Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Anton Pelinka: DER POLITISICHE AUFSTIEG DER FRAUEN

15.11.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Anton Pelinka
DER POLITISICHE AUFSTIEG DER FRAUEN
Am Beispiel von Eleanor Roosevelt, Indira Gandhi und Margaret Thatcher
248 Seiten, Verlag Böhlau, 2020

Frauen in der Politik – da denken wir heutzutage wohl zuerst an Angela Merkel. Ein Universitätsprofessor für Politikwissenschaft wie Anton Pelinka denkt historisch und blendet zurück. Darum sind seine Porträts von Eleanor Roosevelt, Indira Gandhi und Margaret Thatcher auch keine flotte Illustrierten-Lektüre (was leicht möglich wäre), sondern eine anspruchsvolle Analyse, nicht nur der einzelnen Schicksale, sondern auch des Vergleichs von Lebensvoraussetzungen und –situationen.

Darüber hinaus geht es darum, wie gerade das 20. Jahrhundert die Stellung der Frau so sehr verändert hat, dass das Aufsteigen in die höchsten politischen Ämter möglich wurde, kurz gesagt: die Feminisierung der Politik. Lässt man die Antike mit Hatschepsut und wohl auch Kleopatra beiseite, die Ägypten souverän regiert haben, kennt Europa nur drei Beispiele von Frauen, die – ererbt oder verheiratet – zu selbständigen Herrscherinnen aufstiegen: Elizabeth I. von England, Maria Theresia und Katharina von Russland. Jede für sich ein Sonderfall ohne unmittelbare Folgen für ihre Geschlechtsgenossinnen. Im 20. Jahrhundert hingegen hat sich das allgemeine und vor allem weibliche Bewusstsein verändert, die Befreiung der Frau – Sexualität, legalisierte Abtreibung, Bildung, hochgradiger Eintritt in den Arbeitsmarkt. Kein Wunder, dass solche Verselbständigung auch auf die Politik übergriff.

Anton Pelinka hat drei Frauen gewählt, die, je genauer man hinsieht, kaum etwas mit einander gemeinsam haben. Und wo er dann doch in vieler Hinsicht Beziehungsfäden knüpfen kann. Die erste ist Eleanor Roosevelt (1884 -1962), amerikanische Präsidentengattin, deren Kapitel er „Indirekte Politik“ nennt. Die zweite ist Indira Gandhi (1917-1984), „Hineingeboren ins Zentrum des politischen Geschehens“. Und schließlich Margaret Thatcher (1925-2013), „Jenseits von Herkunft und Familie“. Die Amerikanerin, die Inderin, die Britin. Alle drei Persönlichkeiten des 20, Jahrhunderts von großem Einfluß – und mit extrem polarisierender Wirkung auf die Mitwelt.

Eleanor Roosevelt. die „Gattin“, die offizielle Funktionen innehatte, aber gleichsam „linke“ Positionen an der Seite eines gemäßigten demokratischen amerikanischen Präsidenten vertrat. Indira Gandhi, die „Tochter“ eines mächtigen Mannes, die von keinem Gatten abhängig war, um selbst die schwierigen Geschicke Indiens zu bestimmen. Im Vergleich dazu war Margaret Thatcher ein Nobody ohne gesellschaftlichen Hintergrund, und auch sie schaffte es an die absolute Spitze – in diesem Fall ausschließlich aus alleiniger Kraft.

Zwei der Damen waren in ihrer Welt „Royality“: Die Roosevelts waren aus den Niederlanden eingewandert, altes Geld, die Nobilität New Yorks, Eleanor war die Nichte von Präsident Theodore Roosevelt, dann die Gattin des 32. US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt (der ein entfernter Cousin von ihr war). Sie hätte es damit bewenden lassen können, eine nutzlose Society-Lady zu sein – aber sie nahm aktiv und mit sozialem Bewusstsein an dem Schicksal ihres Landes teil und wurde zu einer Galionsfigur der linksliberalen Progressiven.

Möglicherweise war die Abstammung von Indira Gandhi im Rahmen ihres gesellschaftlichen Umfeldes noch „edler“ – aus einer Brahmanenfamilie Kaschmirs stammend, war ihr Vater Jawaharlal Nehru der erste Premierminister des unabhängigen Indien gewesen. Schon ihr Großvater hatte eine führende Rolle bei der Befreiung Indiens von der britischen Kolonialmacht gespielt. Man kann bei Indira davon sprechen, dass sie eine für ihre Stellung bestimmte Kronprinzessin war (so, wie sie auch versucht hat, die politische Macht an ihre Söhne abzugeben).
Margaret Thatcher hingegen stammte aus einem kleinen Ort in Lincolnshire, und ihr Vater betrieb einen kleinen Laden. Sie ist die „Self Made Woman“ in diesem Trio, und es bedurfte eines Teils ihrer Kraft, sich gegen eine snobistische, zum Großteil aristokratisch verwurzelte Männerwelt durchzusetzen – ohne Adel und noch dazu eine Frau. Sie verkörpert, wie Pelinka es ausdrückt, „das Prinzip der Mediokratie“.

Es sind noch (unvereinbare) Gegensätze aus dem Vergleich zu gewinnen – etwa, dass Eleanor Roosevelt und Indira Gandhi sich mit einer „rechten“ Gegnerschaft auseinander setzen mussten, während die „Eiserne Lady“ die Linken gegen sich hatte. Die beiden progressiven Damen (Indira Gandhi wollte das Kastensystem lockern und das Leben von Minderheiten erleichtern) stehen in dieser Untersuchung der antiprogressiven Heldin gegenüber, die männerlicher agierte als die Männer (wenn „männlich“ mit rücksichtslos gleichgesetzt werden kann). Interessant ist dabei, dass Indira Gandhi und Margaret Thatcher, die polisisch so weit auseinander drifteten, sich persönlich äußerst symapthiscih waren. Das lief dann wohl auf der Ebene „Starke Frauen unter sich“.

Interessant auch, dass in einem Zeitalter, wo viele Frauen sich ganz dem „Beruf“ widmeten, alle drei auch Mütter waren, wobei die in der Mit- und Nachwelt „böse“ konnotierte Margaret Thatcher als einzige ein gänzlich „bürgerliches“ Privatleben führte (und die britische Presse ihren Gatten Dennis der Lächerlichkeit preis gab). Jedenfalls machten diese Frauen Karriere – aber nicht anstelle der Familie, sondern daneben.

Diese drei Biographien, teils verschränkt, dann auch als Einzelschicksale aufgerollt, sind absolut gewinnbringend zu lesen. Als „revolutionäre“ Gegenentwürfe zu den drei durchgehend erfolgreichen Frauen (ungeachtet dessen, dass Indira Gandhi ermordet wurde und dass Margaret Thatcher gehasst und von ihrer eigenen Partei zum Rücktritt gezwungen wurde) bietet der Autor am Ende noch zwei Beispiele: Rosa Luxemburg und Hannah Arendt. Das Thema hätte vermutlich noch ungezählte Nuancen und Aspekte.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken