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Anita HARTIG: „Die Mimi ist meine bisher wichtigste Rolle“!

31.03.2012 | INTERVIEWS, Sänger

Interview mit Anita Hartig (Redakteur Kurt Vlach – März 2012)


Anita Hartig

 Anita Hartig wurde 1983 in Bistritz, im siebenbürgischen Teil Rumäniens, geboren. Sie brachte den Großteil ihrer Jugend auf einem Bauernhof zu, daher ihre große Liebe zu Tieren. Sie kam schon als Kind mit Musik aller Arten in Berührung, da ihre Eltern musikalisch sind und ihr Bruder, ein evangelischer Pastor, beherrscht viele Instrumente. Die Mutter spricht rumänisch, ihr Vater stammt aus Siebenbürgen und ist von Beruf Jäger. Eine kleine Anekdote gibt sie gleich zum Besten – der Vater musste auch des öfteren den früheren Diktator Nicolae Ceausescu zur Jagd begleiten. Die Aufgabe der Jäger war es, soviel Wild wie möglich zu erlegen, danach posierte der Diktator mit „seinen“ Trophäen für Photos. Natürlich nahm Ceausescu die Trophäen dann auch für seinen Palast mit. Von der Revolution 1989 hat sie nichts mitbekommen.

 Ihre ersten gesanglichen Schritte unternahm sie im Gemeindechor, wo unter anderem auch Klassiker wie „Herzilein“ und „Ganz in weiß“ zum Repertoire gehörten. Hartig stieg bald zur Solistin auf, hatte dabei aber immer mit Nervosität zu kämpfen – eine Angewohnheit, die ihr noch immer zueigen ist.

 Mit 14 Jahren bestand sie die Aufnahmsprüfung für das Liceu in Bistritz, allerdings dauerte es noch weitere drei Jahre, bis sie die Welt der Oper für sich entdeckte, weil als Teenager Rock und Pop für sie interessanter waren. Am Liceu hatte sie ein Mal pro Woche eine Gesangsstunde, ansonsten studierte sie Musiktheorie,  und den Kontrapunkt. In Cluj habe ich dann die Musikhochschule besucht, mit 17 eine Aufnahmeprüfung gegeben und für 6 jahre da studiert!Die Zeit in Cluj war recht hart für sie, da für sie die Geborgenheit innerhalb der Familie sehr wichtig ist und ihr Geburtsort doch über 100 Kilometer entfernt liegt und die Zugfahrt immer stundenlang gedauert hat. Insgesamt hat ihr Studium sechs Jahre lang gedauert.

 Frau Hartig, was war ihre erste Begegnung mit der Kunstform Oper – abseits von Schallplatten?

 Das war eine Aufführung des Barbiere di Siviglia mit George Petean. Ich war total hingerissen von der Kombination zwischen Musik, Schauspiel, Licht und den Kostümen. Danach wusste ich, dass das genau das ist, was ich machen will!

 Wie bei vielen Sängern finden sich in Ihrer Biographie auch Teilnahmen und Siege bei Gesangswettbewerben. Inwiefern war die Teilnahme daran für Sie wichtig?

 Da die Auszeichnungen vor allem Geldpreise waren und ich so mein Studium überhaupt finanzieren konnte, war die Teilnahme auf jeden Fall sehr wichtig. Und natürlich fühlte ich mich durch gute Platzierungen in meiner Arbeit bestätigt und sie gaben mir auch den Mut zum Weitermachen.

 Ihre ersten Auftritte hatten Sie dann ab 2003 bei verschiedenen Konzerten. Was war die erste Opernrolle)

Im ersten Studienjahr habe ich das Magnificat von Bach gesungen – mit vollem Orchester, das war mein erstes „professionelles“ Engagement! Später kam dann eine Anfrage aus Bukarest, ob ich Interesse hätte, die Norina zu singen. Dieses Angebot habe ich aber ausschlagen müssen, da ich dann zur selben Zeit schon den Vertrag für Wien hatte. Zusätzlich sang ich noch verschiedenste Programme – von Andrew Lloyd Webber über das Brahms- und Faure-Requiem bis hin zu Beethoven IX. In Hermannstadt sang ich auch das Magnificat von J.S. Bach und weitere evangelische Kirchenmusik, unter anderem von Schütz und Telemann.

 In Cluj habe ich die Musikhochschule besucht, mit 17 eine Aufnahmeprüfung gegeben und für 6 jahre da studiert!


Die „Mimi“ in „La Bohème“ ist bislang die wichtigste Rolle

 In Klausenburg waren Sie dann 2006 zum ersten Mal in der Rolle zu sehen und zu hören, die für Sie in Ihrer Karriere bis jetzt die wichtigste wurde – als Mimi in La Boheme.

 Ein Jahr vor Beendigung unseres Studiums hat unser Jahrgang damit begonnen, diese Vorstellung vorzubereiten und zu studieren. Unser damaliger Professor hat die Oper kontaktiert und eine Aufführung seiner Studenten im Opernhaus vorgeschlagen. Die Erfahrung, diese Rolle komplett zu erarbeiten – auch mit Regie und Orchester, war absolut erfüllend. Das war meine allererste Rolle auf der Bühne und wir haben diese Produktion dann später noch in Bukarest und anderen rumänischen Städten aufgeführt.

 2009 kam dann ein Angebot aus Bukarest. Ich jobbte zu dieser Zeit in einem Kulturreferats-Job in Bistritz und musste mir natürlich gut überlegen, ob ich diesen Sprung wagen soll. In einer weiteren Studentenproduktion erhielt die Rolle der Fiordiligi in Cosi Fan Tutte.. Eine Kritikerin saß im Publikum und  hat von sich aus Direktor Holender kontaktiert, der eine Email an die Oper in Bukarest sendete, um mich zu einem Vorsingen einzuladen. Diese Dame habe ich nicht einmal gekannt und die Geschichte mit dem Brief erst viel später erfahren! Die Kritikerin fand, dass ich eine gute Stimme habe und das Potential, eine Karriere über Rumänien hinaus zu machen. Da Herr Holender ein gutes Ohr für Stimmen hatte meinte sie, dass er mir weiterhelfen und mich vielleicht auch Agenten vorstellen könnte.

 Diese Email wurde aber zwei oder drei Monate gar nicht an mich weitergeleitet! Als ich die Nachricht schlussendlich erfuhr, kontaktierte ich natürlich sofort die Wiener Staatsoper, bat um Verzeihung und mir wurde noch ein Termin gewährt. Ich hatte die Arie der Micaela vorbereitet. Nun, nach dem Vorsingen sagte er zu mir „Frau Hartig, Sie müssen aus Rumänien weg!“ Ich fragte „Wie?“. Nun, im Juni erhielt ich dann einen Anruf aus Wien mit dem Angebot, am 1.September als Ensemblemitglied in Wien anzufangen. Die Anfangszeit war für mich sehr schwer. Wie ich schon erwähnt habe, bin ich ein wirklicher Familienmensch und meine Familie ging mir sehr ab. Alles war so anders und überwältigend, ganz anders als in Rumänien. Eine große Hilfe für mich war zu Beginn meines Engagements Zoltan Nagy, der mir unter anderem geholfen hat, eine Wohnung zu finden.

 Man zählt die Wiener Staatsoper neben der Mailänder Scala, der Metropolitan Opera und dem Covent Garden zu den vier großen Opernhäusern der Welt. War es für Sie ein großes Karriereziel, in Wien zu singen?

 Da die rumänische Sprache zur romanischen Sprachgruppe gehört, liegt den Rumänen das Italienische näher – daher will dort jeder vor allem an der Mailänder Scala singen. Aber mir ist die Ehre bewusst, in einem so renommierten Haus, wie es die Staatsoper ist, zum Ensemble zu gehören.

 Sie debütierten dann in Wien im Oktober 2009 in der Rolle der Musetta. Das ging aber nicht ganz ohne Probleme vor sich, oder?

 Erstens einmal war ich nervlich total fertig – ich habe ja ungeheures Lampenfieber. Ja, im dritten Akt gibt es eine Vokalise, die Musetta hinter der Bühne singt. Das habe ich verpasst – ich habe nicht gehört, dass man mich ausgerufen hat, weil in der Garderobe der Lautsprecher auf ein Minimum eingestellt war. Der Inspizient war sehr böse auf mich, ich habe aber gemeint, dass ich erstens Anfängerin bin und außerdem Solistin und man daher auf mich ein wenig aufpassen muss…Ich gebe immer alles. Singen ist zwar nicht die Wichtigste Sache der Welt, allerdings ist es mein Beruf und da möchte ich so perfekt wie nur möglich sein, da ich ja den Erwartungen des Publikums, der Direktion und des Agenten entsprechen möchte – und das ist nicht immer so leicht.

 Die Kollegen waren unheimlich nett – ich fand dann in meiner Garderobe Blumen vor, Glückwunschkarten. Da habe ich mich sehr gefreut.

 Mein erstes Jahr in Wien war für mich extrem hart. Ich litt unter großem Heimweh, habe oft geweint. Dadurch war ich auch sehr reserviert und auch ein wenig distanziert. Das hat sich aber Gott sei Dank gegeben!

 Von der Musetta zur Mimi dauerte es dann noch ein bisschen?

 Meine erste Mimi habe ich dann – abgesehen von der Studienaufführung in Rumänien – dann im Jahr 2010 in Brüssel gesungen und damit einige Aufmerksamkeit erregt. Es ergab sich dann ein Vorsingen für die Rolle der Mimi an der Mailänder Scala. Ich werde dort im September 2012 singen. Die Zeitungsberichte, nachdem ich in Mailand bereits diese Rolle verkörpert hätte, sind falsch. Mein einziger Auftritt an der Scala war im Rahmen des Gastspiels der Staatsoper letzten September, wo ich die Marzelline sang.

 Als dann in Wien Maja Kovalevska erkrankte, wurde ich an einem Sonntag  verständigt. Es gab eine Probe, ich machte mich noch einmal mit Musik, Noten und Rhythmus vertraut. Es ist nämlich ein großer Unterschied in der Vorbereitung auf eine Hauptrolle oder eine Nebenrolle. Man muss sich da die Kraft und Konzentration ganz anders einteilen. Wenn ich das einmal auf das Laufen umlege – für die Musetta muss der Körper auf einen 60-Meter-Sprint trainiert sein, bei der Mimi ist es wie bei einem 5.000-Meter-Lauf.

 War es für Sie schwer, als Sie wieder nach dem höchst erfolgreichen Einspringen bei der nächsten Vorstellung quasi wieder ins zweite Glied zurück schreiten mussten? Denkt man sich, dass manchmal das Publikum hauptsächlich der Rolle und gar nicht so der objektiven Leistung Applaus spendet? Man kann ja als Musetta überragend sein, im Normalfall wird die Sängerin der Mimi auch bei einer Durchschnittsleistung mehr gefeiert werden.

 Ja, die Umstellung danach war nicht so einfach – und Applaus hängt von der Leistung ab und nicht unbedingt der Rolle.

 Sie hatten auch großen Erfolg als Figaro-Susanna. In einem anderen Interview betonten Sie, dass Sie, bevor Sie die Rolle studierten, ein wenig Bedenken hatten.

 Ich sah mich ernster und distanzierter als es die Susanna ist, aber dann entdeckte ich das Mädchenhafte dieser Figur – und fand raus, dass das auch in mir steckt. Für mich ist die Susanna liebevoll, ehrlich und sie weiß auch, was sie will. Das sind Charaktereigenschaften, die ich auch bei mir sehe!

 Wie schaut Ihre Zukunft an der Staatsoper aus? Haben Sie besondere Rollenwünsche?

 In der nächsten Saison werde ich die Zdenka singen, dazu kommen auch reguläre Auftritte als Mimi und Micaela, Susanna wieder(es ist sehr wichtig und sehr gut wenn man eine Rolle mehrmals singen kann, so wächst sie,reift sie und wird immer besser). Für die Zukunft hoffe ich, dass ich einmal La Traviata, die Marguerite, Donna Elvira und Fiordiligi singen darf.

 Die Mimi singe ich in den nächsten Jahren an der Scala, der Metropolitan Opera, Covent Garden, Berlin, Hamburg und Cardiff, die Micaela auch an der Met. Und für 2013 ist eine Neuproduktion der Zauberflöte geplant, in der ich die Pamina singen werde. Und Fabio Luisi hat mir für 2015 die Giulietta in „Capuleti e I Montecchi“ in Zürich angeboten.

 Was ist über die private Seite der Anita Hartig zu sagen? Sie interessieren sich für Astrologie?

 Ja, ich beschäftige mich ein wenig mit der Astrologie. Ich bin Waage mit Aszendent Waage, im chinesischen Horoskop bin ich ein Schwein und im keltischen Baumkreis ein Haselbaum.

 Ich habe einen festen Freund, der aber leider in Rumänien lebt und liebe es, mich in der Natur aufzuhalten. Für Neues bin ich immer zu haben – man muss es einfach ausprobieren. Ich lese gerne esoterische Bücher und Poesie, spiele ein wenig Squash.

 Zum Abschluss noch die 10 Fragen des Bernard Pivot –

 1) Was ist Ihr Lieblingswort? 

Liebe

2) Welches Wort mögen Sie am wenigsten? 

Hässlichkeit, Hass, Negativität

3) Was gibt Ihnen ein gutes Gefühl? 

Liebe, Essen, Schönheit und Sonne

4) Was gibt Ihnen ein schlechtes Gefühl? 

Negativität, Vulgarität

5) Welches Geräusch oder welchen Lärm mögen Sie? 

Das Fließen von Wasser

6) Welches Geräusch oder welchen Lärm mögen Sie nicht? 

Straßenlärm, alles was zu laut ist (Anm. der Redaktion -mit Ausnahme von Applaus!)

7) Was ist Ihr Lieblings-Schimpfwort? 

Etwas auf rumänisch (Anm.d.Red – wurde zensuriert J )

8) Welchen Beruf außer Ihrem jetzigen hätten Sie sonst gerne ergriffen? 

Dazu fällt mir nichts ein

9) Welchen Beruf mögen Sie überhaupt nicht ausüben? 

Dazu fällt mir nichts ein

10) Wenn der Himmel existieren sollte, was würden Sie gerne von Gott hören, wenn er Sie am Himmelstor empfängt?

Willkommen zu Hause!

 Liebe Frau Hartig, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Glück für Ihre weitere Karriere!