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Alfredo Casella: SINFONIE NR. 2

02.06.2017 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Cover Casella 2. Sinfonie

Alfredo Casella:
Sinfonie Nr. 2 /
Sinfonische Fragmente aus ‚La Donna Serpente‘

1 CD, Ars Produktion

Live Aufnahme

Man kann es ja zugeben, dass der Komponist Alfredo Casella, so populär er in seiner Heimat auch sein mag, hierzulande kein gängiger Name ist. Nord-Italiener, geboren 1883 in Turin, gestorben 1947 in Rom, Komponist, Dirigent, Pianist, Kammermusiker, verankern ihn schon seine Lebensdaten – er hätte ein ganz „Moderner“ sein können, bewegte sich aber, wie man hören kann, in den Fußspuren der Klassik. Was ihm dann in seiner Heimat auch besondere Popularität verschaffte.

Das Beispiel, das auf CD zur Verfügung steht, um Casellas Musik kennen zu lernen, ist in diesem Fall die 2. Sinfonie des Komponisten, und die ist ein Hörvergnügen. Das sei positiv gemeint in einer Zeit, wo etwas, das gefällt, sofort Gefahr läuft, als „gefällig“, also „billig“ verunglimpft zu werden. (Es gibt auch einen berühmten Wiener Pianisten, der glatt behauptet hat, kein Wunder, dass Mozart so populär sei, er sei ja so gefällig…)

Diese 2. Sinfonie Casellas – der sich nur spät und selten der Oper zugewendet hatte – steht historisch in einem besonderen Zusammenhang: Im April 1910 dirigierte Gustav Mahler in Paris seine 2. Sinfonie (wir kennen sie als „Auferstehungs-Sinfonie“), sechs Tage später wurde die 2. Sinfonie des damals 26jährigen Alfredo Casella (23 Jahre jünger als Mahler) ebenfalls in Paris uraufgeführt, wo er seit Jahren studierte. Die Beeinflussung des jungen Italieners durch den großen Österreicher ist akustisch nicht zu leugnen, und dass sie auf innerer Verwandtschaft basierte, wird auch biographisch klar – als Dirigent hat sich Casella stets und mit Erfolg für das Werk Mahlers eingesetzt.

Im Gegensatz zu Mahlers Ruhm wurde Casellas 2. Sinfonie zu seinen Lebzeiten nicht einmal gedruckt, die Wiederentdeckung ließ bis auf unsere Tage auf sich warten. Aber die Aufnahme, die das fabelhafte Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Fabrizio Ventura vorlegt (gebürtiger Römer, dem es große Genugtuung bereiten muss, einem Landsmann zu seinem Recht zu verhelfen), bestätigt berechtigtes Interesse an einen in unseren Breiten nicht präsenten Komponisten.

Auch wenn der Beginn – dunkle Pauken, über denen nach Sekunden Glockentöne schweben – geradezu „Mahler!“ ruft, wird man schnell in eine eigene Musiksprache hineingezogen. Sie ist so effektvoll, so abwechslungsreich, dass man als Zuhörer regelrecht neugierig ist, wie es weiter geht, wie sich das musikalische Gewebe entwickelt, entrollt, in teils gewaltigen Steigerungen zu immer wieder neuen dramatischen Wendungen findet (dass Casella  Wagner kannte und liebte, ist immer wieder herauszuhören, aber auch die Russen irrlichtern manchmal durch seine Musik).

Es ist kein negatives Urteil, wenn man manchmal meint, Bilder vor sich zu sehen – Filmmusik vom Besten, für ganz Spektakuläres (Sophia Loren fällt Marcello Mastroianni in die Arme?), aber das sagt nur jemand, der gute Filmmusik sehr schätzt. Man versteht auch, dass Wikipedia Casellas Popularität in Italien betont und seinen „typisch italienischen Nationalstil“ lobt. So viele Sinfonien sind von Italienern ja nicht geschrieben worden, die bekanntlich in der Oper daheim sind.

Nach den vier Sätzen der immer so drängend spannenden Sinfonie gibt es als „Draufgabe“ noch Sinfonische Fragmente aus Casellas Oper „La Donna Serpente“: Er hat das Stück von Carlo Gozzi zu einer „großen Oper“ gestaltet, die 1932 in Rom uraufgeführt wurde, ohne es in das Repertoire der Opernhäuser zu schaffen. Der sinfonische Extrakt, den Casella daraus zog, um etwas von seiner Musik zu retten, bewirkt immerhin, dass man auf die Oper selbst neugierig wäre…

Nehmen wir Casella seine Neigung zu prächtigen Effekten nicht übel: Auch „prunkvolle“ Musik hat ihre Berechtigung (siehe Mahler…) – und freuen wir uns über seine Entdeckung für Hörer in unseren Breiten.

Renate Wagner

 

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