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70 Jahre Berlin Classics

11.10.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

CD Brahms Berlin Classics  CD Schuimann Tschaikowsky

Jubiläumsedition
70 Jahre Berlin Classics:
Referenzen des Backkatalogs
auf CDs und LPs remastered wieder veröffentlicht

Berlin Classics wurde im Jahr 1947 gegründet und ist Symbol der Klang gewordenen Geschichte des geteilten und vereinten Deutschland/Berlin. Der Widerstandskämpfer und Kommunist Ernst Albert Busch gründete die Lied der Zeit Schallplatten- Gesellschaft mbH in der sowjetischen Besatzungszone. 1953 wird aus dem „Lied der Zeit“ die verstaatlichte VEB Deutsche Schallplatten Berlin. Innerhalb dieses staatseigenen Betriebs war Eterna das Label für klassische Musik mit über 5.000 Veröffentlichungen ab seiner Gründung bis zur Wende. Ein großer LP-Katalog entstand, heute ein reicher Fundus mit Produktionen auf erstaunlichem Niveau – klanglich und künstlerisch. Heute gehören die Rechte am Klassikrepertoire der Edel AG.

Die akustische Legacy des Labels erzählt auch die Geschichte der technischen Entwicklungen von der Schallplatte zu High-Resolution Audio-Datei. Die zahlreichen teils mythisch gewordenen DDR-Künstler samt ausländischen Gästen trugen zum unverwechselbaren Profil bei. Damals halfen ausländische Gäste, neue Märkte zu erschließen und Valuten in die Kasse für dringende Anschaffungen von technischer Ausrüstung und Material zu spülen.

Erstmals seit fast 70 Jahren werden nun Referenzen dieses klingenden Erbes in einer auch optisch neu designten Serie auf den neuesten technischen Stand gebracht. Die Aufnahmen werden als analoge Vinyl, CD-Remaster und High-Resolution Audio-Dateien auf den Markt gebracht. „Die Verlängerung der Vergangenheit in die Zukunft“ sozusagen.

Zwei Aufnahmen habe ich Probe gehört: Die Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der musikalischen Leitung von Franz Konwitschny und das Cellokonzert a-Moll / Rokoko-Variationen / Cellosuiten Nr. 1 & 2 von Robert Schumann / Pjotr I. Tschaikowski / J. S. Bach mit Jürnjakob Timm, dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur. Beide Titel sind sowohl als LP als auch als CD erhältlich.

Die Erste Brahms ist eine meisterliche Aufnahme geworden. Der in der Rezeption noch immer unterbewertete Franz Konwitschny sorgt mit strenger Hand und großem Herz für eine ausgewogene romantisch-klassische Lesart. Bei aller Liebe zum Detail stimmen die großen Bögen bei hoher Innenspannung. Die hohe Klangästhetik ist auch dem Luxusklangkörper des Leipziger Gewandhausorchesters zu danken. In ihrer Kategorie ist diese 1962 wenige Wochen vor Konwitschnys Tod entstandene Aufnahme tatsächlich Referenz.

Nicht so die Schumann/Tschaikowski/Bach CD unter Kurt Masur. Hier ist die musikalische Leitung zu undifferenziert und lau, die Dynamik klingt nivelliert und das Orchester tritt in der Aufnahmebalance zu sehr hinter das Cello zurück. Die CD lohnt allerdings wegen des Ausnahmerangs des Cellisten Jürnjakob Timm, lange Jahre erster Solocellist des Gewandhausorchesters Leipzig und Mitglied des Gewandhausquartetts. Timm als fantastischer Poet seiner Zunft verfügt über einen lyrisch edlen, runden Ton. Er lässt sein Instrument aussingen, das Legato der Kantilenen ist exzeptionell, die Klangkultur bestechend. Die jetzt wieder auf den Markt kommende Aufnahme markierte seine Orchester-Debüt-LP für Eterna und hat auch deshalb historischen Wert. Ergänzt werden die beiden konzertierenden Werke durch die Cellosuiten Nr. 1 und 2 von J.S. Bach.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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