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Gespräch mit Thomas Birkmeir

„Wer bei allen beliebt ist, hat zu wenig gewollt"

thomas birkmeir ist ein deutscher regisseur, autor, schauspieler und intendant.

Thomas Birkmeir ist ein deutscher Regisseur, Autor, Schauspieler und Intendant.

„Wer bei allen beliebt ist, hat zu wenig gewollt“

Mit Ende Juli ist der Vertrag von Thomas Birkmeir als Direktor des Theaters der Jugend in Wien ausgelaufen. Er hat diese Institution das letzte Vierteljahrhundert lang geleitet, ihr Profil geschärft und damit einen wichtigen Beitrag zur Wiener Theaterszene geliefert. In Zahlen bedeutet das: 194 Produktionen, darunter 58 Uraufführungen, 26 österreichische Erstaufführungen, 18 deutschsprachige Erstaufführungen sowie 4 europäische Erstaufführungen. Es kamen in diesem Zeitraum rund 6,1 Millionen Besucher, und Thomas Birkmeir hat ausgerechnet. „damit hätte man 122 Mal das Kolosseum in Rom füllen können“, als es noch ganz war…

 Gespräch mit Thomas Birkmeir
Aufgezeichnet von Renate Wagner

 Wir haben mit Thomas Birkmeir zum Abschied gesprochen und ihn  um einen Rückblick gebeten. Wenn man sich nach so langer Zeit verabschiedet, tut man dies ja mit dem sprichwörtlichen „lachenden und weinenden“ Auge.

 Lachend, weil ich mich auf die Zukunft freue und auf alles, was sich noch erfüllen soll – ich hoffe, mir bleibt noch die Zeit für vieles davon. Lachend aber auch, weil ich eine Last ablege: einen 24/7-Job, in dem man ohne Unterlass Spielpläne erfinden muss, in dem alles, was man tut, im Licht der Öffentlichkeit steht und für ein Privatleben kaum Zeit bleibt.

 Allerdings erinnert dieser Rückblick auch an eine Arbeitslast, die man sich als Außenstehender kaum vorstellen kann.

 Es ging in einem Vierteljahrhundert, in dem ich das Theater der Jugend geleitet habe, zum Beispiel darum, allein tausendsechshundert meist junge Darstellerinnen und Darsteller zu finden und zu fördern, weiters für so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in all den Abteilungen und beiden Häusern, dem Renaissancetheater und dem Theater im Zentrum,  verantwortlich zu sein, mit einem gegebenen – und chronisch unterdotierten – Budget Qualität zu garantieren: Leicht war das nie. Aber des Kämpfens wert.

 Und doch, wenn man 25 stürmische, turbulente und dabei auch so erfolgreiche Jahre hinter sich hat, dreht man sich nicht um und geht weg. Das „weinende Auge“ bleibt?

 Natürlich, weil es schlichtweg riesigen Spaß gemacht hat, zusammen mit Gerald Maria Bauer, der mich diese fünfundzwanzig Jahre als Chefdramaturg begleitet hat, ein Haus wie das Theater der Jugend zu führen. Mehrere Generationen junger Zuschauerinnen und Zuschauer und die Erwachsenen, die sie begleitet haben, mit unseren Stücken davon zu überzeugen, dass Humanismus keine Sonntagsrede ist, sondern eine realisierbare Form des Zusammenlebens.

 Tatsächlich hat Thomas Birkmeir „ideologisches“ Theater gemacht, wenn auch nicht im Sinn der heutigen Themen, sondern anhand gültiger Denk- und Verhaltensweisen.

 Was wir zeigen wollten, und das für alle Altersstufen –

das war Mündigkeit nach Kant, Zivilcourage, die Grundpfeiler der Demokratie – uns ging es darum, diese Werte als Lebensmöglichkeiten anzubieten, in sehr vielen eigenen Stückentwicklungen, damit sie in den Vorstellungswelten unseres Publikums Platz finden. Dass all unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran mitgebaut haben, war das eigentliche Glück. Das werde ich schon sehr vermissen.

 Thomas Birkmeir neigt nicht dazu, etwas zu beschönigen. Tatsache ist, dass er gegen Ende seiner Direktionszeit – wie mancher Kollege in vergleichbarer Position – Ziel öffentlicher Vorwürfe wurde. Vor allem war von einem „autoritären Führungsstil“ die Rede. Zu einzelnen dieser Darstellungen sind inzwischen Richtigstellungen erschienen: eine redaktionelle im „Falter“ vom 31. August 2025, eine weitere vom Autor des ursprünglichen Beitrags im Juli 2026.

 Das ist vielleicht ein Preis, den man zahlen muss. Wer Inhalte und Visionen um- und durchsetzen will, kann nicht bei allen gleichermaßen beliebt sein – und wer es doch ist, hat vermutlich zu wenig gewollt. Ich kann damit leben. Was Menschen über mich denken, die mich nicht kennen, war mir nie wichtig genug, um mich davon abhängig zu machen.

 Immerhin hat auch Thomas Birkmeir erfahren, dass man in schwierigen Zeiten, wenn man mit Anschuldigungen überschüttet wird, erst die Menschen um sich richtig kennen lernt…

 Was mir in dieser Zeit am meisten bedeutet hat: Große Teile der Belegschaft haben sich unaufgefordert und in einem öffentlichen Brief hinter das Haus und hinter mich als ihren Direktor gestellt – und mit ihnen viele Künstlerinnen und Künstler, die über die Jahre bei uns gearbeitet haben. Menschen, die täglich mit mir zu tun hatten, und Menschen, die längst woanders sind und nichts davon hatten, sich zu äußern. Das war die klare Antwort derer, die es beurteilen können, auf die Frage, welche Atmosphäre unter meiner Leitung im Theater der Jugend tatsächlich geherrscht hat. Die Vorwürfe weise ich nach wie vor zurück.

 Es gibt natürlich die billige Weisheit „Kein Rauch ohne Feuer“. Auch Thomas Birkmeir hat sich gefragt, woher die Anschuldigungen plötzlich gekommen sein mochten.

Dass es in fünfundzwanzig Jahren Leitung auch Konflikte gab, Entscheidungen, die nicht alle mittragen konnten, und Trennungen von Künstlern, bei denen unterschiedliche Wege die bessere Alternative waren – das ist wohl selbstverständlich, und ich habe darüber oft genug nachgedacht.

 Weil er die Dinge nicht nur persönlich, sondern auch grundsätzlich sieht.

 Über Leitungskultur an Theatern im Speziellen und über Leitungskultur im Allgemeinen muss immer wieder neu gesprochen werden. Das halte ich für richtig.

 ennoch haben ihn manche Darstellungen geärgert, zu denen es inzwischen Richtigstellungen gibt.

Was mich beschäftigt, ist etwas Grundsätzliches, und ich spreche hier über niemanden im Besonderen: Der Journalismus arbeitet unter Bedingungen, die gründliche Recherche immer schwerer machen. Zeitdruck, Personalmangel, die Ökonomie der Klickanzahl. Ich sage bewusst Bedingungen, weil ich glaube und hoffe, dass sie mehr erklären als böser Wille. Aber die Folgen sind zu besichtigen, und zwar nicht nur in Österreich.

Und wieder kommt er auf das Grundsätzliche zu sprechen, das für ihn immer eine politische Frage ist – und eine der Medien, in deren Berichterstattung er zeitweise selbst stand.

Dahinter steht eine Verschiebung, die ich politisch für erschreckend halte, und sie zieht sich durch alle Lager, links wie rechts: Weg von der Kunst der Debatte und des Zuhörens, hin zur ungeprüften Behauptung, meist im Ton der Jahrmarktschreierei. Ein aktivistischer Moralismus, der jeder Äußerung misstraut, die nicht den Ausweis inhaltlicher und ethischer Makellosigkeit vor sich herträgt. Das Theater lebt vom Gegenteil: vom Widerspruch, vom Aushalten des Uneindeutigen, vom Zuhören. Ein Theater, das so arbeiten würde wie manche Medien es tun, wäre sehr schnell leer und am Ende.

 gibt kein Leben ohne Vergangenheit, darum ist Thomas Birkmeir auch gerne bereit, auf seine Anfänge zurück zu blenden. Jahrgang 1964, geboren in einem Spital in München, war er in seiner Kindheit ein „Bauernbub“.

Ich bin zwar tatsächlich auf einem Bauernhof aufgewachsen, aber zum Bauern fehlte mir dann doch Wesentliches. Anstatt mich wie die anderen Jungen begeistert auf die Traktoren zu schwingen, saß ich lieber in Ecken herum und habe gelesen – meine Familie war überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte, denn Lesen gehörte nicht zu den Grundtugenden und galt nicht annähernd als sinnvolle Beschäftigung. Meine Großmutter erzählte mir grausige Märtyrergeschichten, die im Kind ein frühes Berufsbild weckten: am liebsten als Heiliger sterben! Später wurde das etwas abgeschwächt, und ich wollte nur noch ein erfolgreicher Missions-Priester in der Diaspora werden…

Ganz so einfach war die Kindheit von Thomas Birkmeir im Dorf nicht, denn er war das Kind eines italienischen Gastarbeiters, der seine Mutter zwar immer wieder heiraten wollte – aber kein Glück hatte. Sie, eine starke Frau, konnte sich weder vorstellen, in Apulien zu leben, noch, ihr Heimatdorf zu verlassen. Auch wenn das Leben mit dem unehelichen Sohn nicht eben problemlos war.

Das Bayern jener Zeit war geprägt von einem erzkonservativen, kontrollierenden Katholizismus, von allumgebender braunschwarzer Politik und dem unbedingten Willen der Regierenden, die Menschen nicht über ihren eigenen Tellerrand blicken zu lassen. Da hatte es ein uneheliches Kind nicht leicht – noch dazu, wenn der Vater ein Italiener war, von denen man ja genau zu wissen glaubte, „was das für welche waren“.

Aber eine starke Mutter prägte den Charakter eines Sohnes, der von frühester Kindheit wusste, wie es ist, wenn man es nicht leicht hat.

Meine wunderbare Mutter sprach mir immer Mut zu und bewies mir durch viele kleine Reisen, die sie sich kaum leisten konnte, dass es noch eine Welt außerhalb meines damals teilweise feindseligen Dorfes gab.

An Birkmeir erwies sich, was immer wieder gepredigt wird, nämlich dass es Aufstieg nur durch Bildung geben kann.

Und dann kam in den frühen Siebzigern die Bildungsoffensive der SPD unter Willy Brandt, die Kindern aus eher ärmlichen Verhältnissen die Möglichkeit bot, auf das Gymnasium zu gehen. Hier hat sich mir dann schließlich eine völlig neue Welt eröffnet – Schiller, Goethe, Shakespeare. Mit fünfzehn gründete ich meine erste Theatertruppe und fing an zu schreiben.

Literatur war für Birkmeir der Weg in das Verständnis der Welt.

Aus dem ursprünglichen, missionarischen Priesterwunsch wurde dann also „nur“ das Theater: Indem ich mich mit Literatur auseinandersetzen und meiner Leidenschaft, dem Schreiben, frönen durfte, fand ich einen der vielen Glücksfälle meines Lebens. Wenn ich heute mein Dorf und meine geliebte Mutter besuche, bin ich mit vielem versöhnt und freue mich, dass mir meine Kindheit dort trotz allem eine erdige, standhafte Basis mitgegeben hat. Und die Fähigkeit und Kraft, kein Duckmäuser zu sein.

In Birkmeirs Lebenslauf liest man, dass er u.a. Pädagogik, studierte, es folge das Schauspielstudium in München.

Die ursprüngliche Idee, Lehrer zu werden, hat ja auch mit einem gewissen Sendungsbewusstsein zu tun. Aber ich habe neben Pädagogik auch Psychologie und Philosophie studiert, weil mich die Auseinandersetzung mit dem Menschen an sich und mit der Bedeutsamkeit oder Nicht-Bedeutsamkeit des Lebens immer schon interessiert hat – ob nun im Verhältnis zur Religion oder zu bestimmten gesellschaftlichen Systemen. Früh sah ich mich als Existenzialisten im Sinne Sartres und seiner Maxime: „Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt“, und zu der Verantwortung, die daraus erwächst.

Aus theoretischen Überlegungen erwächst der Wunsch, dergleichen gewissermaßen zum Leben zu erwecken.

Gleichzeitig wollte ich immer schon auf einer Bühne stehen, wollte das Theoretische auch körperlich und in der Praxis erfahren, und dafür bietet sich am ehesten das Theater an. Also habe ich Schauspiel in München studiert. Mein Debüt hatte ich dann tatsächlich in einer kleinen Rolle – aber am Wiener Burgtheater. Meine Angewohnheit, auf Anweisungen von außen eher mit Misstrauen und Argwohn zu reagieren, dazu meine unbändige Lust, mehr als „nur eine Rolle“ zu gestalten – das überzeugte mich davon, dass Regie der richtigere Weg für mich war.

Damals wie vielleicht auch noch heute zählt das Wiener Reinhardt-Seminar zu den berühmtesten und prestigeträchtigsten Schulen, die Schauspieler und Regisseure ausbilden.

Ich bewarb mich am Max Reinhardt Seminar, wurde aus mehreren hundert Bewerberinnen und Bewerbern als einer von dreien ausgewählt, und da gab es kein Halten mehr. Da ich kein Geld hatte, war es für mich ein besonderes Glück, während meines Studiums am Seminar bereits als Regieassistent am Burgtheater beschäftigt zu werden – das habe ich vor allem Manfred Karge zu verdanken, der mich dorthin holte. Es waren äußerst spannende Zeiten.

Besonders spannend, weil damals im Burgtheater Claus Peymann das Haus und das ganze Wiener Theaterleben gewaltig aufmischte. Leicht hat es der „Star“ Peymann seiner Umwelt allerdings nie gemacht.

Bei Peymann war ich – je nachdem, wie man es sieht – leider oder Gott sei Dank nie Assistent: Er war als Regieassistenten-Killer verschrien. Tatsächlich holte er mich einmal in sein Büro, um mich kennenzulernen, aber eine Zusammenarbeit erledigte sich schnell. Als er mich fragte, unter welchem Sternzeichen ich geboren sei, und ich „Widder“ antwortete, meinte er nur seufzend: „Schade, mit Horntieren arbeite ich nicht.“ Was, nebenbei bemerkt, auch gestimmt hat – Widder, Stiere, Steinböcke kamen in seinen Teams nicht vor. Der große Peymann war also abergläubisch.

Die Wiener Theaterszene war damals mit großen Persönlichkeiten besetzt. Und ein Talent wie Birkmeir wurde wahrgenommen,

Aufgrund meiner sehr erfolgreichen Diplominszenierung – Fassbinders im bayrischen, kleinstädtischen Milieu spielender „Katzelmacher“ – wurde ich damals sofort von Emmy Werner und Hans Gratzer angeworben. Ich entschied mich für Gratzer und sein Schauspielhaus –   und ich weiß bis heute nicht, ob das eine Fehlentscheidung war. Zumindest hielt ich es dort nicht lange aus.

Diese Jahre der Suche bleiben keinem jungen Schauspieler bzw. Regisseur erspart. Und niemand wird leugnen, dass man in dieser Welt auch Glück haben muss.

Ab 1994 war ich dann als junger Regisseur am Theater der Jugend engagiert, wo ich auch Stücke schreiben durfte. Eine bessere Spielwiese und ein besseres Experimentierfeld hätte ich mir nicht vorstellen können, wie ich sie unter Reinhard Urbach und seinem hervorragenden Chefdramaturgen Günter Lackenbucher genießen durfte. Damals begann meine Liebe zum Kinder- und Jugendtheater – weil ich es als wesentlich bedeutsamer und inhaltlich wichtiger empfand als irgendeinen „hundertsten Faust“ für ein Erwachsenenpublikum an irgendeinem Stadttheater zu inszenieren.

Dennoch blieb Birkmeir damals nicht beim Theater der Jugend, sondern „experimentierte“ mit den Möglichkeiten, die die Theaterwelt bot.

Aufgrund einer Regieprofessur, die ich schon in jungen Jahren am Max Reinhardt Seminar innehatte, wurde ich 1998 von Klaus Maria Brandauer an Heribert Sasse empfohlen, der mich zusätzlich als Oberspielleiter nach Berlin holte. Auch dort am Renaissancetheater war einiges zu lernen.

Doch dann kam eine Chance aus Wien.

Ich war in Deutschland durchaus erfolgreich, aber mein späterer Chefdramaturg Gerald Maria Bauer überzeugte mich, dass ich mich doch einmal für ein Theater als Intendant bewerben sollte. Er hat mich die ganze Zeit begleitet – und jemand, der einem widerspricht, ist am Ende oft wichtiger als jemand, der zustimmt. Also bewarb ich mich um die Intendanz des Theaters der Jugend  – und es hat gleich bei dieser ersten Bewerbung geklappt, was mich selbst überrascht hat. Wieder so ein Glücksfall in meinem Leben.

Und so begannen 25 Spielzeiten am Theater der Jugend, das zwar eine Menge später berühmter Schauspieler hervorgebracht hatte, aber damals m Wiener Theaterleben keine besondere Rolle spielte.

In den Folgejahren wurden mir – auch wegen des Erfolgs, den wir in Wien hatten und der sich schnell herumsprach – verschiedene Intendanzen angeboten, unter anderem die Nationaloper Portugals oder das Staatstheater Braunschweig. Doch ich entschied mich, am Theater der Jugend zu bleiben, denn eine „klassische Intendantenkarriere“ war für mich ohnehin nicht erstrebenswert. Inhaltlich fand ich die Arbeit an einem Kinder- und Jugendtheater gehaltvoller, als mich in erster Linie um Rezensionen und Reputation im klassischen Stadttheaterbetrieb zu kümmern und irgendwelche Seilschaften bedienen zu müssen.

Birkmeir fand auch, was durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, Unterstützung in der Politik.

Der damalige, ganz neue Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny war von unserem Konzept überzeugt, das Theater der Jugend – das damals kaum Reichweite über die Stadt hinaus hatte – zu entmarginalisieren und zu internationalisieren. Dieses Konzept konnten wir schneller umsetzen als geplant, denn unsere Stücke wurden sehr bald nachgespielt, und der gute Ruf des Hauses, den wir uns rasch erarbeiteten, sprach sich ebenso rasch auch in Schauspieler– und Regisseurkreisen herum. So bewarben sich bald also viele Menschen bei uns, die vorher gar nicht auf die Idee gekommen wären, ans Theater der Jugend zu gehen. Und die Zahl der Nestroy-Preise und -Nominierungen, die wir seither sammeln durften, bestätigt wohl auch unsere Nase für Talente und die Akzeptanz, die wir genossen.

Dabei stellte ein Theater der Jugend seinen Direktor vor Probleme, die Kollegen gar nicht ahnen können.

Die besondere Schwierigkeit des Theaters der Jugend liegt darin, dass unsere Vorstellungen immer Generationen zusammenbringen. Da wir nicht am Vormittag spielen, kamen keine reinen Schulklassen zu uns, sondern meist Kinder oder Jugendliche in Begleitung Erwachsener. Dazu kamen pro Jahr zwei Vorstellungen für ein rein erwachsenes Publikum dazu. Das macht die Bandbreite sehr groß, und wir waren permanent damit beschäftigt, ein Theater für alle Generationen zu machen – nicht nur für ein bestimmtes gesellschaftliches Segment, wie etwa die obere Mittelschicht, die ins Burgtheater geht. Nein, wir mussten, ganz im Shakespeare’schen Sinn, alle Gesellschaftsschichten und alle Generationen bedienen.

Pro Saison einen Spielplan zusammen zu stellen, der von Kleinkindern bis zu Erwachsenen alle Schichten bedient, erforderte besonders Geschicklichkeit.

Das macht es natürlich schwierig, einen Spielplan zu finden, der all dem gerecht wird. Diese Schwierigkeit hat im Übrigen auch dazu geführt, dass wir selbst sehr viel geschrieben haben – weil es die Stücke, die wir für gut befanden, schlichtweg nicht gab. Auch das trug zur Entmarginalisierung des Hauses bei, denn unsere Stücke – oft Bearbeitungen von Stoffen der Weltliteratur – wurden in der Folge vielerorts nachgespielt. Zu meiner Freude laufen meine Stücke weiterhin sehr gut, und so möge es hoffentlich auch bleiben.

Abgesehen davon, immer das richtige Personal zu finden, war der Spielplan eines der Hauptprobleme und wurde, da das Theater im Lauf der Zeit breite Beachtung fand, auch viel diskutiert.

Die Notwendigkeit, ein auf Wien und unser Publikum zugeschnittenes Programm zu erstellen, war zentral. Es gab viele heiße Diskussionen um Stücke, um Bearbeitungen, darum, für welches Publikum wir etwas machen und was unser politischer Wille dahinter ist. Diese Arbeit haben wir so ernst genommen, und ich glaube, das ist der eigentliche Grund, warum wir zu einer bestimmten Güteklasse vorgestoßen sind.  Abgesehen von den vielen Inszenierungen, die wir gemeinsam mit unserem vielfach großartigen Ensemble gestaltet haben, sind es wohl vor allem die Stücke selbst, die bleiben.

Birkmeir hat nie versucht, es seinem Publikum – und seien die Kinder noch so klein – leicht zu machen.

Wir waren immer der Auffassung, dass der Mensch schon im kleinsten Alter ein sogenanntes zoon politikon ist – ein politisches Wesen, wie es schon Aristoteles beschrieb. Auf jedem Kindergarten- oder Schulhof finden schon teils brutale Machtkämpfe statt. Politik wird gemacht, Bündnisse werden geschlossen, Kriege oder Kämpfe entstehen zwischen verschiedenen Fronten, ein Miteinander wird erprobt. Unsere Theaterauffassung hatte dieselbe Funktion, die auch schon die altgriechischen Stücke hatten – die großen Probleme zu zeigen, die in den Tragödien der Atriden etwa wohnen, oder in Antigone, über Shakespeares Königsdramen bis zu Schillers „Wilhelm Tell“ oder „Don Carlos“, wo Macht, Widerstand und Gewissen verhandelt werden: Verhaltensweisen von Menschen, die als Diskussionsgrundlage dienten, um das Miteinander, Macht und Verantwortung zu erforschen.

Die beiden letzten Stücke der Ära Thomas Birkmeir waren exzessiv politisch – über Hitlers Wiederkehr und über das Einschleichen des Faschismus in eine naive heile Welt.

Wenn wir etwa ein Stück wie „Er ist wieder da“ für die Erwachsenen auf die Bühne bringen oder „Die Wiese“ für die Allerkleinsten, in der eine offene Gesellschaft in eine Diktatur umgebaut wird, geht es um nichts anderes als um die Frage, wie schnell eine Gesellschaft bereit ist, demokratische Grundwerte für vermeintlich einfache Antworten aufzugeben. Das ist politisches Theater, nicht im politisch-tendenziösen, sondern in einem sehr grundsätzlichen Sinn: Interessanterweise verstehen das auch schon die Kleinsten – sonst hätte ich das Theater für junges Publikum nicht so lange interessant finden können.

Ein Theater wie das Theater der Jugend zu leiten, ist auch ein Lernprozess für den Direktor, der sich schließlich mit seinem Publikum auseinander setzt.

Kinder und Jugendliche haben ein genaues Sensorium dafür, worum es geht, was gefährlich ist und wie man sich eigentlich verhalten müsste – und was einen manchmal davon abhält, das Richtige zu tun. Und vor allem: Sie verstehen sehr genau, ob und wie ernst man sie nimmt.

Die 25 Jahre der Birkmeir-Intendanz waren der Beginn des 21. Jahrhunderts – eine Epoche, die von Veränderungen überrannt wurde.

Prinzipiell glaube ich, dass in jeder Epoche sehr viel passiert ist – jede Generation hält ihre eigene Zeit für die bewegteste, wahrscheinlich zu Recht, aus ihrer eigenen Perspektive. Gerade meine Generation, die Babyboomer, befindet sich allerdings in einer geradezu einzigartigen historischen Situation: Wir mussten über Jahrzehnte hinweg keinen Krieg erleben, und gleichzeitig begleitete uns ein fast permanenter wirtschaftlicher Aufstieg. Das führt durchaus zu einer gewissen Bequemlichkeit, zu Vergesslichkeit gegenüber dem, was frühere Generationen durchstehen mussten, und manchmal auch zu einer schwer zu ertragenden Wehleidigkeit – ich habe oft das Gefühl, je besser es den Menschen geht, desto wehleidiger werden sie.

Aber an den radikalen Veränderungen der Zeit konnte das Theater natürlich nicht vorbei gehen.

 Natürlich haben sich die Bedingungen für das Theater radikal verändert, vor allem durch Smartphones und Soziale Medien, die schon die Kleinsten prägen. Und ja, wir sind mitgegangen – aber nicht, indem wir den Stoffen hinterhergelaufen sind, sondern indem wir sie so übersetzt haben, dass sie für heutige Kinder wieder unmittelbar erfahrbar wurden. Wenn wir David Copperfield in die U-Bahn versetzten oder Heidi in der Wohnungslosigkeit ansiedeln, ging es nicht um Effekthascherei, sondern um Übersetzungsarbeit: Ein Kind von heute versteht die Verlorenheit eines zunächst obdachlosen Mädchens sehr unmittelbar. Der Kern der Geschichte – Einsamkeit, Ausgrenzung, das Ringen um einen Platz in der Welt – bleibt exakt derselbe. Nur das Kostüm wechselt.

Hat Thomas Birkmeir durch seine hundertprozentige Hingabe an das Theater der Jugend eine „Karriere“ geopfert, die er hätte machen können?

Ja, ich habe sehr viele Angebote in den letzten Jahrzehnten abgelehnt – von durchaus renommierten und großartigen Häusern der ersten Liga im deutschsprachigen Raum, und dort wäre ich nicht nur im Bereich Kinder- und Jugendtheater eingesetzt worden, sondern sehr häufig auch im Inszenierungsbereich für erwachsene Zuschauer. Aber, wie ich schon betonte: Was ich diese zweieinhalb Jahrzehnte gemacht habe, war meine tiefste innere Überzeugung, und von der wollte ich nicht abrücken – und das hat mich sehr glücklich gemacht.

Jetzt ist es Zeit, in die Zukunft zu blicken.

Ein durchschnittlicher westeuropäischer Mann wird zur Zeit etwa 77 Jahre alt. Ich bin nun 62 – mit etwas Glück bleiben also noch etwa 15 Jahre bei hoffentlich erträglicher Gesundheit. Aus der Perspektive eines bereits gelebten 62jährigen Lebens erscheint mir das nicht sehr viel: 15 Jahre verstreichen erfahrungsgemäß wie im Flug. Aber da ich in der glücklichen Lage bin, nicht mehr in einem Brotberuf arbeiten zu müssen, kann ich mich nun den zusätzlichen Ideen zuwenden, die ich noch für mein restliches Leben habe – und die ich teilweise viel zu lange aufgeschoben habe. Diese Aussicht macht sehr frei.

Reisen, lesen, schreiben – der Blick nach vorne.

Und diese Freiheit möchte ich nutzen: Es gibt einige sehr schöne Projekte, die vor mir liegen und die – zumindest vorerst – nichts mit Theater zu tun haben werden, Projekte, die mich auch an einen Ort führen, der mir sehr am Herzen liegt. Ich gehe mit offenen Armen auf die Zukunft zu. Schreiben und Lesen werden bestimmt Antriebsfedern meines restlichen Daseins bleiben…

 

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