Berlin/Deutsche Oper Berlin:„
WERTHER“ als mehrfacher grandioser Abschied
25.07.2025
Die Saison an der Deutschen Oper Berlin ist an diesem 25. Juli definitiv beendet worden und gleichzeitig auch das 13jährige Schaffen des Intendanten Dietmar Schwarz, der auch viel Neues oder kaum Bekanntes auf die Bühne brachte.
Zu seinem Abschied ließ er zunächst durch Benedikt von Peter eine recht verrückte Version von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ erstellen. Die eher konservativen Musikfans wurden jedoch anders bzw. besser bedient. Mit seiner letzten Premiere am 23.07.2025 machte Dietmar Schwarz das Publikum im ausverkauften Saal durch Jules Massenets „Werther“ in einer konzertanten Fassung glücklich.
„Die Leiden des jungen Werthers“ ein Briefroman von Johann Wolfgang Goethe war der Schlüssel zu dem Werk, aus dem einst das Libretto entstand. Die Uraufführung in einer deutschen Fassung am 16. Februar 1892 an der Wiener Hofoper wurde dann ein großer Erfolg.
Heutzutage regiert in Deutschland jedoch weithin das Regietheater, das viele Opernfreunde stutzig oder ärgerlich macht. Die gerade im Online Merker beschriebenen Bayreuther „Meistersinger“ scheinen dafür ein neues Beispiel zu sein.
Auf solch eine Verfremdungen verzichtete diesmal die Deutsche Oper Berlin unter der Musikalischen Leitung von Enrique Mazzola und ebenfalls der Kinderchor, geführt von Christian Lindhorst. Die Spielleitung hatte Philine Tiezel inne. Dass das Orchester nun auf der Bühne saß, war ein weiteres Plus. Wie gut konnte das Publikum der Musik mit Augen und Ohren folgen.
Dennoch steht und fällt alles mit dem Liebespaar, also Werther und Charlotte. Vor allem Jonathan Tetelman (geboren 1988) war zu bewundern. Vier Akte auf Französisch mit ihren fordernden Arien bewältigte er ausdrucksvoll, mal lyrisch, mal mit verzweifelter Stärke. Kein Ton rutschte ab, stets bliebt sein Tenor spinto klar, leuchtend und manchmal auch samtig.
Er sang und spielte nicht nur den Werther, er schien es tatsächlich zu sein, er ein Chilene, der als kleines Kind von einem amerikanischen Ehepaar adoptiert und dort später gesanglich ausgebildet wurde. Schon seit Jahren ist er an den wichtigsten internationalen Opernhäusern präsent und dennoch ein bescheiden wirkender Star.
In der Deutschen Oper Berlin debütierte er in „Francesca da Rimini“, und Kirill Petrenko gewann ihn in diesem Jahr als Pinkerton in Madama Butterfly für die Osterfestspiele 2025 in Baden-Baden. In Berlin wurde die Oper danach konzertant aufgeführt, und dabei ließ sich lernen, dass die so verstärkte Konzentration auf das Singen vorteilhaft für das Publikum ist.
Doch zurück zu Werther und zu Tetelmans Partnerin Aigul Akhmetshina als Charlotte, die er zusammen mit Freunden zum Ball begleitete. Bei ihm hat’s gleich „gefunkt“, bei ihr wohl nicht.
Auch sie hat eine schöne und ausdauernde Stimme, doch am Ausdruck fehlt da noch einiges. Verliebt sie sich auch sogleich in Werther, oder hindert sie der Eid, den sie ihrer sterbenden Mutter versprochen hat, nämlich ihren Verlobten Albert (Dean Murphy) zu heiraten.
Ihre Schwester Sophie gibt Lilit Davtyan, Michael Bachtadze singt den Amtmann, Chance Jonas-O’Toole den Schmidt, Gerard Farreras den Johann, Jörg Schörner den Brühlmann und Karis Tucker das Käthchen. Maßgebend sind Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin.
Erst in der Todesscene zeigt nun Charlotte dem Werther, dass auch sie ihn heftig liebt. Alles zu spät. Er stirbt nach dem Selbstmord mit Alberts Pistolen noch aufrecht singend in ihren Armen. Lange Standing Ovations sind die Folge, insbesondere für Jonathan Tetelman und Aigul Akhmetshina.
Ursula Wiegand

