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Anna Schaefer: SINGEN UNTERM HAKENKREUZ

Singen für die falsche Sache

14.03.2025 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

buch singen unterm hekenkreuz 978 3 412 53164 5 600x600@2x~1

Anna Schaefer
SINGEN UNTERM HAKENKREUZ
Der Deutsche Sängerbund in Mitteldeutschland zur Zeit des Nationalsozialismus
Reihe KlangZeiten 21
728 Seiten, Verlag Böhlau, 2024

Singen für die falsche Sache

Drum singe, wem Gesang gegeben. Und wer es kann und gerne tut, findet sich wohl auch in organisierten Vereinen. Als der Deutsche Sängerbund 1862 in Coburg gegründet wurde, war er bald der weltgrößte Laienchorverband und spielte eine große Rolle. Deutscher Gesang war – wie vieles andere auch  und doch ganz vorne bei den politischen Begehrlichkeiten – geeignet wie weniges, von den Nationalsozialisten vereinnahmt zu werden.

Man weiß, wie gnadenlos, aber auch gekonnt und effektiv die NS-Propaganda arbeitete. Man wusste natürlich, dass sich die Macht der Musik auf der emotionalen Ebene selbstverständlich zur Aktivierung des Volkes verwerten ließ. Und so wurde deutscher Chorgesang zielgerecht vereinnahmt.

Es gab keine Möglichkeit, sich gegen die Gleichschaltung und das auferlegte neue Repertoire zu wehren, sobald man nolens volens in die Reichsmusikkammer eingegliedert worden war.  Die Chorleiter wurden „umgeschult“, neue Parolen („Gemeinnutz geht vor Eigennutz“) ausgegeben, und die Sänger schließlich an der Front und in Lazaretten eingesetzt, um die Katastrophe „wegzusingen“.

Die Autorin erweist am neuen Repertoire der Chöre die Ideologisierung und Instrumentalisierung des Männerchorwesens, die Liederbücher sind bis heute Zeugnisse einer gezielten Propaganda.

Hinter diesem voluminösen Buch steckt jahrelange Arbeit, wie die Autorin selbst erklärt: „Die hier vorliegende Studie ist zwischen Oktober 2015 und März 2022 in der Abteilung Musikwissenschaft des Institutes für Musik, Medien und Sprechwissenschaften an der Martin Luther Universität Halle Wittenberg als Dissertation entstanden.“

Obwohl sie betont, wie viel faktisches Material verloren gegangen ist (vermutlich wollte man sich nach dem Krieg nicht mehr daran erinnern und hat sich folglich der „Hardware“-Erinnerungsstücke vielfach entledigt), kann die Autorin dennoch bis gewissermaßen zur letzten Seite zumindest eindrucksvolle Tabellen über anbefohlene Repertoirezusammenstellungen liefern.

Kein Buch, das der Laie unbedingt in allen Details  „lesen“  wird, aber unabdingbar zur wissenschaftlichen Aufarbeitung dessen, wie Propaganda in totalitären Staaten das Leben bis ins letzte Detail durchdringt.

Renate Wagner

 

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