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Andreas Pittler: BRONSTEIN

15.04.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Andreas Pittler:
BRONSTEIN
Sein vergessener Fall
284 Seiten, Gmeiner Verlag, 2019

Ein Buch mag „Bronstein“ heißen, muss aber nicht von Trotzki handeln (dessen Geburtsname bekanntlich so lautete). Vielmehr ist der Wiener Historiker und Schriftsteller Andreas Pittner wieder zu einer seiner Lieblingsfiguren zurückgekehrt, zu jenem Polizeiobersten Bronstein, der zwischen Monarchie und Nazizeit allerlei Kriminalfälle löst, die der Autor nicht unbedingt chronologisch darbietet.

Das Titelbild von „Bronstein“ zeigt einen „noch“ leeren Heldenplatz, denn man schreibt erst 1936, aber die Nazis sind schon da, als „Illegale“, die vollmundig zu ihrer Überzeugung stehen und von der Gerichtsbarkeit ebenso ins Visier genommen werden wie die „Kummerln“ und die „Sozis“ – eine der schlimmsten Epochen österreichischer Geschichte eben. Es ist ein Kunststück, daraus einen durchaus unterhaltenden Kriminalroman zu machen.

Das liegt in erster Linie an Bronstein selbst, einem wohlbeleibten Herren, dessen Eskapaden des Essens und Trinkens breiter Raum eingeräumt wird. Das liegt ebenso daran, dass der Autor die Zeit durchaus farbig zu schildern mag, bis in Bronsteins Kinobesuche (Jean Gabin in der Wüste) in seiner Freizeit. Man erfährt, was in den Zeitungen steht, und die Topographie von Wien und Umgebung, wie sie sich Mitte der Dreißiger Jahre präsentierte, wird durchaus farbig wiedergegeben.

Der Kriminalfall, mit dem sich Bronstein und sein Adlatus Cerny konfrontiert sehen, handelt vom Mord an einem „Sozi“ namens Binder, über den seine Genossen nur das Beste zu sagen wissen. Nach einem richtigen Nazi-Mord sieht die Schussverletzung nicht aus (diese prügeln ihre Opfer lieber zu Tode), und Bronstein weiß die längste Zeit nicht, wo er ansetzen soll.

Zumal er von höchster Stelle den Auftrag bekommt, die ganze Sache ruhen zu lassen (weil es eh „wurscht“ ist, ob irgendein Roter erschlagen wurde) und statt dessen als „Beobachter“ zu den Prozessen abkommandiert wird, die man einer stattlichen Anzahl von „Roten“ macht – da ergreift auch ein junger Jusstudent namens Bruno Kreisky redegewandt das Wort. Nun, wir wissen ja, was aus ihm geworden ist.

Wenn Bronstein wieder einmal gesättigt ist, wenn er über der Lektüre von Grillparzers „Ahnfrau“ eingeschlafen ist (Joseph Roth liest er auch) und sich ganz gern mit der Maly, einer Freundin aus Binders Kreis, unterhalten hat, lässt ihm der Fall aber doch keine Ruhe. Und tatsächlich kommt er nach und nach der Sache auf die Spur. Über den Besitzer des Hauses, in dem Binder umgebracht wurde – ein reicher Zuckerlfabrikant, der höchst erstaunt ist, dass er auch ein Zinshaus in Simmering besitzt -, führt der Weg zu dessen zwielichtigem Verwalter und von dort dann doch zur Lösung des Falles, den Bronstein am Ende so schön zusammen fasst, als wäre er Hercule Poirot persönlich…

Renate Wagner

 

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