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APROPOS: Audiatur et altera pars

25.10.2018 | Apropos, Feuilleton

Audiatur et altera pars

Niemand möge mir bitte sagen, ich hätte etwas für Gustav Kuhn übrig, ich kenne ihn nicht, bin ihm nie begegnet, und Peinlichkeiten setzen in mir so ekelhafte Fremdschämen-Prozesse in Gang, dass ich mir nicht einmal das Interview ansehe, das er in der ZiB 2 gegeben hat. Ich war einmal vor langer Zeit (2003!) für einen „Ring“ in Erl, den ich – da gab es noch kein großes Festspielhaus – ein bisschen provisorisch, aber doch auch annehmbar fand, außerdem liebe ich Tirol, aber egal, darum geht es nicht.

Niemand soll meine Worte als Verteidigung eines Mannes missverstehen, der letztendlich voll „auf die Schnauze“ gefallen ist. An seinem Fall lässt sich nur so vieles über unsere Zeit aufzeigen. Zum Beispiel, dass Dir die beste Vernetzung in Politik und Wirtschaft nichts nützt – wenn Du wirklich glaubst, dass Du Dich auf Deine Buddies verlassen kannst: Wenn es ihnen selbst an die nackte Haut ginge, lassen sich Dich fallen. Und holen ganz schnell den nächsten Intendanten, damit es auch sicher kein Zurück gibt…

Interessant weiterhin, dass die meisten Beschuldigten eigentlich geschwiegen haben (klassische Fälle: Levine, Spacey). Dass aber die, die sich mit Zähnen und Klauen verteidigen, eigentlich nur unsympathisch wirken, ob es Kuhn ist, ob ein Politiker der Trump-Welt. Dabei geht es den Männern ja um ihre „Ehre“, ein einstmals kostbares Gut, vielleicht noch immer gültig für Menschen dieser Generation.

Wenn Kuhn sich nun (offenbar so ungeschickt, wie man es nur machen kann) „verteidigt“, heißt es natürlich, er wasche schmutzige Wäsche – wenn er die Opfer beleidigt, den Damen unterstellt, sie seien einfach nur rachsüchtig, weil sie Rollen nicht erhalten hätten, wenn er (noch schlimmer) erklärt, sein Ex-Chefbühnenbildner Jan Hax Halama (der gemeinsam mit Musikern und ehemaligen Angestellten der Festspiele einen offenen Brief über „übergriffiges Verhalten“ unterschrieben hat) , habe ihn erpressen wollen – „Er hat mir gesagt, wenn ich ihm 24.000 Euro zahle, dann sagt er nichts.“ Niemand glaubt Kuhn. Jeder hält ihn für einen Lügner. Er hat überhaupt keine Chance. Er ist erledigt.

Aber… hat er nicht wenigstens wie jeder Mensch ein Recht, sich zu verteidigen? Wenn er immer der Stärkere war und nun der Schwächere ist – muss man da triumphieren? (Hurra, der Hexenmeister ist tot, und wir haben ihn gekillt!) Ich konnte es nie ertragen (der Gerechtigkeitssinn der Schützen?), wenn auf jemanden, der am Boden liegt, noch draufgetreten wird…

Im Rathaus von Münster, in jenem Saal, wo einst 1648 der Westfälische Friede ausgehandelt wurde, steht auf einem Balken die lateinische Weisheit: „Audiatur et altera pars“ – auch die andere Seite soll gehört werden, ob es uns passt oder nicht. All die vor einer geifernden Öffentlichkeit verhandelten Fälle mit ihren Schuldzuweisungen und Vorverurteilen lassen ohnedies das ganz, ganz ungute Gefühl aufkommen, dass es mit unserem Demokratieverständnis nicht sehr weit her ist…

Und dass wir mit den sozialen Medien und hochgeputschten Institutionen (wie „#metoo“) Dinge geschaffen haben, die zu Vernichtungsmaschinen geworden sind, sollte uns langsam klar sein. „Gegen Haß im Netz!“ wird jetzt posaunt (und Sigi Maurer hat viel Geld dafür bekommen, obwohl sie selbst auch ausgeteilt hat) . Kennt denn niemand den „Zauberlehrling“ von Goethe? „Die ich rief, die Geister, Werd ich nun nicht los.“

Wir haben sie wahrlich gerufen. Wer weiß, ob wir sie wieder einfangen und einsperren können. Oder ist das Spiel von Rache und der Möglichkeit zur Vernichtung zu schön?

Renate Wagner

 

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