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WIEN / MusikTheater an der Wien: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Spuk in Vaters Bibliothek

04 hollaender (c) matt chias baus 16 kl~1
Fotos: ©Matthias Baus

WIEN / MusikTheater an der Wien: 
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER von Richard Wagner
Eine Produktion des Theaters Basel
Premiere:  17. Oktober 2026 

Spuk in Vaters Bibliothek

Das kommt vom vielen Lesen. Herr Daland ist offenbar nicht nur ein reicher, sondern auch gebildeter Herr und verfügt über eine überwältigende Bibliothek. Von dort ist Töchterchen Senta, im weißen Unterkleid, nicht wegzukriegen. Sie versteckt sich auch gern, wie Kinder es tun, unter dem Tisch, denn vor allem hütet sie ein Riesenbuch. Und das erzählt ihr offenbar die Geschichte vom Fliegenden Holländer…

Regiekonzepte sind keine Frage der Willkür, sondern der Intelligenz. Wenn Philipp Stölzl eine wirklich fabelhafte Idee zu Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ realiseierte, dann hat dergleichen kein Ablaufdatum. Schon 2009 in Basel kreiert, haben inzwischen bereits Barcelona (2017) und Berlin (2023) diese Inszenierung nachgespielt, und das MusikTheater an der Wien hat mit dieser Aufführung vorzüglich eingekauft. Denn sie zeigt, wie man in ein Werk viele zusätzliche Ebenen einziehen kann, ohne es zu zerstören, im Gegenteil: Es wird bereichert. (Selbst dass die Mädchen, die sonst im zweiten Akt spinnen sollten, hier Dalands Haus putzen, und dass Frau Mary mit Reitpeitsche eine strenge Gouvernante ist, passt ins Konzept).

Dalands Bibliothek ist der Rahmen für die drei Akte des pausenlosen Werks. Und wie jeder Leser, der je fasziniert in einem Buch gelebt hat, weiß, kann due Fiktion geradewegs in die Realität hinein marschieren. Wenn Dalands Bibliothek auf der Hinterwand eine riesige Landkarte hat, so wird diese zu Theater auf dem Theater, das ist eine zweite Bühne (mit vielen Möglichkeiten auch der Projektionen), da stolpern die Figuren der Geschichte direkt in die Bibliothek, wo der Holländer dann „Die Frist ist um“ in einem noblen Fauteuil singt. Doch Sentas Phantasien um den Holländer spielen sich (mit einem Senta-Double) auf der zweiten Bühne ab – und all das ist parallel fabelhaft strukturiert.

Natürlich ist der Fokus auf Senta nicht neu. Niemand, der sie gesehen hat, wird Harry Kupfers Bayreuther Inszenierung vergessen, in der sie vollkommen auf das Bild des schwarzen, gekreuzigten Mannes (damals Simon Estes) fixiert war und die ganze Handlung zwischen Realität und Phantasie schwankte.

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Ähnlich sieht Stölzl die Sache – Sentas Traum vom Holländer ist eines, die bürgerliche Realität, in die man sie hineinzwingt, ein anderes. Dabei gibt es Zitate (wenn man Senta ein Mieder umlegt, um sie mit einem braven blauen Kleid zur ebenso braven Tochter zu machen, erinnert das an die Szene, wie Mammy Sclarlett O’Hara im „Von Winde verweht“-Film zu einer Wespentaille zwingt – und hat der Holländer tatsächlich rechts einen Haken anstelle der Hand, wie Kapitän Haken in Peter Pan?)

Und es gibt Pointen – wenn Daland den „Holländer“ zu Senta bringt, ist das ein alter Mann mit Schnauzbart und Kniehosen und einem albernen grauen Hut, die Parodie eines hässlichen Bürgers, und man fasst es als Zuschauer nicht – um dann schnell zu begreifen, dass der wahre Holländer mit der gedachten Senta (ihrem Double) die Szene singt, in der sie sich annähern…

Im dritten Akt, wo das Volk im Zwielicht in die Bibliothek einsickert, ist man nicht sicher, warum Senta auf einem mit einem Schwert um sich schlägt. Man könnte meinen, sie braucht es für eine Art Harakiri, weil ja weit und breit kein Meer ist, in das sie sich stürzen kann, aber nein, sie schneidet sich die Pulsadern auf und sticht sich dann noch ins Herz. Schöne Parallele – während solcherart der Hollländer und die Double-Senta ein unverhofftes Happyend feiern, wirft sich Erik, der Senta offenbar wirklich geliebt hat, über ihre Leiche. Zwei Liebespaare. Und die Welt der Bürgerlichkeit und der schwarzen, leidenschaftlichen Phantasie perfekt nebeneinander ung gegeneinander gestellt.

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Senta muss, da sie am Ende ihr Leben für die Fiktion opfert, eine Hysterikerin sein, und das macht die Kanadierin Amber Braid mit flackerndem Blick und nie nachlassender Intensität vorzüglich. Zudem verfügt sie über einen starken Wagner-Sopran, der bis zum letzten Ausbruch durchhält. Alles dreht sich um sie.

Weniger Begeisterung erregte die weitere Besetzung: Die Bass-Baritone Jordan Shanahan als Holländer und Wilhelm Schwinghammer (viel zu jung und gut aussehend für den alten Daland) verfügen leider über ziemlich flache, trockene Stimmen, die forciert werden müssen, um wenigstens ein bißchen was her zu machen. Der eher schwammige Tenor Cameron Becker trug weniger zu seiner Leistung bei als seine darstellerische Emotionalität. Es hat Aufführungen gegeben, da sind Mary (Ieva Prudnikovaite) und der Steuermann (James Ley) überzeugender ausgefallen. Vorzüglich wie immer der Arnold Schoenberg Chor (Leitung: Erwin Ortner), aber auch Robert Jindra am Pult der Wiener Symphoniker konnte kein musikalisch herausragendes Ereignis bieten.

Aber als Theaterabend hat dieser „Holländer“ Faszinierendes geboten. Wie gesagt: Regiekonzepte sind keine Frage der Willkür, sondern der Intelligenz.

Reate Wagner

 

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