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ALAIN ALTINOGLU: Es geht darum, was Berlioz gewollt hat

24.09.2018 | Dirigenten, INTERVIEWS

 

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Alain Altinoglu. Foto: Wiener Staatsoper

 

Es geht darum, was Berlioz gewollt hat

Für Alain  Altinoglu war es so wichtig, einmal die „Trojaner“ zu dirigieren, dass er sich – was er sonst nicht tut – „Opern-Urlaub“ von „seinem Haus“, dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, genommen hat. Alles an der Wiener Arbeit macht ihn glücklich, das Orchester, die Inszenierung und vor allem seine phantastischen Hauptdarstellerinnen

Von Renate Wagner

Monsieur  Altinoglu, die „Trojaner“ von Berlioz begegnen einem nicht alle Tage?

Nein, und ich war ganz enthusiasmiert, dieses wichtige Werk endlich dirigieren zu können. Als ich 2016 die Stellung als Generalmusikdirektor in Brüssel übernommen habe, habe ich alle meine Opernengagements – Met, Covent Garden – abgesagt, nur Wien nicht. Weil mir diese Oper so wichtig ist. Auch weil sie so schwierig ist – der Chor, die vielen Solisten, die Ballett-Passagen, die vier verschiedenen Orchester, eines im Graben, drei auf der Bühne, dazu die gewaltige Ausstattung … es ist eine ganz große Sache.

Die Staatsoper kündigt an, dass der Abend fünf Stunden dauern wird, das kommt ja in die Nähe der „Götterdämmerung“. Aber insofern kann man vermuten, dass Sie nichts gestrichen haben?

Grundsätzlich gar nichts, eine kleine Wiederholung in einem Ballett. Ich weiß, dass die „Trojaner“, wenn beide Teile gleichzeitig aufgeführt werden, was ja derzeit so gut wie immer geschieht, oft gestrichen werden, auch bei dieser Inszenierung hat der Dirigent in San Francisco einiges herausgenommen – ich kann das einfach nicht verstehen. Das Werk ist so kostbar.

Und so gigantomanisch, dass Berlioz selbst es zu Lebzeiten nie ganz auf der Bühne gesehen hat…

Ja, er hat nur den zweiten Teil erlebt, und da hat er dann aufgrund der Erfahrung der Aufführung einiges geändert. So sind heute die Rollen von Priamus und Helenes sehr klein, die waren ursprünglich größer, er hat sie gestrichen. Ich habe ein Faksimile seiner ursprünglichen Partitur, damit man auch wirklich weiß, was Berlioz selbst wollte. Es berührt mich immer, wenn er in den ersten Teil geschrieben hat: „Für meine Cassandre, die ich nie in meinem Leben hören werde.“ Und es beruhigt mich zu wissen, dass die damals so berühmte Pauline Viardot in einem Konzert die Cassandre-Passagen gesungen – und er sie folglich doch gehört hat. Jedenfalls gibt es, anders als bei „Carmen“, für die „Trojaner“ eine komplette Fassung aus der Hand von Berlioz, und daran halte ich mich.

Wie lange arbeitet man daran, sich eine solche Partitur anzueigenen?

Nun, ich habe die „Trojaner“ zwar noch nie dirigiert, aber sie sind mir seit dem Studium nicht fremd, sie sind ein Stück französischer Kultur und Tradition. Auch habe ich als Korrepetitor gearbeitet und manchen Sängern bei der Erarbeitung von Cassandre, Dido oder Enée geholfen. Das ist ein bisschen wie bei meinem überraschenden Debut mit „Carmen“ an der Met in New York gewesen: Ich hatte sie nie dirigiert, hatte auch keine Probe mit dem Orchester, und es hat doch funktioniert, weil ich das Werk einfach aufgrund meines Studiums und meiner Laufbahn so gut kannte. Mit den „Trojanern“ ist es fast ähnlich, und dann schafft man die Erarbeitung einer solchen Riesenpartitur in einem Jahr.

Aber das ist ja nun nicht, als ob man für „Aida“ oder „Traviata“ ans Pult geht, die letzte Wiener Aufführung der „Trojaner“ ist ziemlich genau 42 Jahre her (damals mit Christa Ludwig als Dido), da sitzt nicht ein Musiker unten, der das gespielt hat.

Ja, aber es sind die Wiener Philharmoniker…

Sie haben zwei außerordentliche Hauptdarstellerinnen, sind Sie den Damen in der Arbeit schon begegnet?

Ja, Anna Caterina Antonacci mehrfach, ich habe mit ihr „Falstaff“ in Paris gemacht und zuletzt „Werther“ in Barcelona mit Beczala als Partner. Mit Joyce DiDonato ist es die erste Zusammenarbeit – es ist auch ihre erste Dido auf der Bühne übrigens – , und ich bin mit beiden Damen extrem glücklich, weil sie so ein vorzügliches Französisch sprechen, Anna Caterina hat ja viele Jahre ihres Lebens in Frankreich und der französischen Schweiz verbracht, und auch Joyce hat eine hervorragend klare Aussprache. Und das ist ganz wichtig, denn Berlioz hat ja – wie Richard Wagner – sein Libretto selbst geschrieben, jahrelang „gedichtet“, bevor er es komponiert hat, die Worte waren ihm also extrem wichtig und sollten es auch für uns sein. Also – die „two girls“ sind einfach great und auch so verschieden, Anna Caterina wie die griechische Tragödie selbst, Joyce die liebende Königin, als Dirigent kann einem nichts Besseres passieren.

Und was sagen Sie zu der Inszenierung von David McVicar?

Nun, wir sind ja in Brüssel bekannt für unsere „modernen“ Produktionen, und dazu stehe ich auch. Aber ich muss sagen, ich bin sehr froh, dass meine ersten „Trojaner“ in dieser Form stattfinden. Es gibt doch viele Regisseure, bei denen man das Gefühl hat, dass sie ein Werk verraten. David McVicar hält die wahre Beziehung der Figuren aufrecht, ja, er folgt den Angaben von Berlioz bis ins Detail, und wie viele Regisseure tun das heute noch? Ich bin froh, dass die Oper in ihrer wahren Größe hier auf der Bühne steht, mitsamt dem Trojanischen Pferd, dem Ballett und allem Drum und Dran.

Eine private Frage: Was macht man, wenn man so eine Oper dirigiert, wo der Dirigent der einzige überhaupt ist, der in all den Stunden nicht eine Sekunde „auslassen“ darf, in den Pausen?

Das ist so verschieden, das kann ich gar nicht sagen. Es kann sein, dass ich etwas esse, dass ich mich hinlege, dass ich eine Dusche nehme – in Bayreuth kommt man so klatschnaß aus dem Orchestergraben, dass das wirklich nötig wird – oder auch dass ich zur Entspannung Klavier spiele. „Zuhause“ in Brüssel ist man immer im Dienst, da wird man auch in Vorstellungspausen mit allen möglichen Fragen des Betriebs konfrontiert.

Womit wir bei Brüssel sind. Sie haben früher einmal gesagt, Sie wollten einfach ihr eigenes Haus – jetzt haben Sie es. Sind Sie glücklich?

Wie man es nur sein kann. Das hat mit der Arbeit mit dem Orchester zu tun – als Gastdirigent profitiert man von der Arbeit der dort Verantwortlichen, das war an der Met Levine, in London Pappano, wer immer, und in Wien hat man die Wiener Philharmoniker. Aber es geht darum, mit dem Orchester selbst etwas zu erarbeiten und auch den Spielplan und die Besetzungen mitzubestimmen. Ich dirigiere pro Saison drei Opern in Brüssel und versuche immer, ein „gemischtes“ Repertoire zu bieten, da wir ja ein Stagione-Haus mit jeweils nur sieben Werken sind. Ich werde in Brüssel nach den Wiener „Trojanern“ dann „Don Pasquale“, „Tristan und Isolde“ und „Zar Saltan“ von Rimski-Korsakow dirigieren. Die Regisseure bestimmt unser Intendant Peter de Caluwe, der es, wie gesagt, gerne „modern“ hat, aber in musikalischen Dingen bin ich zuständig. Und immer wieder kommen zu uns berühmte Sänger, die gerne eine Rolle ausprobieren wollen und das lieber an einem kleineren Haus tun.

Und Sie sind ja auch ein Mann, der sich explizit für die Moderne erklärt – und das in dem Beethoven-Zyklus aktiv kundtut?

Ja, ich dirigiere auch Konzerte, ich habe für diese Spielzeit die neun Symphonien von Beethoven auf den Spielplan gesetzt (das heißt acht, die „Neunte“ hatten wir schon im Juni) und für jedes Konzert ein modernes Werk bestellt. Wir vergessen zu gerne, dass in der Zeit Beethovens und davor das Publikum eigentlich hauptsächlich zeitgenössische Musik gehört hat, dass damals auch Beethoven seine Zuhörer verstörte. Dass man mit einem „klassischen Repertoire“ lebt, ist erst später ein Phänomen geworden. Und darum habe ich zu den jeweiligen Beethoven-Programmen von heutigen Komponisten Werke bestellt, die möglicherweise einen Bezug haben – Richard Dubugnon war ganz begeistert, dass ihm etwas zur „Eroica“ einfallen sollte, und er hat uns „Tombeau de Napoléon, for solo trombone and orchestra, op.81“ geschrieben, also für Posaune und Orchester. Denn jedes Werk soll ein Soloinstrument in den Mittelpunkt stellen, und dazu laden wir keine Gäste, sondern lassen sie von unseren Orchestermitgliedern interpretieren, damit das Publikum sieht, dass hier Individuen sitzen und nicht das Kollektiv, das sie hören. Die anderen Komponisten komponieren für Klarinette (Mauricio Sotelo), für Harfe (Wim Henderickx) und Cello (Bernard Foccroulle) – und wir haben auch neue Opern bei Ihnen bestellt.

Mit „Tristan und Isolde“ gehen Sie ja entschlossen auf Ihrem Wagner-Weg weiter – Sie haben den „Fliegenden Holländer“ in Zürich, „Lohengrin“ in Brüssel und Bayreuth (noch den „Ratten“-Lohengrin) gemacht, jetzt kommt „Tristan“. Ehrlich – hat man nie, vielleicht unter vorgehaltener Hand, gesagt: Kann der Franzose das?

Aber natürlich. Es ist mir nur lieber, sie sagen es vorher – und nachher sagen sie: Er kann es. Und glauben Sie mir, bei uns in Frankreich sind die Vorurteile nicht geringer, wenn da ein Deutscher kommt und will „Faust“ dirigieren, gibt das allerlei Gemurmel. Ich hatte beim Studium einen Kollegen, der mit Wagner nicht zurecht kam, dem regelrecht körperlich übel wurde bei dieser Musik. Ich hingegen war Wagner immer ganz nahe, ich fühle mich phantastisch, wenn ich seine Musik dirigiere. Nach dem „Tristan“ kommt dann noch „Parsifal“, die Wiederaufnahme einer Castellucci-Inszenierung, und von 2023 bis 2025 gibt es dann in Brüssel einen neuen „Ring“. Nur die „Meistersinger“ sind so aufwendig, dass ich nicht weiß, ob wir sie uns in Brüssel leisten können. Wir haben wenig Geld. Aber dafür haben wir viele Ideen.

Werden Sie 2025 noch Musikdirektor in Brüssel sein?

Einstweilen wurde mein Vertrag bis 2021 verlängert, und wenn alles gut läuft…

Dann wünschen wir Ihnen nur das Allerbeste, erst für die „Trojaner“ und dann für Ihre Arbeit am La Monnaie.

 

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