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ANDREA MOSES: Es passiert hier und jetzt

ANDREA MOSES

Es passiert hier und jetzt

Andrea Moses genießt in Deutschland den Ruf einer„politischen“ Regisseurin. Vermutlich haben Komponist Johannes Maria Staud und Librettist Durs Grünbein sie deshalb schon vor drei Jahren in den Entstehungsprozess der Oper „Die Weiden“ einbezogen. Nun hat sie das vielschichtige, szenisch anspruchsvolle Werk so zu realisieren, dass es sich dem Publikum auch mitteilt – „Ich würde es nicht versuchen, wenn ich nicht meinte, dass es möglich ist“, sagt sie im Gespräch zu Renate Wagner.

Frau Moses, Sie inszenieren seit zwölf Jahren Opern, zwischen Weimar und Dessau, Meiningen und Braunschweig, Stuttgart und Berlin, und wann immer man darüber liest, wird der besondere politische „Touch“ betont, den Sie Ihren Aufführungen geben. Kann das auch mit Ihrer Jugend in der DDR zu tun haben?

Keine Frage, dass es ein geschärftes gesellschaftliches Bewusstsein nach sich gezogen hat, in der DDR aufzuwachsen. Die „Haltungsfragen“ stellten sich von Kindheit an – wie verhalte ich mich zur Umwelt, zur Gesellschaft, was ist das für eine Welt, in der ich lebe? Natürlich überträgt sich diese Prägung dann auch auf die Arbeit.

Und als Johannes Maria Staud und Durs Grünbein beschlossen, eine sehr politische Oper zu schreiben, kamen sie auf Sie zu?

Dass Durs Grünbein und ich beide aus Dresden stammen, hat jedenfalls nichts damit zu tun, denn wir haben uns erst bei der Arbeit kennen gelernt. Johannes Maria Staud hat meine Stuttgarter „Don Giovanni“-Inszenierung von 2012 gesehen, war begeistert und hat mich darum eingeladen, mich zu dem Projekt dazu zu gesellen. Seit Anfang 2016 bin ich dabei, während sich die „Weiden“ entwickelt haben. Ich habe natürlich nicht mitgeschrieben, wurde aber zusammen mit meinem Dramaturgen Thomas Wieck immer um meine Meinung, Ideen und Anregungen gefragt. Es sind nunmehr fast drei Jahre dauernder Auseinandersetzungen.

Und nun haben Sie das Problem, dieses Werk auf der Bühne  zu realisieren … eine Bootsfahrt auf einem großen Fluß, die Geschichte von vier jungen Leuten, viel Natur, viel Chor und „Volksszenen“, politische Aussagen hier, dunkle Poesie da. Und das möglichst so, dass ein Publikum, das dieses Werk vermutlich nur einmal sieht, etwas mitnimmt.

Ja, die Herausforderungen, die das Stück an das Bühnenbild stellt und an alle, die es umsetzen, sind immens. Aber: Die Grundidee einer Reise in einem Kanu, einer Jacht, das alles nicht filmisch lösen zu können, sondern auf eine Opernbühne theatralisch zu übertragen, ist eine herkulische Großtat-  auch das wird man wahr- und mitnehmen.

Es geht ja nicht nur um die Optik, sondern auch um den Inhalt.

Natürlich, alles ist miteinander verknüpft. Die Musik schafft eine sinnliche Ebene, die das Publikum auch dann erreicht, wenn man nicht jedes Detail im Moment des Geschehens begreift. Jedes Bild hat eine eigene, besondere Atmosphäre, und sehr viel von der Psychologie der Figuren findet sich auch in der Musik, das dynamisch-emotionale Element ist sehr stark. Ich bin zuversichtlich, dass man – durch die Beobachtung der Figuren von Krachmeyer und dem Demagogen, durch das Nachvollziehen der Entwicklung von Lea in der Fremde zur Fremden und die Wandlung von Peter – in den Bann gezogen wird und sich durchaus manches durch das Gehörte und Gesehene politisch bewusst machen kann.

Sie haben ja noch das Problem der „Verkarpfung“…

Im Prolog erzählt Leas Vater die „Legende von den Karpfenmenschen“. Die handelt davon, dass an einem großen Strom – und das Stück spielt an einem großen Strom – einst viele Völker friedlich zusammen lebten. Die Karpfen hielten sich tief unten im Wasser auf. Doch als die Zeiten schwerer wurden, wandten sich die Menschen gegeneinander und verwandelten sich selbst in Karpfen – als Symbol dafür, dass sie ihre Individualität aufgaben und Unterschlupf in einer Gemeinschaft, einer Masse fanden, die sich gegen die anderen abschottet: Sie wurden „kalt wie Karpfen, unansprechbar“.  Der Chor trägt in einer zentralen Szene als Volk auf einem Marktplatz, verführt vom Demagogen, Karpfenmasken  –  ich vertraue nicht nur darauf, dass es das Publikum versteht, sondern dass es auch den Bezug zur Gegenwart herstellt. Denn die Ängste, die heute geschürt werden, führen zu genau diesem Verhalten, zu diesem Bedürfnis, sich zusammen- und die anderen auszuschließen. Es passiert hier und jetzt.

Und Sie meinen, diese Übertragung von einer Oper in das Bewusstsein des Zuschauers kann gelingen?

Ich würde es nicht versuchen, wenn ich nicht meinte, dass es möglich ist. Und ich finde großartig, dass eine Oper, die das Publikum in so direkter Zeitgenossenschaft anspringt, möglich wird – zumal an der Wiener Staatsoper. Oper als Gesamtkunstwerk sollte alle Sinne ansprechen, und ich setze große Hoffnung darauf, dass es möglich ist, viel von der Widersprüchlichkeit unserer Zeit abzubilden. Die Oper möchte durchaus auch sagen, dass man wachsam bleiben muss gegen die Sprache der Verführer. Gut möglich, dass das manchem nicht gefällt. Ein Publikum besteht aber aus vielen Persönlichkeiten, und das Beste ist, wenn wir diese zur Diskussion herausfordern.

Frau Moses, diese Spielzeit ist für Sie die „Saison der Uraufführungen“, denn Sie werden im Mai in Weimar die Uraufführung von „The Circle“ von Ludger Vollmer inszenieren. Ich kenne nur den Film mit Emma Watson und Tom Hanks, aber es ist eine überaus spannende Geschichte darüber, wie der Mensch völlig „durchsichtig“ gemacht werden soll, in jeder Lebensregung von seiner Mitwelt zu beobachten. Eine schaurige Zukunftsvision.

Ja, es freut mich sehr, für die Inszenierung zweier Uraufführungen in einer Spielzeit gebeten worden zu sein, die sich mit zeitgenössischen Themen auseinandersetzen, gibt es doch nicht so viele solche Uraufführungen im Opernbetrieb.

Frau Moses, Sie sind heute „freie Regisseurin“, waren aber  lange Zeit „in“ den Institutionen tätig, als Chefregisseurin in Dessau, als Leitende Regisseurin in Stuttgart. Sind Sie froh, all die Verwaltungsarbeit vom Hals zu haben?

Nun, ich denke durchaus darüber nach, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen, anstatt immer „nur“ ein Projekt nach dem anderen zu gestalten. Natürlich muss man dabei auch die eigene Kraftreservoire gut einschätzen, man braucht genügend Organisationstalent und ein gutes Team, aber ja – ich empfinde, Verantwortung zu übernehmen, dadurch mehr Gestaltungsspielraum zu gewinnen und andere zu fördern, als sehr wichtig und notwendig.

In diesem Sinne viel Glück für alles und danke für das Gespräch.

 

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