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Apropos: WENN DU GOTT ZUM LACHEN BRINGEN WILLST

19.03.2020 | Apropos, Feuilleton

WENN DU GOTT ZUM LACHEN BRINGEN WILLST

Eigentlich wollten mein Mann und ich jetzt in Flandern sein, die Van Eyck-Ausstellung ansehen und auf den Spuren von Karl V. wandeln… Statt dessen wir sitzen zuhause und rühren uns nicht weg – keinesfalls, weil ich grundlegend gehorsam bin. Aber ich sehe ein, dass es Sinn macht, sich selbst und andere nicht Gefahren auszusetzen, wenn es nicht sein muss.

Die Post kommt, und selten war ich so gerührt, eine eingeschweißte Zeitschrift zu sehen, die ich sonst ohne weitere Gedanken entgegen genommen hätte. Die Volksoper hat ihre „Zeitung“ verschickt, Nr. 61, für April und Mai, die Produktion für „Schoenberg in Hollywood“, die im Kasino herauskommen sollte, ist am Titel. Dazu die Monatsvorschau im Mai, sie zeigt Albert Pesendorfer mit Boris-Krone. Ja, die Konwitschny-Produktion! Ob wir die wohl sehen werden, oder ob unsere schon gekauften Generalprobenkarten Makulatur sind? Wie dem auch sei – es rührt mich, dass die Volksoper ein Zeichen setzt, dass man an eine aktive Zukunft glaubt… oder war das alles schon in Druck, bevor unsere Welt zusammen gebrochen ist?

Denn, wie man gehört hat, zweifeln manche Theaterdirektoren sehr daran, dass sie ihre Häuser im April wieder öffnen können. Logisch, denn es können im Moment ja auch keine Proben stattfinden. Das Volkstheater hat die Produktion „Körper-Krieg“ von Armin Petras, die Ende März stattfinden sollte, gänzlich abgesagt – und Anna Badora hat auch keine Chance, hier auf die nächste Saison zu verschieben, denn da muss sich schon jemand anderer mit dem Haus auseinander setzen. Dennoch heißt es am Ende der Presseaussendung, und das finde ich sehr schön: „Grundsätzlich rechnet das Haus damit, den Betrieb noch in der laufenden Saison wieder aufnehmen zu können.“

Ronald Geyer rechnet damit nicht. Christoph Waltz verdankt es wohl seinem Weltruhm, dass man – in Zeiten, wo das eigentlich nicht mehr stattfinden sollte – seinen „Fidelio“ für das Fernsehen produziert hat (Musiker halten wohl kaum einen Abstand von einem Meter im Orchester). Im übrigen hat das Theater an der Wien seine beiden noch ausstehenden Produktionen im Theater an der Wien, „Der feurige Engel“ (Andrea Breth sollte inszenieren) und „Norma“ (Salzburgs Salome, Asmik Grigorian, sollte sich damit in Wien präsentieren) zur Gänze abgesagt.

„Wenn nun weitere Produktionen abgesagt werden, stehen viele freischaffende Künstler vor dem Ruin“, hat sich Andrea Breth in „News“ unmittelbar zu Wort gemeldet – und das offensichtliche Desinteresse der Politik beklagt (beschuldigen ist ja leicht). „Die festangestellten Künstler werden alle weiterbezahlt, die Direktoren und deren Mitarbeiter selbstredend auch“, merkt sie an. Immerhin – im bösen Österreich. Aus den USA erreicht uns die Meldung: „Peter Gelb has notified musicians of the Met ochestra and chorus that their employment is suspended from March 12.“ Alle entlassen… In Österreich will Ulrike Lunacek den Unterstützungsfonds des Künstler-Sozialversicherungsfonds heuer mit bis zu fünf Millionen Euro zusätzlich dotieren.

Die a priori-Absagen des Theaters an der Wien erscheinen wie ein Akt von rabenschwarzem Pessimismus – oder wird Geyer am Ende als der Klügere, Voraussichtigere dastehen, wenn alle anderen Theater ihre Arbeit und Mühe wegwerfen können, falls – wie auch Leute, die ich kenne, meinen – in dieser Spielzeit überhaupt kein Vorhang mehr hoch gehen wird? Dann hat man sich im Theater an der Wien unendlich viel Arbeit erspart, und das berüchtigte „Ende mit Schrecken“ dem „Schrecken ohne Ende“ vorgezogen. Wenn schon Gesundheitsminister Rudolf Anschober andeutet, dass es „keine Wochen, sondern Monate sein werden“, die man mit den Einschränkungen rechnen muss… was bedeutet das für das Kulturleben? Für die aktiv Tätigen?

Das Publikum hat es ein bisschen leichter. Opernfreunde werden, wenn sie sich denn halbwegs mit den Streaming-Angeboten der Opernhäuser auskennen (ich bin glücklich über Berlin, es ist in meinen Augen die einzige benutzerfreundliche Möglichkeit: Den Stream hinstellen und man drückt drauf, ohne Anmeldung, ohne Umwege, ohne Schwierigkeiten), ganz gut bedient. Theater versuchen es auch, auch kleinere Ensembles, die möglicherweise damit sogar neues Publikum erreichen:

Wenn Sie unter Kulturentzug leiden, dann haben wir etwas für SIE! aktionstheater ensemble zum Streamen. 2 Wochen lang in Fernsehqualität unter www.aktionstheater.at

Aber wer will schon auf die Dauer Konserven essen, wenn er ins Restaurant gehen kann? Aber – nicht jammern. Es gibt ein Leben nach Corona. Es muss, muss, muss – so, wie Brecht um den „guten Menschen“ bettelt… muss, muss, muss. Aber wir wissen es nicht. Nachher werden wir gescheiter sein, und manche werden „es“ natürlich gewusst haben. Aber wer wagt heute zu sagen, wie es weiter gehen wird?

Übrigens: Natürlich hat man gerne recht, aber in diesem Fall – mein Gott, wie gerne hätte ich unrecht gehabt! Als ich das wunderbare Lammerhuber-Buch „Gesamtkunstwerk“ besprochen habe, das auf die Staatsopern-Direktion von Dominique Meyer zurückblickt – und die laufende Saison schildert, als hätten „Cosi“ und „Maskenball“ ihre erfolgreichen Premieren schon gehabt, da kam es mir ein bisschen vor wie das Fell des Bären verkaufen, bevor man ihn erlegt hat.

Ich weiß nicht, von wem das Sprichwort stammt, aber es stimmt: „Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, dann mach Pläne…“

Renate Wagner

 

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