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DAVID DANIELS Ein Counter im Sturm. The Tempest an der Staatsoper

12.06.2015 | INTERVIEWS, Sänger
Der amerikanische Counter DAVID DANIELS als Trinculo in Thomas Adés "The Tempest"

Der amerikanische Counter DAVID DANIELS als Trinculo in Thomas Adés „The Tempest“ Foto: Pöhn/WSO

Thomas Adés Erfolgsoper „The Tempest“, die vor mehr als einem Jahrzehnt in London uraufgeführte wurde, ist nun auch in Wien zu sehen. Die Oper basiert auf Shakespeares „Der Sturm“. Wie auch in New York inszeniert der Kanadier Robert Lepage.

Aus Anlass dieser Premiere luden wir den Sänger und Darsteller des Trinculo, den amerikanischen Counter David Daniels zu einem Interview, das am 9.Juni 2015 stattfand.

Herr Daniels, Sie waren ja schon mehrmals in Wien ?
Oh ja, ich liebe Wien, es ist eine wundervolle Stadt. Es ist so schön hier endlich einmal im Mai und im Juni hier zu sein, ich war sonst immer nur im Februar hier. Ich habe hier oft gesungen, neben dem Radamisto am Theater an der Wien dort auch Händels „Partenope“ und auch einige Male im Konzerthaus und im Musikverein unter Harnouncourt.
Haben Sie einen Lieblingsort in der Stadt ?
Schwierig zu sagen, ich liebe besonders das gute Essen und das Bier hier. Den Naschmarkt oder das Schweizerhaus im Prater – das finde ich großartig.
Wie kam es zu ihrem Engagment in „The Tempest“ ?
Mir wurde die Rolle vor 2 Jahre vorgeschlagen, dies ist nun nicht nur mein Rollendebüt sondern auch mein Hausdebüt an der Wiener Staatsoper. Ich habe hier noch nie eine Oper als Zuschauer erlebt, es war also sehr beeindruckend dieses berühmte Haus das erste Mal von der Bühne aus zu sehen.
Sie sind in der kleinen Stadt Spartanburg in South Carlolina aufgewachsen, wie kamen sie dort das erste Mal mit klassischer Musik in Kontakt ?
Meine Eltern waren Sänger und Gesangslehrer, ich wuchs also mit Musik auf. Sie unterrichteten an einem kleinen College, welches Frauen vorbehalten war, und ich sah sie dort unterrichten. Es ist zwar eine kleine Stadt, die aber sehr reich an kulturellem Leben war, das durch die verschiedenen Universitäten, die dort angesiedelt waren in Gang gehalten wurde.
Außerdem gab es jeden Sommer ein Festival in den Bergen von North Carolina, das vom Brevard Music Center organisiert  wurde, und alle großen Sänger kamen zu diesem Festival. Dort konnte ich unter anderen auch Renato Scotto und Marilyn Horne hören.
Ich hörte natürlich auch die Platten meiner Eltern, besonders erinnere ich mich an eine „Traviata“ Aufnahme mit Caballe, Bergonzi und Milnes, das war meine Lieblingsplatte … ja, ich hatte eine seltsame Kindheit (lacht).
Haben Sie Geschwister ?
Ich habe einen sechs Jahre älteren Bruder, der zwar nicht singt, aber Cellist geworden ist und heute in Virginia lebt.

David Daniels privat

David Daniels privat

Wann wurde aus der Liebe zur Musik und dem Singen der Entschluss daraus einen Beruf zu machen ?
Das wusste ich immer schon. Ich war zuerst ein Knabensopran, und machte dann meine Ausbildung zum Tenor, aber die Counterstimme war immer schon da. Trotzdem studierte ich sechs Jahre lang Tenorstimme (zuerst am Cincinnatti Conservatory of Music, dann in Michigan) und hatte immer zu kämpfen, da trotz entwickelnder Technik sich meine Stimme immer irgendwo forciert anfühlte. Ich hatte dieses tiefe Bedürfnis im Herzen Musik zu machen, aber die Stimme wollte irgendwie nicht mitachen. Erst fast gegen Ende meines Studiums, es war 1992, beschloss ich ins Counterfach zu wechseln und habe seither nicht mehr zurückgeblickt. Plötzlich hatte sich die Stimme geöffnet.
Ich studierte damals an der Universität in  Michigan und ich sang eine Counterarie meinem Lehrer George Shirley vor, einem großen Sänger,  der einer der ersten Afroamerikaner war, die an der Met gesungen haben.  Er hörte mir zu und meinte: „Das ist es. Du musst jetzt diese Entscheidung treffen. Aber das ist dann deins.“
Wir sprachen vor Kurzem mit Herrn Cencic, dem kroatischen Counter, der sich selbst als „Mezzo“ bezeichnet. Machen sie auch solche Unterschiede in der Stimmlage?
Nein, ich bin ein Counter – kurz und gut. Ich mache da keine Unterschiede
Können Sie jetzt als Counter noch normale Stimmlagen singen ?
Nein, das ist mir nicht mehr möglich und es würde es auch nicht mehr wollen.
War der Boom, den die Barockmusik erlebt, mit ein Grund für ihre Entscheidung ins Counterfach zu wechseln?

David Daniels als Trinculo,mit seinem Bühnenpartner

Trinculo David Daniels (rechts) mit Dan Paul Dumitrescu

Nein, dieser Boom ist ja bei uns viel später gekommen. Aber natürlich hat dieser Trend meiner Karriere sehr geholfen. Es gab zwar schon zu meiner Anfangszeit eine Wiederentdeckung des Barock, aber nicht auf der Ebene der Opernhäuser – eine Opernkarriere als Countertenor war damals noch sehr unrealistisch.
Wie ist es jetzt mit einem Komponisten, Thomas Adès, zu arbeiten, der auch ihr Dirigent ist ?
Dies ist meine zweite zeitgenössiche Oper, davor gab es Theodore Morrissons „Oscar“, das für mich geschrieben wurde. Morrisson und Adès sind sehr unterschiedliche Komponisten. „The Tempest“ ist die schwierigste Musik die ich jemals lernen durfte,  alles ist so intelligent, so durchdacht, Adès hat ein unglaubliches Hirn: für ihn macht alles Sinn …. für uns ist es etwas schwieriger (lacht). Aber er ist so ein wundervoller Mensch und Kollege, er weiß wie schwer es ist und er hilft uns wo er kann, er kennt sein Stück so gut und hat eine solche Freude daran, dass wir uns frei fühlen und jenenfalls Spass an der Sache zu haben.
Wie lange haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet ?
Nicht lange genug (lacht). Ungefähr ein Monat, aber ich wusste, dass wir hier noch einmal sechs Wochen proben würden. Aber meine Rolle ist ja auch nicht besonders groß. Ein Pianist hat mir die Musik zu der Partie des Trinculo aufgenommen, zusammen sind es gerade elf Minuten und 45 Sekunden, so lang ist bei Händel gerade einmal eine Da-Capo Arie.
Gibt es eine Chance Theodore Morrissons „Oscar“ in Europa zu sehen ?
Es gibt zur Zeit keine Pläne dafür, aber natürlich wäre das wundervoll. Man könnte das zum Beispiel in London oder in Paris am Theatre des Champs-Elysees aufführen, Oscar Wilde ist ja bekanntlich in Paris gestorben. Ich werde drei Arien aus dieser Oper am 4.Juli bei einem Konzertabend in Edinburgh singen, also schauen wir einmal.
Planen Sie in Zukunft mehr Zeitgenössisches zu singen ?
Mein Leben wird sich ab September ziemlich verändern, ich kehre nämlich an meine alte Universität, meine „Alma Mater“, an die „School of Music“ in Ann Arbor, Michigan zurück und werde dort unterrichten. Nicht nur, dass ich  dort studiert habe, auch meine Eltern haben sich dort kennengelernt. Ich liebe Michigan und es arbeiten tolle Menschen an dieser Universität, darunter  die Pianistin Kathleen Kelly, die von 2010-2013 in der Staatsoper gearbeitet hat, oder Martin Katz, mein Korrepetitor, der ist auch dort.
Es gab einfach einen Moment in dem ich mein Leben betrachtete, mein Alter – ich werde in vier Monaten 50 – sowie die Rollen, die momentan auf Opernbühnen zu singen sind. Wissen sie, es gibt Stücke, die ich heute singe, bei denen ich das Gefühl habe wie 25 zu klingen – und dann gibt es Stücke bei denen ich glaube, wie 75 zu klingen (lacht). Ich liebe es zu unterrichten und diese Arbeit an der Universität gibt mir die Gelegenheit genau das zu singen, worauf ich Lust habe. Man passt sich auch meinen Terminen an, wenn ich länger als drei Wochen weg bin, gibt es einen Ersatz für mich. Ich werde also neben meiner Lehrtätigkeit natürlich weiter in Produktionen auftreten, aber mein Lebensmittelpunkt wird sich verschieben.
Was werden sie neben ihrer Lehrtätigkeit im nächsten Jahr singen ?
Ich singe „Rodelinda“ am Bolshoi-Theater, das wir mein Debüt an dem Haus sein, die „Matthäuspassion“ nächsten März 2016 in Amsterdam und im Oktober komme ich zur Wiederaufnahme des Tempest wieder nach Wien.
Welcher ist ihr Lieblingskomponist und welches ihre Lieblingsrolle ?
Meine Lieblingskomponist ist sicher Händel, einfach weil er ein riesiger Teil meines Lebens ist. Meine Lieblingsrolle ist sicher Arsace aus Händels „Portenope“, mit der ich früh in meiner Karriere, 1998, beim Glimmerglass Opernfestival debütierte. Was ich an meinem Gesang schätze sind die lyrischen langen Legato-Linien und Arsace hat viele dieser Arien. Die Tessitura ist sehr hoch, und dies ist, so finde ich, der beste „Teil“ meiner Stimme.  Als Figur hat Arsace einerseits eine Tiefe aber auch ein komisches Element, er ist für mich also ein sehr ausgereifter, voller Charakter – daher ist er bei weitem meine Lieblingsrolle.
„Giulio Cesare“ habe ich beispielsweise weitaus öfter gesungen, aber mich nie besonders in dieser Rolle gemocht. Es hat mir einfach nie dieselbe Freude bereitet, sie zu singen. Und am Ende des Abends bekommen Cleopatra und Marc Anton die ganze Aufmerksamkeit und Caesar verschwindet völlig im Hintergrund, das mißfiel mir (lacht).
Was würden sie als wichtige Rolle in ihrer Karriere bezeichnen ?
Peter Sellars Inszenierung von Händels „Theodora“ beim Glyndebourne Festival, eine Produktion mit William Christie und Dawn Upshaw aus dem Jahr 1996. Das war meine Einführung und die erste wirkliche Begegnung mit Europa.
Eine weitere wichtige Etappe oder Auszeichnung war es, als erster Countertenor einen ausverkauften Solokonzertabend in der Carnegie-Hall  2002 zu geben.
Sehen sie einen Unterschied zwischen der Arbeitsweise in europäischen Häusern und Opernhäusern in den U.S.A. ?
Jedes Haus ist anders. Ich sehe eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Wiener Staatsoper und deutschen Häusern, in dem Punkt dass sie bestimmten Regeln unterstehen und man sich als Künstler eher dem Apparat anpasst als umgekehrt. Die Met wiederum ist eine eigene Welt, aber auch die hat sich in den letzten 15 Jahren völlig verändert.
Wodurch ?
Durch das Internet, die sozialen Medien, der Kino-Livestream in HD. Fast jede Vorstellung wird dort zumindest im Radio übertragen, zu jedem Zeitpunkt hört irgendjemand auf der Welt zu. Das verändert den Druck unter dem man als Sänger steht. Es geht nicht mehr um die Beziehung zwischen Künstler und dem anwesenden Publikum, sondern um die Beziehung zwischen dem Künstler und dem Rest der Welt. Ich denke dass das eben Oper heutzutage ist, ich mag es nicht immer, aber ich denke auch, dass man es nicht mehr ändern kann, es macht also keinen Sinn sich dagegenzustellen.
Es gibt aber einen Unterschied zwischen Livestream, wie sie hier in Wien stattfinden und den HD-Kinoübertragungen wie sie in der Met stattfinden, wo man uns spezielles HD-Makeup anlegt, für welches man Stunden früher in die Maske muss, dann bekommt man noch Mikrofone in die Perücke gesteckt für die Übertragung …. das stresst doch sehr.
Was tun Sie, wenn sie nicht singen ? Welche Hobbys haben Sie?
Ich bin ein großer Sport-Fan, ich interessiere mich sehr für Baseball, habe früher auch selbst Basketball gespielt, spiele auch immer noch Tennis. Sport ist mein Ausgleich zum Singen, Sport und Reality-TV (lacht).
Habe Sie eine Routine, was die Tage eines Auftritts angeht ? Sind sie nervös ?
Ich habe mittlerweile eine gewisse Routine entwickelt, wenn ich morgens meine Stimme durch summen „wecke“ merke ich eigentlich recht schnell ob es ihr gut geht. Was ich allerdings nicht mag, ist das lange Warten auf einen Auftritt am Abend, das ist anstrengend. Deshalb mag ich Matinée-Vorstellungen sehr gern, es gibt Kollegen die sich darüber beklagen, aber ich performe da oft am Besten.
Reist ihr Ehemann mit Ihnen ?
Ja, er begleitet mich seit 7 Jahren bei meinen Produktionen, in wenigen Tagen feiern wir unseren Jahrestag. Wir würden ja von einer sehr berühmten Person verheiratet, der Richterin des Supreme Courts Ruth Bader Ginsburg – das war wirklich wundervoll.

Wir danken Herrn David Daniels für dieses Gespräch und wünschen ihm für die Wiener Aufführungen des Tempest viel Erfolg.

Das Gespräch mit dem Künstler führte Ella Gallieni
Für die Gestaltung des Interviews verantwortlich: Peter Skorepa
Das Interview fand in den Räumen der Wiener Staatsoper und in englicher Sprache statt

 

 

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