwiegen. Der Untergang der k.u.k. Monarchie ist zu sehr in das europäische Geschehen, dann durch die Teilnahme Amerikas in das Weltgeschehen verflochten, um billige Urteile pro und contra zu fällen. Da tat Arne Karsten gut daran, sich für diese Epoche einen so unbestechlichen Zeugen zu suchen wie Arthur Schnitzler.

Renate Wagner

* Dass das Buch kleine Fehler hat, will man nicht aufrechnen. Sigmund Freud wohnte absolut nicht im Cottage-Viertel, die Berggasse ist weit davon entfernt. Und es stimmt auch nicht, dass Schnitzler nie „Theoretisches“ von sich gegeben hat – durchaus zu seinen Lebzeiten erschienen noch 1927 „Das Buch der Sprüche und Bedenken“ und im gleichen Jahr „Der Geist im Wort und der Geist in der Tat“.

 

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