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AMSTERDAM: PARSIFAL – Premiere

15.06.2012 | KRITIKEN, Oper

AMSTERDAM: PARSIFAL – Premiere am 12. Juni 2012


Foto: De Nederlandse Opera

Regisseur Pierre Audi inszenierte mit „Parsifal“ sein mittlerweile sechstes Musikdrama von Richard Wagner an der Niederländischen Oper in Amsterdam – im kommenden Jahr wird er bereits ein Vierteljahrhundert Künstlerischer Direktor dieses Hauses sein. In einer der Premiere vorangehenden Pressekonferenz mit dem Dirigenten Iván Fischer sagte Audi, er wolle mit diesem „Parsifal“ eine integrale Geschichte erzählen. Eine narrative Produktion werde es sein, die gleichwohl für sich selbst sprechen solle. Dies ist ihm mit einer exzellent und fantasievoll ausgearbeiteten Personenregie in den beeindruckenden und unkonventionellen Bühnenbildern des indischen bildenden Künstlers Anish Kapoor mit den bestens darauf abgestimmten Kostümen von Christof Hetzer und der stets Stimmungen und Effekte zielsicher verstärkenden Lichtregie von Jean Kalman gelungen.

Die Produktion (Dramaturgie Klaus Bertisch) wird in der Tat von diesen Bühnenbildern und der Mysteriosität, die von ihnen ausgeht, bestimmt. Kapoor ist offenbar ein Meister von Licht und Reflektion und wurde bekannt durch seine Skulpturen, mit denen er das Sublime und Spirituelle ausdrücken will. Im Sinne Beuys’ hält er alle Objekte für symbolisch und sieht die Aufgabe des Künstlers darin, in ihnen poetische Inhalte zu finden. Und genau das ist im 1. Aufzug zu sehen, nachdem eine tiefrote lange Fleischwunde sinnhaft den schwarzen Paravent zum Vorspiel zierte. Die Gralsritter haben sich in einem monumentalen, blutrot bemalten Felsmassiv verschanzt und sind depressiv mit der Fertigung einfacher Holzkreuze beschäftigt, die sie offenbar auf ihren Kreuzzügen für Recht und Ordnung à la Lohengrin mitnehmen. Der allein gehende und sichtbar leidende Amfortas – er wirkt wie der vom Kreuz abgenommene Christus – enthüllt den Gral als weißes blutendes Leinentuch auf einem wackeligen Holzgerüst, auf dem sich alle Ritter zur Zeremonie versammeln, während die Damen von seitlich angebrachten Gerüsten singen. Symbolik also allerorten: Die Gralsgesellschaft hat sich abgeschottet, ihre Zeremonien stehen auf weniger als unsicherem Fundament, dessen Scharniere zudem von Blut triefen – Blut als wesentlicher im wahrsten Sinne des Wortes roter Faden durch das Geschehen…

Zu Beginn ortet Gurnemanz eine eigenartige Figur, wie aus einem Science Fiction Film, die sich im 2. Aufzug als einer der extraterrestrisch anmutenden Kämpfer Klingsors gegen abtrünnige Gralsritter erweist, die der reine Tor ganz ohne Schwert zur Strecke bringt. Nun ist der Raum weit und offen, hier findet die Erkenntnis Parsifals statt, symbolisiert durch einen riesigen Zauberspiegel und eine Flamme, die sich langsam auf den Bühnenboden senkt wie die Feuerzungen auf die Jünger Christi. Sie erlischt genau in dem Moment, als Parsifal erkennt „Die Wunde…“ Endlich ist einmal ein Klingsor zu erleben, der noch Erotik ausstrahlt und aktiv agiert. Die meist wenig attraktiv wirkenden und mit allzu viel Rüschen behangenen, aber gut choreografierten (Gail Skrela) Blumenmädchen können ihm ohnehin nichts anhaben. Zwischen dem reflektierenden Spiegel im Vordergrund und einem großen Rechteck mit runder Öffnung (also die – gestörte – Komplementarität schon hier…) spielen sich starke menschliche Szenen zwischen Parsifal, Kundry und schließlich Klingsor ab – das zeigte eine erfahrene Theaterpranke! Im Finale kommen dann die Scheibe und das Loch zu einer harmonischen Deckung mit symbolischem Gehalt: Der Speer ist wieder beim Gral, die Wunde geschlossen, Amfortas gesühnt gestorben und alle huldigen sterbend dem Erlöser Parsifal, der sich langsam aus dem Bezirk entfernt – ein vielfach deutbarer Schluss, aber was passt besser zu einem „Parsifal“-Finale?!

Mit Spannung wurde das Rollendebut von Falk Struckmann als Gurnemanz erwartet, und er meisterte es vor allem im Schlussaufzug mit Bravour. Ständig mit großer Autorität und Empathie spielend und singend, erreichte dieser sympathische Sängerdarsteller hier stimmlich seine besten Momente, mit wohltuender Phrasierung, bester Direktion und charaktervoller Tongebung. Natürlich hörte man immer wieder den Bassbariton durch, manches klang da auch etwas hart. Aber Struckmann wird sich diese Rolle sicher nachhaltig erobern. Petra Lang war die gewohnt dramatische, ja explosive Kundry mit dunkel loderndem, aber auch zu greller Attacke fähigem Mezzo. Darstellerisch ließ sie keinen Wunsch an Intensität offen. Christopher Ventris sang einen sehr guten Parsifal, mit einem klaren, sich schön öffnenden Tenor und guter Attacke wie Höhe – und das alles bei vorbildlicher Wortdeutlichkeit. Er ist sicher momentan einer der führenden Rollenvertreter, zumal er auch das gerade für diese Partie so bedeutende Charisma mitbringt. Alejandro Marco-Burmester stellte einmal mehr unter Beweis, dass er einer der besten Sänger des Amfortas ist und diesen auch bewegend spielen kann. Mikhail Petrenko, eine Luxusbesetzung für den Titurel aus dem Off, sang einen kraftvollen Klingsor, nicht immer ganz intonationssicher – in jedem Falle aber eine ganz ungewohnt aufregende und gekonnt gespielte Rolleninterpretation in mondänem Outfit. Die von Martin Wright und Lorenzo Papolo (Kinderchor) einstudierten Damen- und Herrenchöre waren stimmstark und homogen, die Nebenrollen durchwegs gut besetzt.

Iván Fischer, für den die „Parsifal“-Musik „the most elevating type of music“ darstellt und „a higher level of listening“ bedeutet, fand mit dem Königlichen Concertgebouw-Orchester erst im 2. Aufzug intensiver in das musikalische Geschehen. Im 1. Aufzug geriet einiges zu langsam und gedehnt, was umso mehr ins Gewicht fiel, als Szenerie und Personenregie hier relativ statisch waren, wohl um die ganze Depression der Gralsgesellschaft zu dokumentieren. Das Vorspiel erklang fast kammermusikalisch, eigentlich nicht ganz zu der monumentalen Szenerie passend. Im 2. und 3. Aufzug wurde es musikalisch weit besser, und Fischer erreichte große Harmonie, auch mit der notwendigen Dynamik, zwischen Musik und Bühnengeschehen. So kann man als Fazit von einem beeindruckenden Wagner-Abend sprechen.

Weitere Aufführungen: 25., 28.6.; 2., 5., und 8.7.2012.

(Fotos in der Bildergalerie)

Klaus Billand

 

 

 

 

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