
Nochmals Bayreuth,
einst und jetzt
Ein Mail Wechsel
Von meinem Freund Harald aus Tirol,
früher in der Theaterbranche tätig.
Liebe Renate,
Deine Gedanken sind auch meine. Ich kann sie nur nicht so formulieren.
Was mich nervt, ist das ständig geforderte Schuldeingeständnis von Bayreuth wegen des Dritten Reichs. Man weiß es doch!
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Lieber Harald,
Als Theaterwissenschaftlerin bin ich ja auch Historikerin, und für mich war es immer entscheidend, alle Ereignisse aus ihrer Zeit heraus zu begreifen.
No na –
nur die heutigen Wokisten meinen,
ihr gegenwärtiges Weltbild der Vergangenheit aufpfropfen zu müssen.
Wobei es ja, wie ich angedeutet habe,
zu den kuriosesten Drehungen und Wendungen kommt. Früher waren die „Rechten“ die Antisemiten.
Heute sind die Linken, die begeistert die Palästinenserflagge schwingen, zu den heftigsten Antisemiten geworden – genau das, was sie dem Dritten Reich vorwerfen.
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Es gibt Machtstrukturen, denen kann mich sich nicht entziehen.
Nehmen wir an, Winifred Wagner hätte Hitler und seine Politik verabscheut.
Und dann kommt er nach Bayreuth –
soll sie sich hinstellen und sagen:
„Nein, Herr Reichskanzler, ich mag Ihre Politik nicht, Sie sind hier nicht willkommen“?
Die Frau wäre samt ihrer Familie in einer Minute erledigt und deportiert gewesen, ein anderer hätte Bayreuth übernommen, oder noch schlimmer –
man hätte das Ganze einfach mit der Bemerkung ruiniert: Der Führer fährt nicht mehr nach Bayreuth.
Wer hätte dann noch gewagt, da hin zu kommen?
Aus für den Grünen Hügel!
Was hätte Winifred also tun sollen?
Abgesehen davon, dass sie natürlich nur tat, was sie ohnedies wollte. Ich nehme an, sie (und Leni Riefenstehl) waren von Hitler ehrlich begeistert, das Dritte Reich trug die beiden schließlich auf Händen. Sie sind nicht die einzigen, die käuflich waren.
Und wer wusste damals schon von all den Verbrechen?
Und selbst dann hält man aus Selbsterhaltungstrieb den Mund. Damals wie heute.
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Sag nicht, das gibt es heute nicht mehr.
Setz den Fall, da ist ein großes Museum.
Putin (oder Trump oder Erdogan) kündigen ihren Besuch an.
Die Direktorin ist eine Gegnerin,
verweigert den Eintritt.
Die ist doch auch in unserer Welt in einer Sekunde weg, gekündigt, kriegt nie wieder einen Job, kann froh sein, wenn sie nicht im Gefängnis landet.
Und auch in unseren wunderbaren liberalen Demokratien möchte ich nicht wissen, was mit solchen widerständigen Leuten passiert. CancelCulture, wobei ich mich immer frage, was Canceln mit Kultur zu tun hat.
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Aber daran, dass diese Geschichte nicht aufhört, sind natürlich die Medien schuld.
Ich weiß nicht, wie viele Bayreuth-Titelstories ich schon gelesen habe, im „Spiegel“, im „Stern“, in anderen Magazinen.
Immer dasselbe, gebetsmühlenhaft, wie böse, charakterlos die Wagners waren.
Das ist ein Reiz-Thema, also wird es nicht nur bedient, sondern noch künstlich angeheizt. Hitler sells.
Lieber Harald, ich war mein Leben lang Journalistin, das ist ein Scheißberuf, lass Dir von niemandem was anderes erzählen.
Deine Renate
Renate Wagner

