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ANDREA CARROLL: Oma war eine Wienerin…

04.12.2018 | INTERVIEWS, Sänger

ANDREA CARROLL

Oma war eine Wienerin…

Andrea Carroll, die schwarzhaarige Schönheit der Wiener Staatsoper mit dem exotischen Flair einer Maya-Prinzessin, verkörpert in der Uraufführung von „Die Weiden“ die zweite weibliche Hauptrolle – Kitty, die Fremde, die das Publikum irritieren und zweifellos auch faszinieren wird. Frisch verheiratet mit einem in Österreich lebenden Deutschen, Enkelin einer emigrierten Wienerin, wird Andrea Carroll nun vermutlich hier sesshaft werden.

Das Gespräch führte Renate Wagner in englischer Sprache

Frau Carroll, Sie sind seit der Saison 2015/16 an der Wiener Staatsoper engagiert und haben 2015 auf Anhieb eine Premiere und eine Hauptrolle bekommen – die Fatima in „Fatima, oder von den mutigen Kindern“ von Johanna Doderer. Und nun kreieren Sie in der Uraufführung von „Die Weiden“ die Kitty. Moderne Musik, Rollen ohne Vorbild – Ihre Kollegen empfinden das als große Herausforderung. Wie spannend ist das für Sie?

Natürlich versuche ich grundsätzlich jeder Rolle mein persönliches Profil zu geben, aber wenn man eine Gilda, eine Susanna singt, dann haben das Tausende Sängerinnen vor einem getan und das Publikum hat seine Vergleichsmöglichkeiten. In diesem Sinn sind ganz neue Rollen eine Chance. Was die Fatima betrifft, so muss ich ehrlich sagen, dass ich gar nicht für die Premiere vorgesehen war, sondern Aida Garifullina, aber als sie nicht konnte, war ich an der Reihe, und das war natürlich großartig, so ganz neu an einem Haus, wo man als Page in „Rigoletto“ begonnen hat. „Fatima“ war allerdings eine Kinderoper im Märchengewand – die Kitty in „Die Weiden“ ist etwas anders.

Und wie schwierig ist die Moderne zu singen im Vergleich zu Mozart oder Donizetti, die derzeit noch Ihr Wiener Repertoire beherrschen?

Also, ich finde es ehrlich gestanden gar nicht so schwierig zu lernen und zu singen. Und vermutlich auch nicht anzuhören, obwohl natürlich niemand nach Hause gehen wird und Melodien dieser Oper vor sich hersummen. Aber ich glaube, der Eindruck der Musik wird auch durch die Einbeziehung von Elektronik sehr reizvoll sein, und unsere Aufgabe ist es nicht zuletzt, den Text so verständlich zu machen wie möglich. Und im übrigen geht es mir wie meinen Kollegen – es ist einfach aufregend, etwas ganz Neues machen zu können.

Wer und wie ist Kitty?

Wer Kitty ist, wo sie herkommt, ist im Libretto nicht genau definiert – die Einheimischen nennen sie die „Ausländerin“. Wir haben bei den Proben quasi einen Hintergrund und eine Geschichte für diese Figur gebastelt, wobei mir der Komponist und die Regisseurin sehr viel Freiheit gelassen haben. Also: Kitty kommt wahrscheinlich aus Osteuropa, hat es nicht leicht gehabt, vermutlich einmal bei irgendeiner Party Edgar kennen gelernt, die beiden haben guten Sex, sind deshalb zusammen. Darum erweckt Kitty anfangs den vielleicht gar nicht so sympathischen Eindruck eines nuttigen Party-Girls – und man ist doch als Sopranistin eigentlich gewöhnt, dass das Publikum einen liebt, selbst wenn man als Adina und Norina seine Mucken hat… Jedenfalls ist es für Kitty einfach praktisch, in Edgar einen reichen Mann zu heiraten, und er kommt in sein Heimatdorf vielleicht nur, um seine Mitbürger mit dieser Hochzeit zu provozieren… Kurz, diese beiden Menschen in ihrem Konsumrausch, in ihrer Missachtung der Natur, an Drogen und ihren Smartphones hängend (Edgar gibt seines faktisch nie aus der Hand), repräsentieren durchaus ein negatives Element. Und dann wendet sich das Blatt – es gibt ja nicht nur schwarz und weiß in einem Menschen. Wenn die Naturkatastrophe los bricht, da erkennt man auch an Kitty die weichen, menschlichen Seiten – sie hat dann eine kleine Arie -, und ich denke, angesichts ihres Endes wird sie das Publikum nicht ganz negativ in Erinnerung behalten. Oder sie vielleicht sogar mögen.

Frau Carroll, Sie haben in Wien für einen Neuzugang ungewöhnlich schnell große Rollen zugeteilt bekommen – Susanna, Zerlina, Adina, Norina.. Wie kam das?

Ich war keine völlige Anfängerin, hatte schon zwei Jahre an der Houston Grand Opera in Texas hinter mir, die ich gewissermaßen auch als „Zuhause“ betrachte, denn das ist wirklich ein wunderbares Opernhaus und dort durfte ich schon einige große Partien singen. Ich kehre auch immer wieder dorthin zurück, zuletzt heuer im Frühjahr für die Maria in „West Side Story“. Texas ist eine Welt für sich, die Leute sind so überaus freundlich, jeder grüßt jeden auf der Straße und man grüßt zurück – als ich in Wien erstmals über die Mariahilferstraße ging und fremde Leute grüßte, weil ich es so gewohnt war, sah man mich ganz befremdet an. Es war tatsächlich wie diese komische Szene in dem „Crocodile Dundee“-Film…

Wenn wir schon bei Wien sind – Wien spielt in Ihrer Familiengeschichte eine besondere Rolle?

Meine Großmutter und ihre Familie konnten wirklich in letzter Minute aus Europa fliehen und landeten erst einmal in Chile. Dort hat Großmutter ihren Mann kennen gelernt, der ein Flüchtling aus Ungarn war. Ihr Sohn, mein Vater, wurde dann in Rom geboren – und er hat eine Guatemaltekin geheiratet. Daher kommt mein Aussehen, das die Leute dazu bringt, mich ein wenig schief anzusehen und sich zu fragen, woher ich wohl komme. Viele tippen auf Persien, aber ein Teil von mir ist südamerikanisch, der andere sehr europäisch…

Ich würde auch sagen, Sie tragen eindeutig die Züge einer Maya-Prinzessin… Die Wiener Großmutter hat mit Ihrer Opernkarriere zu tun?

Gewissermaßen schon ihr Vater, mein Urgroßvater. Er war in seinen Wiener Jahren ein so leidenschaftlicher Opernfreund, dass es für ihn nichts Wichtigeres gab, als auf den Stehplatz zu gehen. In der Familie hieß es, wenn er die Wahl gehabt hatte, zu essen oder sich einen Stehplatz zu kaufen, ist er in die Oper gegangen… Meine Großeltern haben mich dann in die Oper in Washington mitgenommen, und als ich – ich war immer schon ein Kind, das gesungen hat, im Chor war, getanzt hat – mit zwölf Jahren erstmals „La Boheme“ hörte, war ich vollkommen hingerissen, und für mich stand fest: Ich werde Opernsängerin. Zumal ja Deutsch und Italienisch Sprachen waren, die es in meiner Familie gab, mir diese Welt also diesbezüglich nicht fremd war.

Wenn jetzt Ihre erste Wiener Musetta an der Wiener Staatsoper auf Sie zukommt, schließt sich ja da fast ein Kreis…

Ja, ich habe sie zwar schon in Houston gesungen, aber ich freue mich sehr darauf, jetzt in Wien die Musetta zu sein, das ist eine wunderbare Rolle. Die Mimi soll kommen, man hat sie mir schon angeboten, aber das ist noch zu früh. Wenn man eine solche Partie ablehnen muss, fällt das wirklich schwer, aber man muss an seine Stimme denken, man muss wissen, was man will und was man kann, und dann geht es einfach darum, dieses „Nein“ so freundlich und bedauernd zu formulieren, wie  nur möglich…

Noch einmal zur Wiener Großmutter: Hat sie es erlebt, als Sie 2015 in Wien debutiert haben?

Leider nicht mehr, aber sie wusste von meinem Engagement, war ganz glücklich und aufgeregt und schrieb mir einen langen Zettel, was ich mir alles in Wien ansehen müsste – das Haus, wo sie gewohnt hat, die Schule, in die sie gegangen ist, die Orte, wo sie gerne war… Ich habe das dann mit meinem Vater alles abgewandert. Und heute singe ich an der Wiener Staatsoper und lebe in Wien. Meine Beziehung zur Staatsoper ist überhaupt eine ganz besondere: Ich habe mich hier vom ersten Augenblick an wohl gefühlt, man hat mich so freundlich aufgenommen, es gibt wirklich eine „Chemie“ zwischen mir und dem Haus und den Menschen, die da arbeiten – alle, einfach alle, die Garderober und die Makeup-Künstler, die Techniker, die Korrepetitoren und Pianisten, die Abendregisseure… bis ganz hinauf in die Direktion zu Sabine Hödl und Dominique Meyer: Man ist als junger Sänger überwältig und dankbar für die Möglichkeiten, die man da bekommt. Und immer wenn ich auf die Bühne gehe, fühle ich: Es ist eine große Ehre, hier zu singen.

Sie kehren aber von Wien doch immer wieder in die USA zurück?

Ja, es war schön, in Washington zu singen, auch weil das so nahe von meinem Geburtsort Bethesda, Maryland ist, dass alle unsere Bekannten und Verwandten dabei waren. Die nicht ganz so großen Opernhäuser in Amerika bieten schöne Rollen, die man dort ausprobiert, wie etwa die Melisande an der Garsington Opera, die Gilda an der Palm Beach Opera oder die Micaela in San Antonio.

Und wie ist Ihr Vertrag mit der Wiener Staatsoper?

Ich war in der Saison 2015/16 hier, habe dann eine Spielzeit ausgesetzt, war und bin dann in der vorigen Spielzeit und in dieser unter Vertrag, und für die nächste Saison ist es nur noch ein Residenzvertrag. Ich covere meine Rollen – das heißt, während der „Weiden“-Proben habe ich natürlich nicht die Zerlina in den „Don Giovanni“-Aufführungen gesungen, stand aber bereit, falls die vorgesehene Sängerin ausgefallen wäre. Im übrigen werde ich in dieser Spielzeit außer Musetta noch Adina und Norina singen und in einer Ensemble-Matinee im Mahler-Saal. Aber besonders wichtig ist mir auch, dass ich – wenn auch in der kleinen Rolle vom Hüter der Schwelle des Tempels – bei der „Frau ohne Schatten“-Premiere dabei sein darf. Die Idee ist aufregend, mit Christian Thielemann zusammen arbeiten zu dürfen – so wie es jetzt phantastisch ist mit Ingo Metzmacher, der so unglaublich viel über neue Musik weiß und so fokusiert, so genau arbeitet, dass man unglaublich viel lernt.

Liebe Frau Carroll, am Ende können wir Ihnen noch verspätet zu Ihrer Hochzeit gratulieren, Sie haben im August einen in Österreich lebenden Deutschen geheiratet, einen „nomal guy“, wie Sie ihn nennen, der nichts mit Ihrem Beruf zu tun hat. Überlegt man sich, auch wenn man erst Ende 20 ist, ob man Kinder und Karriere unter einen Hut bekommen kann und will?

Ich will auf jeden Fall Kinder, ich liebe Kinder, in der „Fatima“-Oper mit dem Kinderchor der Wiener Staatsoper zusammen zu arbeiten, war wunderbar für mich. Ich habe, als ich die Susanna sang, viel mit Dorothea Röschmann, die damals die Gräfin war, über das Problem gesprochen. Sie hat mir erklärt, wie sie das Sängerin-Sein und Mutter-Sein verbindet, und ich habe mir gedacht: Wenn sie es kann, kann ich es auch!

In diesem Sinn wünschen wir Ihnen Glück für alles, was noch vor Ihnen liegt. Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

 

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