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Andreas Lesti: DAS IST DOCH DER GIPFEL

19.04.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Andreas Lesti
DAS IST DOCH DER GIPFEL
Geschichten von den Bergen der Welt
144 Seiten, BERG WELTEN Verlag / Benevento, 2020

Man muss nicht selbst hinauf klettern wollen (können, müssen), um von Bergen fasziniert zu sein. Man kann ja auch von der Berg-Faszination lesen – etwa anhand der Schicksale von Menschen, die ihrerseits in den Bann der Berge gerieten. Ja, von Alexander von Humboldt wusste man es, sein Name ist mit dem „Chimborazo“ in Ecuardor untrennbar verbunden. Aber Goethe? Und wer sind all die anderen Menschen, die man zum Großteil nicht kennt und denen Andreas Lesti in seinem Buch „Das ist doch der Gipfel“ eigene Kapitel widmet?

Dieses Buch ist wirklich eine Überraschung, nicht nur weil der Autor, von Beruf „Journalist, Germanist und Alpinist“, wie man erfährt, ein wahrer Fachmann seines Themas ist und vieles persönlich recherchiert hat (in Wort und Tat, mit Interviews und Lokalaugenschein). Er erinnert nicht nur an menschliche Großleistungen angesichts des Berges, er fügt auch immer wieder Tabellen ein, in denen man Hochinteressantes erfährt – etwa, in welcher Reihenfolge die Gipfel des Himalaya bestiegen wurden…

Goethe zuerst: Der war wirklich unternehmungslustig bis verwegen. Seine Schweiz-Reisen hatten alle mit dem Hochgebirge zu tun. Heute schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen bei der Idee, dass er und ein paar Freunde (ganz ohne die Thermo-Kleidung und andere Hilfsmittel der Gegenwart) im November (!) 1779 bei kniehohem Schnee am Furka-Paß wanderten. Nach neun Stunden Gehzeit, teils bis zum Gürtel versunken, erreichten sie ein rettendes Wirtshaus. Mit etwas weniger Glück hätte es den späteren Goethe, hätte es den „Faust“ und vieles mehr nie gegeben…

Weniger weiß man über die anderen Schicksale, die der Autor darstellt, aber alle sind spannend, einige (da bei den Bergen und bei wilder Abenteuerlust immer auch der Tod dabei ist) tragisch. So gab es die drei Brüder Schlagintweit aus Bayern, bergsteigende Intellektuelle, Forschungsreisende, die auch Humboldts Bewunderung genossen. Sie eroberten nicht nur die Alpen, sondern auch erfolgreich den Himalaya. Man sträubt sich zu lesen, was dann geschah: Während die Brüder Hermann und Robert auf dem Seeweg nach Europa zurückreisten, wollte Adolph es mit dem Landweg versuchen, wurde von einem Warlord gefangen genommen – und umweglos geköpft…

Man liest über Miß Jemma Morrell, die gewissermaßen die erste Reiseleiterin jener Gruppen war, die der Brite Thomas Cook per Pauschalarrangement zuerst in die Berge (und später in die ganze Welt) schickte – und denen man verdankt, dass das Wort „Tourist“ ein Schimpfwort geworden ist.

Man liest von verrückten Gestalten wie dem Esoteriker Aleister Crowley, der nicht nur Guru und selbst ernannter Hexenmeister war, sondern sich auch im Himalaya herumtrieb.

Man erfährt von Fritz Wiessner aus Sachsen, der kurz vor dem Gipfel des K 2 kapitulieren musste und am Rückweg fast zugrunde ging, weil alle Lager verlassen waren (man hatte ihn und seinen Sherpa schon aufgegeben). Er lieferte laut Reinhold Messner eines der bizarrsten und beispiellosesten Dramen rund um den an Dramen nicht armen Himalaya.

Die Polin Wanda Rutkiewicz war eine jener Frauen, die bewiesen, dass Frauen so hartnäckig um Berge kämpfen können wie Männer – sie bestieg nicht nur den K 2, sondern acht Achttausender (darunter den Mount Everest, den höchsten Berg der Erde), bevor sie 1992 am Kangchendzönga scheiterte. Ihre Leiche hat man nie gefunden.

Die Österreicher Peter Wörgetter und Sepp Millinger haben den Manslu in Nepal nicht nur erklettert – sie sind auch dann noch von 8000 Metern Höhe mit ihren Skiern abgefahren!!!

Es gibt noch andere Schicksale, teilweise mit skurrilen Wendungen, bevor der Autor am Ende bei David Lama landete, dem jungen Österreicher mit Sherpa Vater, den der Autor noch kurz vor dessen Tod telefonisch interviewt hatte. Obwohl er und seine Kollegen Hansjörg Auer und Jess Roskelley ebenso fähige wie erfolgreiche Bergsteiger waren, starben sie 2019 bei einem Lawinenunglück in Kanada.

Wie hatte David Lama am Telefon noch zu Andreas Lesti gesagt? „Der Berg ist trotzdem noch der Berg. Mit all seinen Gefahren.“

Renate Wagner

 

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