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AGNETA EICHENHOLZ: Berg und Strauss haben für mich komponiert!

22.11.2017 | INTERVIEWS, Sänger

Agneta sitzt 1~1
Foto: Wagner

AGNETA EICHENHOLZ

Berg und Strauss haben für mich komponiert!

Agneta Eichenholz lässt sich unbeschwert auf dem Sofa ihrer Staatsopern-Garderobe nieder: Die „Lulu“-Probe war anstrengend, da wirft sich die unkonventionelle Schwedin für das Interview mit dem Online Merker nicht in Pose. Und redet auch wunderbar frei von der Leber weg – und hat am Ende gar nichts gegen ein Foto in ihrer gemütlichen Position.

Das Gespräch führte Renate Wagner in englischer Sprache

Frau Eichenholz, wir kennen Sie aus dem Theater an der Wien, aber die Ellen Orford im „Peter Grimes“ ist keine Rolle, die sonderlich im Zentrum steht – die Lulu hingegen schon. Kann man sagen, dass die Lulu 2009 in London Ihr Durchbruch war?

Ich denke schon. Christof Loy, mit dem ich davor öfter zusammen gearbeitet hatte, schlug mich vor, ich hatte neun Monate, die Rolle zu lernen, und das war kein Tag zu viel. Und ich muss sagen, dass die Arbeit in Covent Garden die schönste Erinnerung meines Lebens ist – wie Christof Loy und Antonio Pappano gemeinsam alles getan haben, um für mich da zu sein und mir zu helfen, mit diese Figur wirklich etwas Besonderes zu erarbeiten. Das sollte es öfter geben, ist aber leider nicht die Regel im Opernbetrieb.

Es gibt diese „Lulu“ auch auf DVD, sind Sie damit zufrieden?

Natürlich bin ich heute die bessere Sängerin, habe auf der Bühne viel mehr Erfahrung, ich kann auch besser Deutsch –ich habe zwar auch damals verstanden, was ich gesungen habe, aber mittlerweile habe ich viel in Deutschland gearbeitet und fühle mich in der Sprache sicherer. Aber, ehrlich gesagt, bin ich sehr stolz auf das, was uns damals gelungen ist.

Hier in Wien ist es bereits die dritte „Lulu“-Produktion Ihrer Karriere,, jedes Mal mit sehr verschiedenen Regisseuren, aber jedes Mal – was ja nicht die Regel ist – mit dem von Friedrich Cerha fertig komponierten dritten Akt. Unterscheiden sich Ihre Lulus von einander?

Zum dritten Akt kann ich nur sagen, dass ich das Werk gar nicht anders kenne, dass es also für mich selbstverständlich ist, dass es ihn gibt – und da wir ja nicht wissen, was Berg komponiert hätte, ist Cerha natürlich eine sehr gute Lösung. Was die Lulu betrifft, so bleibt meine Figur im Grunde so, wie ich sie in London mit Christof Loy erarbeitet habe, die Inszenierung wurde dann noch in Madrid gezeigt. Die Produktion von William Kentridge, die ich vor gar nicht allzu langer Zeit in Rom gesungen habe, war optisch ganz anders und auch sehr interessant. Hier in Wien ist Willy Decker ein wirklich freundlicher Regisseur, von ihm geht regelrecht Wärme aus, glücklicherweise, sonst würde man den Streß, diese Partie wieder zu erarbeiten, gar nicht durchstehen. Aber letztendlich ist Lulu für mich immer dieselbe Frau, die ich gar nicht über-psychologisieren möchte – ich finde es gut, wenn das Publikum selbst entscheiden kann, was es in ihr sieht.

Sie geht ja nun ziemlich rücksichtslos und zerstörerisch durchs Leben…

Lulu reagiert auf ihre Umwelt und versucht zu überleben. Ich finde es so interessant, dass diese Produktion mitten in die #metoo-Diskussion gerät. Bei uns in Schweden hatten so gut wie alle Sängerinnen etwas dazu beizutragen, ich auch. Man muss dabei gar keine Namen nennen, aber dergleichen ist jeder von uns passiert. Jetzt ist wirklich die Zeit gekommen, das zu überdenken und zu ändern, dass es nicht mehr zu dem Missbrauch von Machtpositionen kommt. Und es ist seltsam, die Lulu zu spielen – die Frau, die auf diese besitzergreifende Männerwelt reagiert. Dabei tut sie es instinktiv, sie plant nicht. Es ist kein Rachefeldzug gegen die Männer, es kommt bei ihr aus fast animalischen Regungen.

Lulu gilt ja auch als besonders schwer zu singen.

Ich liebe sie! Für mich ist sie ein ultimativer Gipfel dessen, was von einer Interpretin verlangt wird, weil das Spielen und das Singen dermaßen verzahnt ist. Die Rolle jetzt in Wien zu singen, ist für mich eine große Sache – allerdings erhöht ein Haus wie die Wiener Staatsoper für mich den Druck auch gewaltig…

Die Rolle liegt sehr hoch, sehr dramatisch, darum verwundert es ein bisschen, dass Sie etwa auch eine so lyrische Partie wie Zdenka im Repertoire haben, die in allem das Gegenteil von Lulu erscheint…

Das hat mit meiner Vorliebe für Richard Strauss zu tun – Berg und Strauss sind die Komponisten, die für mich geschrieben haben, so empfinde ich es zumindest. Darum möchte ich künftig auch in der Oper sehr viel Strauss singen – seine sämtlichen Lieder habe ich mittlerweile gelernt und singe sie auch oft in Liederabenden. Ich denke, ich muss noch mehr Berg-Lieder lernen und die beiden in einem Programm kombinieren… Aber tatsächlich habe ich noch nicht einen Bruchteil dessen von Strauss gesungen, was ich noch ins Repertoire nehmen möchte.

Für Ihre Daphne haben Sie ja triumphale Kritiken erhalten.

Daphne! Das ist eine meiner Lieblingsrollen, ich habe sie in Basel und Hamburg gesungen. Dass das Stück ausgerechnet jetzt in Wien im Repertoire ist, wo ich als Lulu beschäftigt bin…! Im Moment besteht mein Strauss-Repertoire nur aus ihr und Zdenka, die irgendwann der Arabella weichen wird. Die Salome würde ich natürlich auch gerne machen… Und wohl die Ariadne, aber man hält mich immer noch für einen Koloratursopran wie in meinen Anfängen, man hat mir bisher nur die Zerbinetta angeboten, und die liegt mir zu hoch. Und irgendwann einmal die Marschallin… Strauss ist ja wirklich nicht arm an wunderbaren Rollen.

Wagner spielt in Ihrem Leben seltsamerweise kaum eine Rolle. Kann man also nicht erwarten, dass Sie – aus Malmö kommend, in Stockholm ausgebildet und begonnen habend – in der Tradition großer Schwedinnen wie Birgit Nilsson oder Nina Stemme einmal Wagner-Stahl in Ihrer Stimme präsentieren? Mit Freia und Eva sind Sie ja noch vergleichsweise „harmlos“ unterwegs?

Um Gottes Willen, nie würde ich mich nur in der Nähe solcher Sängerinnen denken, und sicher nicht in deren Repertoire! Die Elsa und die Elisabeth könnte ich mir höchstens noch vorstellen, aber keinen Schritt weiter bei Wagner. Allerdings soll man niemals nie sagen… Aber nein, es soll künftig gerne Strauss sein und einzelne schöne Rollen wie etwa die Alcina. Und im übrigen möchte ich, was jeder Opernsänger möchte – mit guten Dirigenten, guten Regisseuren und guten Kollegen gut zu arbeiten…

Dabei scheuen Sie ja keinerlei Schwierigkeiten, denn diese sind ja gegeben, wenn man sich auf die zeitgenössische Oper einlässt. Sie haben vor nicht allzu langer Zeit in zwei Uraufführungen von Lorenzo Scartazzini mitgewirkt, in „Der Sandmann“ in Frankfurt und in „Edward II.“ in Berlin…

Die Moderne hat eine eigene musikalische Sprache, die auch die menschliche Stimme gern in Extreme führt, aber das interessiert mich sehr. Es ist sicherlich sehr schwierig, auch weil man gar keine Möglichkeit hat, irgendetwas zu recherchieren – dafür kreiert man etwas ganz Neues. Und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Manfred Trojahn, denn er möchte mit mir, gewissermaßen auch für mich, eine Euridice-Oper schreiben. Wir werden uns im Dezember zusammen setzen, und dass man an etwas mitwirken kann, das im Entstehen ist, finde ich großartig.

Frau Eichenholz, Ihre Karriere führt Sie mittlerweile heftig in Europa herum, Sie kommen aus Rom, gehen weiter nach Gent und Antwerpen – mit Ihrer ersten Vitellia übrigens -, davor waren Sie in Berlin, in Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Bochum, Basel, Zürich, Amsterdam… Wo leben Sie eigentlich?

Wenn ich zuhause bin, dann in Stockholm mit meinem Mann Mika Eichenholz, mit dem ich seit 18 Jahren verheiratet bin. Er ist Dirigent, und ich verdanke es ihm, dass ich Wien gut kenne, denn er hat hier des öfteren gearbeitet, etwa mit dem Schönbrunner Schloß-Orchester. Dadurch haben wir auch in Wien viele Freunde. Aber er ist auch überall in der Welt unterwegs, gerade kommt er aus Buenos Aires, wo er ein Konzert im Teatro Colon dirigiert hat, und jetzt wird er mit mir in Wien sein.

Hilft es, wenn zwei Musiker miteinander verheiratet sind?

Insofern, als man Verständnis für den Beruf des anderen hat. Aber wir arbeiten nur zusammen, wenn wir gemeinsam Konzerte geben – im übrigen reden wir gar nicht über Musik und wollen auch gar keine hören, wenn wir zusammen zuhause sind. Musik ist unser Beruf, das ist wahrhaftig stressig genug – aber ich liebe es einfach zu singen…

 

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