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ARENA di VERONA Festival del Centenario: AIDA 14.6.2013

15.06.2013 | KRITIKEN, Oper

Per Schiff am Schnürl in den Tempel, Fura dels Baus machts möglich, die Krokodile lauern rechts hinten.

Arena di Verona
Festival del Centenario 1913-2013

Giuseppe Verdi  “AIDA”
Prima rappresentazione 14.6.2013

 

Viel Krampf am Nil

Mit Re dem Sonnengott und mit der Schöpfungsgottheit des alten Ägypten, dem im zweiten Akt der Aida verehrten Gott Phtá haben sich die Herren von Fura dels Baus, die Regisseure Carlus Padrissa und Àlex Ollé schon einiges vorgenommen, ist doch ihre heurige Inszenierung in der Arena geprägt vom Vorbild des französischen Solarwärmekraftwerkes in Odeillo in Font Romeu und dessen Heliostaten, welche die Solarkräfte spiegeln und fokussieren. Ob damit auch künstlerische Kräfte fokussiert werden konnten, darüber könnta man einige berechtigte Zweifel aufkommen lassen, wenn man das dürftige musikalische Ergebnis Revue passieren läßt.

Die "göttlichen" Sonnenspiegel

Und um ein musikalisch geprägtes Ergebnis geht es halt noch immer in der guten alten Oper, zumindest war dies in Verona sehr oft ein herzeigbares solches. Zunächst raubte man diesmal den Sängern und dem Chor jenen Hintergrund, der akustisch dem erzeugten Ton auf die Sprünge hilft, um das mit zigtausenden Besuchern besetzte Arenarund zu beschallen. Die leergeräumte Bühne führt jedoch zu Halleffekten, die erst recht notwendige Verstärkung des Orchesterklanges (ein besonderes Verlangen Zeffirellis vor einigen Jahren) zu einem Verlust des weichen Streicherklanges. Den Rest gab dann der Arenalehrling Omer Meir Wellber am Pult, der trotz wildem Gefuchtels nicht verhindern konnte, dass im Triumphakt teilweise ein “Schwimmfest” unter den Chorgruppen entstand. Dass sich das in den Folgeakten besserte war dem Umstand zu danken, dass die Sänger braves Rampensingen veranstalteten, ungeachtet der beeinträchtigenden Zumutungen durch die Regie. Wenn also Aida ihre große Arie umzingelt von Plastikkrokodilen singen muß – die Statisten darunter haben die Rückenteile und den Kopf der Nilbewohner auf den Rücken geschnallt – wenn alle im künstlichen Nilteich herumwaten und vorsichtig nach Untiefen im Bühnenboden Ausschau halten oder mit den Füßen danach tasten, dann erinnert das an die humorigen Opernfilmchen eines Otto Schenk.

Es war immer etwas zu sehen, man war gehörig (siehe die Krokis, die auch herzig mit den Tempeljungfern spielten) vom Musikalischen abgelenkt hat und dazu boten die ersten beiden Akte genug: ein Ballett von einer Art Glühwürmchen, deren später eine ganze Hundertschaft davon, die, angetan mit Kapuzenmantel und Leuchtkugel das Arenarund überfiel, bewegliche Plastiktiere haufenweise, darunter Elefanten, Kamele wie aus dem LEGO-Katalog, eine Abordnung ägyptischer Krieger in ihren elektrisch betriebenen Kampfwagen, ähnlich dem Autodrom im Wiener Prater, deren Erscheinen ein heftiges Pfeifkonzert verursachte. Roland Olbeter war für die überbordende Szene verantwortlich, Chu Uroz für die Kostüme, einer “Reinterprätation antiker Formen”. Viel Licht und Feuer wurde herumgetragen von den Kriegern, auch der Brustpanzer von Radames war von innen beleuchtet. Fabio Sartori sah damit aus, als hätte einen elektrischen Büstenhalter an. Er zählte zu den Leuten, die in dem Chaos Verdi hochhielten, nicht gerade mit begeisternder Stimme, aber mit zumindest tauglichem Legato. Frontfrau war eindeutig die Aida der Hue He, die zwar schon bessere Abende hatte, aber trotzdem mit Fortschreiten der Vorstellung zu begeistern wußte. Dass während des ariosen Teils im ersten Akt (“Ritorno vincitor”) die Plastikfelsen mit erheblich störenden, weil röchelnden Geräuschen aufgeblasen wurden, waren die schon erwähnten Krokodile im Nilakt an ihrem Fleisch interessiert. Dafür wurde auch von der Entourage Amonasros eines der Viecher gefangen und – ohne dem Statisten natürlich – am Lagerfeuer gebraten. Auch Aidas Bühnenvater behagte die Szenerie sichtlich nicht sehr, trotzdem war Ambrogio Maestri wie immer ein gesanglich verlässlicher Fels in der Brandung der Nilkatarakte, diesmal jener von Fura dels Baus.

Lustiges Geplätschere im Bühnennil: Hue He und Ambrogio Maestri, dahinter die Krokis

Zurück zur Show: dieses Kraftwerk mit den Heliostaten wurde bis zum Triumphakt von den angetriebenen Sklaven errichtet, für allerlei Lichtspiele verwendet – Paolo Mazzon war der entsprechende Designer dazu – diente offensichtlich auch für den künstlichen Mond, der sehr wirkungsvoll als Riesenballon aufgezogen wurde, jedoch nicht als Kraftquelle für Amneris. Giovanna Casolla hatte zwar eine ausufernde schrille Höhe, die wahrscheinlich noch vor den Toren der der Arena zu hören war, jedoch so gut wie nichts an Mittellage und Tiefe zu bieten – außer nahezu unhörbaren Sprechgesang. Eine altistische Blamage im Verdijahr. Roberto Tagliavini gab einen soliden König, Adrian Sampetrian einen hörenswerten Ramphis, Carlo Bossi einen lautstarken Boten. Nur Elena Rossi kämpfte um die richtige Tonhöhe.

Eingangs werkten in einem Art Prolog auf der Bühne bereits eine Unmenge englicher Archeologen und deren Sklaven bei lautmalerischen Sandstürmen, finden auch prompt Teile eines Grabmonumentes, deren überdimensonale Köpfe sehr deutlich von Klimts Kuss inspiriert schienen. Flugs wurden diese Trümmer, nach eifrigster Begutachtung in Kisten Richtung Britisches Museum verpackt. Dann beginnt die Story ohne irgendeinen Bezug auf diese Vorgeschichte. Die erheiternste Szene war wohl die mit den Schattenspielen, an denen sich die Sklavinnen von Amneris ergötzten, eine Art antiken Fernsehens mit Kämpfen zwischen Tieren und einem Jäger.

Und das Ende: das Heliostatenbündel senkt sich sanft über die Sterbenden – und über den entbehrlichen Zauber. Die “historische” Aida mit der nachgebauten Szene aus dem Jahr 1913 ist erst wieder ab 10.August in Verona zu sehen.

Die Arena war in der Platea ausverkauft, in den Bereichen der Steinstufen nur nahezu. Der Applaus war freundlich aber hielt sich in Grenzen, war dieser bei Hue He und bei Maestri besonders stark, wurde das Regieteam immerhin auch noch freundlich bedacht. Kein Abend für Zuhörer.

 

Peter Skorepa

(Alle Fotos mit freudlicher Genehmigung der Fondatione Arena di Verona)

 

 

 

 

 

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