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APROPOS: Neutral?

Neutral?

26.10.2026 | Apropos, Feuilleton

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Neutral?

Staatsfeiertag. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für viele nur ein arbeits- und schulfreier Tag ist, vielleicht auch noch zum freien Eintritt bei verschiedenen Institutionen genützt – aber sonst? Man muss schon so alt sein wie ich, um eine lebendige Erinnerung daran zu haben, was damals, 1955, geschehen ist.

Ich war acht Jahre alt, da fuhr ich an diesem 15. Mai mit meinen Eltern zu ihren Freunden, den Hoppels. Er war ein angesehener Anwalt, sie hatten eine phantastisch schöne Wohnung im ersten Stock in der Prinz Eugen Straße mit vielen Fenstern. An einem durften die Kinder – die Hoppel-Söhne und ich – stehen, dahinter die wirklich aufgeregten Erwachsenen. Und ich erinnere mich tatsächlich an ein schier endloses Konvolut von Luxusautos, die da in Richtung Stadt fuhren.

Bei der Unterzeichnung des Staatsvertrags war ich natürlich nicht dabei, leider auch nicht, als Leopold Figl ihn den jubelnden Wienern vom Balkon des Belvederes zeigte, aber wenn ich all dies gelegentlich wieder in einer alten Filmaufnahme sehe, rührt es mich fast zu Tränen. Denn ich weiß, was das bedeutet hat, ich weiß, dass ich diesen Augenblicken mein gutes Leben verdanke. Selbst bestimmt, mit freier Berufswahl und der Möglichkeit, durch die ganze Welt zu reisen.

Ich persönlich werde Leopold Figl, Julius Raab und Bruno Kreisky nie vergessen, was sie damals in Moskau für uns geleistet haben. Sie haben uns davor bewahrt, ein Leben wie in der DDR führen zu müssen – und  ich bin dort oft gereist,  während und nach der Mauer, es war schandbar in DDR Zeiten, und es war tragisch danach zu sehen, wie viele bleibende Schäden in Herzen und Hirnen angerichtet wurden. Wir waren die Glücklichen, kurze Zeit vielleicht (trotz Kalten Krieges und Welttragödien) die „Insel der Seligen“.

Das Foto, wo Leopold Figl am Balkon den Staatsvertrag herzeigt, hängt in meinem Arbeitszimmer, neben meiner Lieblingskarikatur aller Zeiten: Da sitzt Raab an der Zither und singt aus vollen Herzen, rund um ihn genervte Russen. Und Figl beugt sich zu Raab und sagt: „Und jetzt, Raab, noch die Reblaus, dann san’s waach.“ Ja, vielleicht haben unsere trinkfesten Österreicher auch so die Russen bei ihrem Wodka weich gekocht…

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Am 26, Oktober (wahrscheinlich ist das Datum willkürlich gewählt, aber wurscht) waren alle Besatzer abgezogen und wir durften mit unserer „immerwährenden Neutralität“ ein eigenes Leben beginnen. Und diese Neutralität war mir persönlich immer sehr wichtig. Dass die Nato-Beate uns in ein Vereinigtes Europa zwingen will, wo wir nur eine kleine, unbedeutende Provinz sind, die nichts mehr für sich selbst bestimmen darf, macht mich geradezu wütend. Warum will, warum darf man nicht mehr „neutral“ sein? Beide Seiten sehen? Alle Argumente abwägen? Seit ich ein Kind bin, habe ich gelernt, dialektisch zu denken. Ich kann mir das nicht für geifernde Parteinahme abgewöhnen.

In der „Sonntagsrunde“ des Kontrafunkts (für mich ein wichtiger Termin, weil ich sicher sein kann, dass hier vier intelligente Leute diskutieren), ging es neulich genau darum. Da warf Oliver Gorus die Frage auf, warum man sich von den Linken in ihre Weltanschauung „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ hinein hetzten lässt.

Das bedeutet gewissermaßen die Verpflichtung zu einem Offenbarungseid: Entweder Du bist ein Gesinnungsgenosse – oder Du bist ein Feind, der aufs heftigste beschimpft, bekämpft und nach Möglichkeit ruiniert werden muss. (Ich hatte ZARA mehrfach  im Nacken.) Dass man einen abwägenden Standpunkt der Mitte einnimmt und schlicht vernünftige, nicht triefend ideologische Fragen stellt, darf offenbar nicht sein.

Neulich erhielt ich ein unendlich beschimpfendes Mail von einem Darsteller des „Romeo und Julia“-Teams der Josefstadt, eine Aufführung, die ich aus vollem Herzen verrissen habe. Man bezichtigte mich hasserfüllt des Hasses, maßregelte mich, was für ein böser Mensch ich sei – und übrigens, erklärte der Schauspieler, er sei schwul.

Ich antwortete: „Sie sind schwul, na und? Was geht das mich an? Und wenn Sie trans sind oder sich zu einem der 72 Geschlechter bekennen, gilt dasselbe: Das ist ihre Sache, nicht meine.“

Jeder soll machen, was er will, so lange es sich um „consenting adults“ handelt und niemand (vor allem Kinder und Jugendliche) zu Schaden kommt. Da sind sie so stolz darauf, was sie sind (als ob es eine Leistung wäre, schwul zu sein – ist hetero eine Leistung?), aber wenn man es anspricht, wenn man wagt, es nieder zu schreiben, geht das große Geshrei los. Warum? Ja, weil man solcherart die Medien beherrscht – und den „Feind“ verfolgen kann.

Mir ist das alles zu dumm. Sie sollen mich nennen, wie sie wollen, es kratzt mich nicht. Ihre Sache, nicht meine, Ich bin, ob man es mir glaubt oder nicht, neutral. Ich werde nie vorschnell urteilen, werde mir immer überlegen, was ich sage und schreibe. Aber wenn ich dann doch einen Standpunkt einnehme (und er wird sich nie außerhalb der Gesetze bewegen), dann verlange ich in „unserer Demokratie“, wie der undemokratische, Israel einseitig  beschimpfende Bundespräsent sagt, das Recht, diesen Standpunkt auch zu vertreten.

Die Menschen pendeln zwischen ganz Links und ganz Rechts, sollen sie (solange sie nicht Rathäuser abfackeln und ihre Mitmenschen plündern). Ich bestehe auf meinem Neutralitätsrecht. Für mich und für Österreich.

Renate Wagner

 

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