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Anna Maria Sigmund: TATORT GENFER SEE

30.10.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Anna Maria Sigmund
TATORT GENFER SEE
Kaiserin Elisabeth im Fadenkreuz der Anarchisten
192 Seiten, Molden Verlag bei Styria, 2020

Es ist über hundert Jahre her, dass sich die Familie Habsburg aus Österreichs Geschichte verabschiedet hat. Das Interesse an ihren Mitgliedern ist allerdings ungebrochen. Die Schicksale ihrer (zahlreichen) Prominenten wurden längst von allen Seiten gedreht und gewendet. Dennoch gibt es immer wieder neue Aspekte, die von Autoren gefunden und behandelt werden. Die Historikerin und Wissenschaftsjournalistin Anna Maria Sigmund befasst sich – wieder einmal – mit Kaiserin Elisabeth und wartet angesichts ihres Todes mit einer neuen Theorie auf.

Er wollte berühmt werden, und er hat es erreicht: Luigi Lucheni hat Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 in Genf mit Hilfe einer zugespitzten Feile ermordet. Er hat sich als „stolzer Anarchist“ bezeichnet und immer darauf bestanden, ein Einzeltäter zu sein und die Kaiserin zufällig gewählt zu haben, weil ein anderes adeliges Opfer, auf das er es abgesehen hatte, der Herzog Henri d’Orleans, nicht in Genf eingetroffen war.

Schon die Mitwelt, auch die Nachwelt hat Lucheni seine „Einzeltäter“-Behauptung abgenommen. Die Autorin hat nun nicht nur um den Mord herum recherchiert und die beiden Protagonisten, Elisabeth und Lucheni, genau ins Visier genommen, sondern geht von einer Anarchisten-Verschwörung aus. „Tatort Genfer See“ breitet die Theorie von „Kaiserin Elisabeth im Fadenkreuz der Anarchisten“ aus.

Nun ist das nicht unglaubwürdig. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine politisch brisante Zeit, der Anarchismus protestierte gegen soziale Missverhältnisse und wandte sich gegen die Herrscher. Auch auf Elisabeths Gatten Franz Joseph war schon 1853 ein (missglückter) Anschlag verübt worden, der allerdings keinen anarchistischen, sondern einen nationalen Hintergrund hatte. Der Angriff auf Zar Nikolaus II. war 1881 erfolgreich, der Zar starb unter einer explodierenden Granate, und die Mächtigen fühlten sich von einer Bewegung zu Recht bedroht, die es auf blutige Menschenopfer abgesehen hatte und jeden „Königsmord“ als Triumph betrachtete.

1882 hatte man es wieder auf Franz Joseph abgesehen, als Guglielmo Oberdan in Triest ein Bombenattentat auf ihn plante, dem der Kaiser nur knapp entging. Im Februar 1898 gab es einen missglückten Attentatsversuch auf König Georg I. von Griechenland. Die Bedrohung war allgegenwärtig. Die Attentäter galten in manchen Kreisen als Helden, ihre Taten errangen Kultstatus. Österreichs Polizei machte sich große Sorgen um die Kaiserin, die scheinbar als adelige Privatperson durch die Welt reiste und jegliche Bewachung ablehnte. Wobei man bezweifeln kann, dass man den Stich des Mannes, der ihr auf der Straße scheinbar harmlos entgegen kam, hätte verhindern können…

Hier wird nicht nur das Luxusleben der Kaiserin geschildert, das dem heutigen Betrachter etwas sinnentleert vorkommt. Ihre Reisen von einem Kurort zum nächsten, ihre letzten Tage in der Schweiz, die für sie durchaus harmonisch verliefen. Hier geht es auch um die Biographie Luchenis, der alles andere als vom Glück begünstigt war. Von einer italienischen Mutter unehelich in Paris geboren und weggelegt, schickte man ihn vom Waisenhaus ins elterliche Italien, wo er bei verschiedenen Pflegeeltern unter elenden Bedingungen aufwuchs. Er wurde Gelegenheitsarbeiter, der sich allerorten durchschlug, absolvierte den Militärdienst und kam in die Schweiz, die er schon von früher kannte und die damals ein regelrechtes „Anarchisten-Nest“ war. Männer wie der französische Intellektuelle Pierre-Joseph Proudhon und der russische Adelige Michail Bakunin hatten längst die Theorie des Anarchismus formuliert, die von Stiefkinder des Lebens wie Lucheni verschlungen wurden. Sie predigten die Tat anstelle der Theorie…

Die Autorin entwickelt nun die These, dass Lucheni, der sich in der Schweiz in Anarchisten-Kreisen bewegte, wenn er unter ihnen auch nur als kleines Licht galt, von der Gruppe ganz bewusst auf Kaiserin Elisabeth angesetzt wurde. Die Pension, in der er wohnte, galt alss regelrechtes anarchistisches „Schlangennest“. Luchenis spätere Aussage, er habe es auf den Orleans-Herzog abgesehen gehabt, ist deshalb unglaubwürdig, weil dieser gar nicht in Genf angekündigt war. Über die Anwesenheit der österreichischen Kaiserin wusste hingegen, ungeachtet ihres Pseudonyms, jeder Bescheid.

Der Mann, der die These der Autorin am nachdrücklichsten stützt, ist der damalige Untersuchungsrichter Charles Léchet. Er verwendete unendliche Zeit auf Verhöre und war überzeugt, dass Lucheni ein Auftragsmörder war, der nur aus Eitelkeit den „Ruhm“ seiner Tat – die von Anarchisten-Kollegen als der „Feilenstoß“ gerühmt wurde – mit niemandem teilen wollte. Obwohl Léchet Lucheni einmal dazu brachte, dass er „Helfer“ eingestand, wollte niemand das hören. Offenbar waren sowohl die Schweizer wie die österreichischen Behörden mit einem überführten Täter zufrieden.

Lucheni blieb bis zu seinem Freitod 1910 in einem Genfer Gefängnis und befasste sich manisch mit der Person der Kaiserin, die er ermordet („erlöst“, wie er meinte) hatte und mit der er tiefe innere Verwandtschaft zu finden meinte.

Die Anarchisten hingegen benützten das Staatsbegräbnis für die Kaiserin, zu dem die Herrscherelite Europas anreiste, um Attentate zu planen. Die österreichische Polizei, wohl darauf vorbereitet, konnte Anschläge auf Prinz Viktor Emanuel, den späteren italienischen König, und auf Kaiser Wilhelm II. vereiteln.

Österreich bekam nach Luchenis Tod dessen Kopf zugesendet und bewahrte ihn im Pathologisch-anatomischen Institut im Narrentum auf, bis man ihn im Jahre 2000 in einem Anatomiegrab beisetzte. Zum Kult zu Kaiserin Elisabeth hat ihr tragischer Tod entschieden beigetragen.

Und es wäre ungerecht, zu diesem Buch nicht zu bemerken, wie vorzüglich es gestaltet ist, wie reich und klug das Bildmaterial quasi einen mitlaufenden Kommentar zum Text darstellt. Anmerkungen und Personenregister fehlen allerdings.

Renate Wagner

 

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